Sehnenrisse an der Schulter? Noch im Jahre 1970 war selbst vielen Fachleuten kaum bekannt, wie häufig bestimmte Sehnen im Innern der Schulter reißen. Inzwischen betreffen in den USA bereits zehn Prozent aller orthopädischen Operationen das Schultergelenk, wobei die Behandlung von Sehnenrissen zahlenmäßig meist im Vordergrund steht. Im heutigen Kapitel, das eine Fortsetzung unserer Darstellungen in den ARTHROSE-INFOS Nr. 27 und 37 ist, möchten wir uns diesem Thema ausführlicher zuwenden. Wir erläutern zuerst, welche Sehne besonders häufig betroffen ist und welche typischen Symptome auftreten können. Danach beschreiben wir Diagnostik und Therapie sowie nützliche Hinweise für den Alltag.
Bei 12 Prozent aller Übersechzigjährigen findet sich heute ein vollschichtiger Riss an mindestens einer der inneren Sehnen der Schulter, ein teilschichtiger Riss sogar bei 35 Prozent! Betroffen ist meist die Sehne jenes Muskels, den der Arzt Supraspinatus nennt: Vom oberen Teil des Schulterblatts kommend, zieht er zum Schultergelenk, umläuft den Gelenkkopf und setzt mit seiner flachen Sehne an einem Knochenvorsprung des Oberarms an. Er ist von großer Bedeutung für das Heben des Arms. Auch trägt er dazu bei, dass der Gelenkkopf optimal in der Gelenkpfanne geführt wird.
In vielen Fällen verursachen Schulter-Sehnenrisse zunächst keine Beschwerden. Wenn jedoch Schmerzen vorhanden sind, treten sie meist nicht bei hängendem Arm auf, sondern erst ab einem seitlichen Hebewinkel von etwa 60 Grad („Schmerzhafter Bogen“). Auch können nachts starke Schmerzen im Oberarm oder Nacken auftreten, die sich erst beim Umhergehen in der Wohnung und durch leichte Pendelübungen bessern. Manchmal kann man erst in einem Sessel etwas Linderung und Schlaf finden. – Auch eine zunehmende Einsteifung des Gelenks kann ein wichtiges Symptom sein.
Wenn Sehnen nicht gerade verlaufen, sondern umgelenkt werden, reduziert dies ihre biomechanische Belastbarkeit. Auch die Blutversorgung kann zusätzlich vermindert werden, wodurch die Belastbarkeit noch weiter abnimmt. Beide Besonderheiten treffen bei der Supraspinatus-Sehne zu und erklären, warum sie ab dem 40. Lebensjahr oft vorzeitig altert, schwächer wird und ausfasert. Darüber hinaus wird sie bei manchen Tätigkeiten, so besonders bei Überkopfarbeiten und bestimmten Sportarten, wie Tennis, Golf, Volleyball, Schwimmen und Speerwerfen, hoch belastet.
Schulter-Sehnenrisse allein durch Unfälle sind selten (2 %) und ereignen sich meist vor dem 40. Lebensjahr z. B. durch bestimmte Stürze bei Glatteis, Ski oder Motorrad fahren. Nach dem 40. Lebensjahr (98 %) kommt einer nicht bemerkten Vorschädigung oft eine zentrale Bedeutung zu. Schon geringfügige Überlastungen können dann als Auslöser wirken. Fensterflügel, die vom Wind aufgestoßen werden und gegen den entgegengestreckten Arm schlagen, oder das abrupte Abbremsen des Busses können oft bereits ausreichen, um die schon geschwächte Sehne endgültig abzureißen.
Der erfahrene Arzt kennt mehrere verlässliche Tests, mit denen er in über 90 Prozent der Fälle die Diagnose eines Sehnenrisses bereits ohne weitere Hilfe stellen kann. Darüber hinaus wird von vielen Ärzten inzwischen eine Ultraschall-Untersuchung („Sonographie“) eingesetzt. Die meisten Experten empfehlen auch MRT-Aufnahmen („Magnet-Resonanz-Tomographie“ oder „Kernspin“), unter anderem um den Vitalitätszustand des zugehörigen Muskels zu beurteilen. Dieser Untersuchungsbefund ist für viele Operateure heute mitentscheidend bei der Wahl der Therapie.
Eine konservative, nicht-operative Therapie kann zwar die Beschwerden lindern, nicht aber den vollständigen Riss einer Schultersehne heilen. Ein über längere Zeit bestehender Sehnenriss verschlechtert vielmehr die Heilungsaussichten nach einer OP und kann auch zu Rissen der übrigen Sehnen der sog. „Rotatoren-Manschette“ sowie der langen Sehne des Bizeps-Muskels führen. Je weiter sich die Sehnenrisse ausbreiten, umso größer ist dann die Gefahr, dass sich die „Cuff-Tear-Arthropathie“ entwickelt, die sehr schmerzhaft und zudem schwierig zu behandeln ist (INFO 27).
Wann empfiehlt sich dennoch eine konservative Therapie? Sie dient meist als erste, auf die OP vorbereitende Maßnahme oder als alleinige Therapie, wenn eine Operation nicht sinnvoll ist. Die konservative Behandlung soll (1) Schmerzen und Entzündungen lindern und (2) eine eingetretene Einsteifung wieder beseitigen. Die wichtigsten Methoden dieser Behandlung sind: Medikamente, Injektionen und besonders Krankengymnastik sowie ggf. Ultraschall- und Elektrotherapie. Auch eine Anpassung der beruflichen und persönlichen Tätigkeiten kann sehr unterstützend wirken.
Die operative Naht wird von vielen Experten empfohlen, wenn die folgenden Voraussetzungen erfüllt sind: Das Gelenk sollte nicht akut entzündet und auch nicht eingesteift sein; im Röntgenbild muss der Gelenkkopf einen Mindestabstand von 7 mm vom Schulterdach haben; die Muskulatur muss vital sein (Stadium I oder II im MRT), und zudem sollte der Patient hoch motiviert und noch recht aktiv sein. Denn die Reha-Zeit nach der Operation dauert oft mindestens drei Monate und gelingt nur mit bester Mithilfe des Patienten.
Eine besonders herausragende Eigenschaft des Schultergelenks ist seine große Beweglichkeit. Diese stellt aber auch hohe Anforderungen an Gelenkkapsel, Sehnen und Muskeln. Übertriebenes Krafttraining kann manche dieser Strukturen überfordern und schon bei jüngeren Menschen zu bleibenden Schäden führen. Wer seinen Kraftsport liebt, sollte diese Tatsache nie aus den Augen verlieren! – Andererseits – so betont Herr Prof. Matsen aus Seattle (USA) – kann eine maßvolle Betätigung und Belastung der Schulter deren Stärke erhalten und sogar gegen Verletzungen schützen.
Wer das 40. Lebensjahr überschritten hat, befindet sich nach heutigen Maßstäben auf dem Höhepunkt seiner Schaffenskraft. Man sollte jedoch stets bedenken, dass die inneren Schultersehnen von diesem Zeitpunkt an zunehmend an Stärke verlieren und in den kommenden Jahren immer leichter schon durch geringfügige Belastungen überfordert werden. Es ist daher sehr zu empfehlen, sich diese Tatsache bewusst zu machen und bei Arbeit, Freizeit und Sport auf hohe Belastungen der Schultern zu verzichten. Auch bei ungewohnten Tätigkeiten sollte man eher behutsam vorgehen.
Viele Überkopfarbeiten, die die Schultersehnen besonders beanspruchen, lassen sich vermeiden, wenn man bewusst Hilfsmittel einsetzt. So empfiehlt es sich bei Maurer-Arbeiten, schon bei relativ niedrigen Höhen das Gerüst aufzustellen. Im Haushalt kann das Aufhängen von Vorhängen durch die Zuhilfenahme einer sicheren Haushaltsleiter erleichtert werden. Eine einfache Regel besagt: „Ellenbogen nahe am Körper halten und die Hände nur bis in Augenhöhe heben.“
Schließlich sollte man schwere Gegenstände auch nicht einseitig oder mit lang gestrecktem Arm heben: Schwere Bettwäsche ist besser in den mittleren Schrankfächern zu lagern und wird außerdem am besten mit beiden Händen gehoben. Wenn beide Arme heben und tragen, verteilt sich die Belastung auf beide Schultern und belastet sie somit nur halb so stark. Auch die Zuhilfenahme von vorhandenen Hilfsgriffen kann die Belastung vermindern. Alle diese Hinweise können dazu beitragen, die Sehnen zu schützen und somit die Schultern auch weiterhin gesund zu erhalten.