Tipps zu Hüfterkrankungen bei Jugendlichen

Hüftarthrose kann ihre Ursache auch in jungen Jahren haben. Auf die Risiken bei kleinen Kindern haben wir bereits im ARTHROSE-INFO Nr. 103 hingewiesen. Aber auch die Zeit der Pubertät, wenn die jungen Menschen meist nochmals kräftig wachsen, kann durchaus Gefahren für die Gelenke mit sich bringen. Eltern, Großeltern oder andere Angehörige können besonders in dieser Zeit dann mit darauf achten, dass die Gelenke nicht überfordert werden und eine spätere Hüftarthrose vermieden wird.

1. KNIE-Schmerz – nicht Hüftschmerz!

Wenn ein Kind über Knieschmerzen klagt, wird jeder von uns zunächst denken, dass mit seinem Knie etwas nicht in Ordnung ist. Eine Kern-Tatsache ist jedoch, dass Knieschmerzen, besonders bei Kindern, sehr oft ein Symptom nicht einer Knie-, sondern einer Hüfterkrankung sein können! Bei jedem Knieschmerz von Kindern und Jugendlichen müssen deshalb auf jeden Fall auch die Hüftgelenke ärztlich untersucht werden.

2. Hinken

Manchmal führen Hüfterkrankungen aber lange Zeit zu keinerlei Schmerzen. Stattdessen kann eine Seitwärtsbewegung beim Gehen oder bei längerem Stehen auffallen. Nicht nur Schmerzen, sondern auch ein solches Hinken muss sorgfältig fachärztlich abgeklärt werden. Keineswegs darf man dies als persönliche Besonderheit oder als Gewohnheit abtun und nicht weiter beachten.

3. Rasche Ermüdung

Neben Knieschmerzen und Hinken gibt es noch ein drittes Zeichen, das zusammen mit diesen, aber auch allein auftreten kann. Kinder und Jugendliche, die über auffallend rasche Ermüdung nach relativ kurzen Strecken klagen und sich z. B. bei Wanderungen mehrfach ausruhen müssen, sollten stets ebenfalls ärztlich untersucht werden. Auch wenn keinerlei Schmerzen bestehen, kann dies dennoch ein wichtiges Zeichen für eine Hüfterkrankung sein

4. „Ich kann gar nicht mehr auftreten“

Hüfterkrankungen bei Jugendlichen können aber auch einen dramatischen Verlauf nehmen. Dann klagen die jungen Menschen über so heftige Schmerzen, dass sie mit der erkrankten Seite überhaupt nicht mehr auftreten können. Wenn ein junger Patient dann – ohne vorherigen Unfall – mit zwei Gehstützen oder sich auf eine Begleitperson abstützend und hüpfend in die Arztpraxis kommt, werden Ärzte sofort an eine akute Form einer Hüfterkrankung denken.

5. Die Wachstumsfuge

Menschliche Knochen wachsen nicht gleichmäßig und werden nicht einfach immer länger und dicker wie manche Früchte (z. B. Bananen). Für das Wachstum in die Länge besitzen sie vielmehr bestimmte Zonen, die für das Längenwachstum verantwortlich sind. Diese Zonen werden „Wachstumsfugen“ genannt. Sie sind nicht verknöchert, sondern relativ weich, verletzlich und gefährdet. Im Hüftgelenk verläuft eine solche Wachstumsfuge quer und schräg durch den Hüftkopf.

6. Abrutschen – chronisch oder akut

Einen gewissen Halt geben diesen Wachstumsfugen spezielle, ringförmige Bänder. Sie sind bei kleinen Kindern dicker und stabiler. In der Zeit der Pubertät aber werden sie dünner und können in manchen Fällen sogar reißen. Dann kommt es zu einem Abgleiten des Hüftkopfs. Ärztlich wird dies als „Epiphysiolysis capitis femoris“ bezeichnet. Von einem chronischen Abrutschen spricht man, wenn Beschwerden bereits seit einigen Wochen bestehen. Ein akutes Abrutschen kann hingegen innerhalb weniger Tage oder sogar Stunden auftreten und zur völligen Gehunfähigkeit führen.

7. Ursache 1: Übergewicht

Zwar bewirkt die hormonelle Umstellung in der Pubertät bei allen Kindern, dass die Wachstumsfugen verletzlicher werden. Ein Abrutschen des Hüftkopfes tritt aber besonders häufig bei solchen Jugendlichen auf, die übergewichtig oder für ihr Alter bereits relativ groß sind. Durch die zusätzliche Belastung werden natürlich die Hüftgelenke auch stärker beansprucht. So wie Übergewicht bei Jugendlichen in den letzten Jahren zugenommen hat, ist auch das Abrutschen des Hüftkopfes in den letzten Jahren fast um das Dreifache häufiger geworden!

8. Ursache 2: Sehr hohe sportliche Aktivität

Überlastungen der Wachstumsfuge können jedoch auch bei normalgewichtigen Jugendlichen auftreten, wenn sie sportlich besonders aktiv sind. Eltern und Großeltern wissen, dass Sport treiben gesundheitsfördernd und wichtig ist. Leistungsdenken und höchste sportliche Aktivitäten können die wachsenden Knochen aber überfordern und schädigen. Ein zu forciertes Streben nach Pokalen und Meisterschaften sollte deshalb mit Vorsicht betrachtet und eher vermieden werden.

9. Wann muss operiert werden?

Wenn ein Abrutschen des Hüftkopfes diagnostiziert worden ist, wird heute grundsätzlich eine Operation empfohlen, meist vorbeugend auch auf der noch gesunden Gegenseite. Dabei werden in einem minimal-invasiven Eingriff entweder drei dünne Metallstäbe („Kirschner-Drähte“) oder eine Schraube angebracht. Bei akutem Abrutschen ist jedoch eine große „offene“ Operation erforderlich („Repositions-OP“).

10. Wann eine spätere Korrektur-Operation?

Sodann wird abgewartet, bis die Wachstumsfuge vollständig geschlossen und das Wachstum des jungen Patienten abgeschlossen ist. Sollten dann noch grobe Fehlstellungen verblieben sein, wird in manchen Fällen eine Korrektur-Operation empfohlen, mit der die Gelenkform verbessert werden soll. Durch Entnahme eines Knochenkeils kann dies teilweise gelingen. Allerdings werden alle Operateure sorgfältig prüfen, ob und wann sie einen solchen Eingriff empfehlen werden und welche Methode die sicherste ist.

11. Komplikationen

Abrutschvorgänge und Operationen am wachsenden Hüftgelenk sind nicht ohne Risiko. So kann die Durchblutung des Hüftkopfes geschädigt oder verletzt werden. Wenn dies der Fall ist, kann es zu einer gefürchteten Hüftkopf-Nekrose kommen. Dies bedeutet ein Absterben des betroffenen Hüftkopfteils. Statt einer belastbaren und runden Form zerfällt dieser dann in viele kleine Teile. Auch nachfolgende Heilungsprozesse können oft nicht verhindern, dass starke Verformungen auf Dauer ver bleiben. Schon in jungen Jahren kann sich dann bald eine voll ausgebildete Hüftarthrose entwickeln.

12. Kinder und Jugendliche gut beobachten

Jegliche Schmerzen – besonders aber am Knie –, jedes Hinken oder jede rasche Ermüdung dürfen nicht als „wachstumsbedingt“ verharmlost werden. Vielmehr sollten sie rasch orthopädisch oder kinderorthopädisch untersucht und abgeklärt werden. Jugendliche, besonders in ländlichen Gebieten, dürfen nicht zu früh zu schwer tragen. Dasselbe gilt für Gewichtheben in Sportstudios. Auch dies sollte nur maßvoll geschehen. Je besser Eltern und Angehörige darauf achten, umso mehr können sie für die Gesundheit ihrer Jugendlichen nicht nur in der Pubertät, sondern für ihr ganzes spätere Leben tun.