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Tipps bei Lockerung des künstlichen Kniegelenks

Künstliche Kniegelenke zählen heute – dank der großen Fortschritte der letzten dreißig Jahre – zu den haltbarsten Endoprothesen überhaupt. Wer sich bei einer schweren Kniearthrose für das Einsetzen eines modernen künstlichen Gelenks entscheidet, kann daher berechtigte Hoffnungen haben, dass das neue Gelenk viele Jahre halten wird. Was aber, wenn später wieder Schmerzen auftreten und sich herausstellt, dass sich das künstliche Gelenk gelockert hat? Was sind die typischen Symptome, welche Risiken sollte man kennen, und was kann man selbst zur Vorbeugung tun? Diesen wichtigen Fragen möchten wir uns in der heutigen Ausgabe zuwenden. Die grundlegenden Praktischen Tipps in den ARTHROSE-INFOS Nr. 7, 9, 19, 29 und 39 dürfen wir als wichtige Einführung vorab nochmals empfehlen.

1. Lockerungen sind selten

Lockerungen des künstlichen Kniegelenks sind zum Glück relativ selten. Von schätzungsweise 200.000 künstlichen Knien, die jährlich in Deutschland eingesetzt werden, können bei Beachtung neuester Erkenntnisse rund 90 Prozent auch fünfzehn Jahre nach der Operation noch voll funktionsfähig sein. Das heißt: Innerhalb von zehn Jahren nach dem Einsetzen lockern sich dann weniger als 10 Prozent der Prothesen. Damit sind die Ergebnisse etwa genauso günstig wie bei den künstlichen Hüftgelenken. Im Folgenden beschreiben wir zwei typische Arten von Lockerungen.

2. Lockerungs-Typ 1: Die „aseptische“ Lockerung

Wie bereits im letzten ARTHROSE-INFO beim künstlichen Hüftgelenk beschrieben (siehe dort Tipp 3 und 4), erzeugt jede Belastung einen Abrieb, der sich im Laufe der Zeit beträchtlich summieren kann. Dadurch verändert sich nicht nur die Form der Prothese. Auch die Abriebpartikel selbst verursachen eine Rückbildung des Knochens direkt an der Prothese. Das Knochengewebe zieht sich dabei trotz seiner natürlichen Härte von der Prothese zurück und lockert sie. In der ärztlichen Fachsprache wird diese Lockerung als „aseptische“ Lockerung bezeichnet.

3. Welche Teile lockern sich aseptisch am häufigsten?

Ein künstliches Knie-Vollgelenk besteht meist aus drei Komponenten: dem „tibialen“ Teil (der die Unterschenkelseite des Gelenks ersetzt), dem „femoralen“ Teil (der die Oberschenkelseite ersetzt) und (oft) dem „patellaren“ Teil (an der Kniescheiben-Rückfläche). Nicht immer lockern sich alle Komponenten gleichzeitig. Am häufigsten ist oft der tibiale Teil (Unterschenkel-Teil) betroffen. Dabei braucht manchmal bei einer Austausch-Operation nur dessen oberste Schicht ausgetauscht zu werden, sofern die Oberfläche der übrigen Komponenten noch intakt ist.

4. Neu auftretende Schmerzen

Das erneute Auftreten von Schmerzen direkt bei Belastung nach monate- oder jahrelanger Schmerzfreiheit kann ein deutlicher Hinweis auf eine aseptische Lockerung sein. Allerdings weisen nicht alle Schmerzen auf eine Lockerung hin. Bandscheiben-Erkrankungen der Lendenwirbelsäule können oft auch Ursache von Kniebeschwerden sein. Ebenso können Hüfterkrankungen ähnliche Beschwerden auslösen. Die tatsächliche Schmerzursache wird der Arzt meist durch eine persönliche Untersuchung des Patienten sowie auch neue Röntgenaufnahmen feststellen.

5. Frühzeitige Diagnostik

Routinemäßig und in festgelegten zeitlichen Abständen nach der Operation angefertigte Röntgenaufnahmen können nach Überzeugung vieler Fachleute eine aseptische Lockerung besonders früh erkennen lassen. Nicht selten zeigen die Röntgenaufnahmen die beginnende Lockerung bereits, bevor die ersten Schmerzen auftreten. Viele Ärzte empfehlen daher regelmäßige Röntgen-Kontrollaufnahmen des künstlichen Kniegelenks und führen diese Kontrollaufnahmen in einem zweijährigen Abstand oder nach einem anderen zeitlichen Schema durch.

6. Die Austausch-Operation bei aseptischer Lockerung

Die einzig wirksame Behandlung besteht in der Entfernung der gelockerten Komponente und dem Einsetzen eines neuen Gelenkteils oder einer neuen Gesamt-Prothese („Austausch-Operation“). Warum sollte man damit nicht zu lange warten? Jede beginnende Lockerung birgt das Risiko in sich, dass sich der anfänglich noch geringe Knochenschwund weiter ausdehnt. Je größer der Knochenverlust, desto schwieriger ist aber die Operation. Durchschnittlich dauert eine Austausch-Operation bereits doppelt so lang und ist technisch wesentlich aufwendiger als die Erst-Operation.

7. Vorbeugung gegen aseptische Lockerung

Trotz der großen Fortschritte, die in den letzten Jahren erzielt wurden, ist ein künstliches Kniegelenk nie so belastbar wie das natürliche gesunde Gelenk eines Zwanzigjährigen. Während das künstliche Gelenk den üblichen Alltags-Erfordernissen gut gewachsen ist, sollten besonders hohe Beanspruchungen aber klugerweise unterlassen werden. Die Einhaltung eines maßvollen Belastungsrahmens ist eine der wirksamsten Vorbeugemaßnahmen gegen die aseptische Lockerung. Prothesenträger, die sich einer hohen sportlichen Belastung aussetzen, haben hingegen ein erhöhtes Lockerungsrisiko.

8. Lockerungs-Typ 2: Die Lockerung durch Infektion

Von besonderer Bedeutung ist ein zweiter Lockerungs-Typ, der heute sogar wieder häufiger geworden ist und etwa 25 Prozent der Wechseloperationen bei künstlichem Kniegelenk betrifft: die Infektion des künstlichen Gelenks durch Bakterien. Leichte Überwärmung des Gelenks sowie Schmerzen, die charakteristischerweise auch in Ruhe und nachts auftreten, sind typische Symptome. Bei akutem Verlauf kann auch Fieber hinzukommen. Deshalb sollte bei jedem Fieber stets auch an das künstliche Kniegelenk gedacht werden, auch wenn dieses vor Jahren eingesetzt wurde.

9. Wie wird eine Infektion festgestellt?

Wenn das operierte Gelenk in den Tagen und Wochen nach der Operation „nie richtig gut wird“, besteht stets der Verdacht auf eine Frühinfektion. An eine Spätinfektion ist hingegen zu denken, wann immer Schmerzen oder eine Schwellung des vor Monaten oder Jahren operierten Kniegelenks auftreten. Mit einer Punktion des künstlichen Gelenks kann der Arzt Bakterien in vielen Fällen direkt nachweisen. Wenn dies gelingt, lässt sich auch die Wirksamkeit verschiedener Antibiotika gegen die Bakterien vorab testen.

10. Behandlung des infizierten künstlichen Knies

Tritt die Infektion innerhalb der ersten 3 Wochen nach der Operation auf, wird oft zunächst noch eine operative Reinigung und Spülung versucht. Ansonsten befürworten viele Experten ein „zwei-zeitiges“ Vorgehen: Nach der Entfernung des infizierten Gelenks wird zunächst entweder nur eine kurzzeitig verbleibende Prothese oder aber (oft) ein Platzhalter („Spacer“) aus Knochenzement eingesetzt. Manche Spacer sind ganz starr, andere erlauben eine geringe Beweglichkeit. Meist wird dann frühestens nach etwa sechs Wochen die endgültige Austausch-Prothese eingesetzt werden.

11. Kann man gegen Infektionen am künstl. Gelenk vorbeugen?

Infektionen des künstlichen Gelenks haben ihre Ursache oft in anderen bakteriellen Infekten. So können Zahnbehandlungen, Nagelbettentzündungen, Entzündungen der Harnwege oder Gallenblase sowie bestimmte Bronchitisformen zu einer Ansiedlung von Bakterien an der Prothese führen. Sie sollten daher mit Antibiotika behandelt werden. Wer hohen Blutzucker oder Rheumatoide Arthritis hat, muss sogar mit einem deutlich erhöhten Risiko rechnen und sollte deshalb beim Auftreten erster Symptome sofort den Arzt aufsuchen.

12. Das ausgetauschte Gelenk besonders schützen

Zweit-Prothesen sind oft nicht so hoch belastbar wie die Erst-Prothesen. Viele Experten empfehlen daher, mit einem Austauschgelenk auf Sportarten wie Bergwandern, Tennis, alpines Skifahren, Jogging und verschiedene Ballsportarten lieber zu verzichten. Erlaubt werden hingegen meist: Schwimmen, Spazierengehen, Radfahren in ebenem Gelände und Golf spielen. Grundsätzlich empfiehlt es sich, vertrauensvoll den Rat des behandelnden Arztes einzuholen. Denn eine maßvolle sportliche Betätigung kann die Kraft der Muskulatur erhalten helfen und viel zur Lebensfreude beitragen.