Nachdem wir bereits in den ARTHROSE-INFOS Nr. 9, 19 und 29 über die großen Fortschritte bei den künstlichen Kniegelenken berichtet haben, möchten wir uns heute nun einem Verfahren zuwenden, das viele Experten in bestimmten Fällen immer noch als wichtige Alternative empfehlen: die sogenannte „Umstellungs-Operation“ bzw. „Umstellungs-Osteotomie“. Im Folgenden möchten wir einige interessante Hinweise zu diesem biomechanischen und gelenkerhaltenden Verfahren vorstellen und zudem erläutern, welche Bedingungen vonseiten des Gelenks und vonseiten des Patienten dabei erfüllt sein sollten.
Da auch das gesunde Knie an der Innenseite oft um etwa 50 % höher belastet wird als außenseitig, entwickelt sich eine Kniearthrose in den meisten Fällen zuerst am inneren Knierand (sogenannte „mediale Kniearthrose“). Mit dem zunehmenden Schwinden des Knorpels im Arthrosebereich kommt dann noch ein weiterer Faktor hinzu: Je dünner der Knorpel an der Innenseite wird, umso mehr kippt das Bein in eine O-Bein-Form, wodurch die Belastung der Innenseite noch zusätzlich erhöht wird. Die gesunde außenseitige Gelenkhälfte wird gleichzeitig immer weniger in Anspruch genommen.
Sehr nahe liegend sind deshalb Maßnahmen, mit denen die Belastung wieder mehr auf die noch gesunden Anteile gelenkt wird. Im frühen Stadium kann dies manchmal durch eine einfache Änderung der Schuhsohle erreicht werden (sog. Schuh-Außenrand-Erhöhung, siehe INFO Nr. 11). Bei fortgeschrittenen Fällen ist dies aber eigentlich nur noch durch eine Operation erreichbar. Mit dieser „Umstellungs-Osteotomie“ wird die entstandene O-Bein-Form des Beines rückgängig gemacht und sogar um einige Grade überkorrigiert, sodass die Belastung auch auf die gesunde Hälfte des Gelenks verteilt wird.
Experten schätzen, dass dieser Eingriff eine „70-prozentige Chance hat, die Beschwerden des erkrankten Knies zu mindest wesentlich zu bessern.“ Auch nach 10 Jahren benötigen über zwei Drittel der so Behandelten noch kein künstliches Gelenk, vorausgesetzt, man ist nicht übergewichtig, ist kein starker Raucher und die Korrektur wurde in ausreichendem Maße durchgeführt. Die Komplikationsrate wird meist sogar als etwas geringer eingeschätzt als beim Einsetzen eines künstlichen Kniegelenks. Bei etwa einem Drittel der Operierten bringt der Eingriff jedoch nur eine begrenzte Verbesserung.
Mit dem Siegeszug der künstlichen Kniegelenke hat sich die Zahl der Umstellungs-Osteotomien deutlich reduziert. Auf 6 künstliche Kniegelenke kommt heute auch in großen Kliniken in Deutschland meist nur etwa eine Umstellungs-Operation. Trotz künstlicher Gelenke und trotz Gelenkspiegelung wird diese Operation aber auch weiterhin – und neuerdings wieder vermehrt angeboten, so auch an der berühmten Mayo-Klinik in Rochester (Minnesota, USA), wenngleich sie auch dort heute relativ selten ist. In welchen Fällen kann nun eine Umstellungs-Osteotomie infrage kommen?
Erste Bedingung für die Durchführung einer Umstellungs-Osteotomie ist das Vorliegen einer „einhälftigen“ Arthrose mit der zugehörigen Verformung der Beinachse. Viele Experten überprüfen daher den Zustand der anderen Gelenkhälfte und auch der Kniescheibe mit einer MRT-Aufnahme und führen den Eingriff nur dann durch, wenn der Knorpel in diesen anderen Bereichen des Gelenks gesund ist. Andere Experten akzeptieren es aber, wenn der Knorpel dort leichte Veränderungen aufweist, und sehen die Entlastung des Haupt-Arthrosebereichs als ausreichenden Grund für die Operation an.
Bei vielen Kniearthrosen entwickelt sich im Laufe der Zeit eine langsam zunehmende Einsteifung des Gelenks, das dann allmählich nicht mehr vollständig gebeugt und gestreckt werden kann. Meist kann eine Umstellungs-Osteotomie nur dann empfohlen werden, wenn diese Einsteifung noch nicht zu weit fortgeschritten ist. Bei der Streckung darf das Defizit nicht mehr als 10 Grad betragen und bei der Beugung sollten noch 90 Grad erreicht werden. Allerdings können diese Werte oftmals auch noch durch eine gezielte Krankengymnastik (Physiotherapie) kurz vor der Operation weiter verbessert werden.
Vor einigen Jahren wurden Korrektur-Operationen fast immer nur solchen Patienten empfohlen, die jünger als 60 Jahre alt waren und meist noch im Berufsleben standen. Mit der wachsenden Lebenserwartung und der deutlich gestiegenen Gesundheit und Vitalität vieler Menschen im Alter von 60, 70 oder 80 Jahren hat sich diese Grenze nach Meinung zahlreicher Experten inzwischen nach oben verschoben. Wer kräftig, beweglich und ansonsten gesund ist, dem kann dieser Eingriff heute oft auch noch bis zum 70. Lebensjahr empfohlen werden.
Auch bei der rheumatischen Arthritis, dem echten Rheuma (vom Arzt heute meist als „RA“ oder „rheumatoide Arthritis“ bezeichnet), kann sich eine rein innenseitige oder rein außenseitige Kniearthrose entwickeln. Da die Hauptkrankheitsursache bei der rheumatischen Arthritis aber nicht primär in einer Überlastung des Gelenkknorpels liegt, sondern in einer Entzündung der Gelenkschleimhaut, vermögen Korrektur-Operationen in diesen Fällen leider keine bleibende Besserung zu erzielen. Sie werden daher heute bei rheumatischer Arthritis meist nicht empfohlen.
Wichtig zu wissen: Fast alle Experten befürworten die Korrektur-Operation auch weiterhin ausdrücklich. Allerdings ist dieser Eingriff gerade in manchen Kliniken relativ selten geworden. Da die Planung und Durchführung große Erfahrung und Übung erfordern, verschiebt sich die Operation zunehmend in die größeren bzw. darauf spezialisierten orthopädischen Kliniken, die zudem die Ergebnisse systematisch überprüfen und nachuntersuchen können. So kann man im Rahmen des Vorstellungsgesprächs dort meist auch erfragen, mit welcher Erfolgsquote man in der entsprechenden Klinik rechnen kann.
Die Umstellungs-Osteotomie nutzt die Selbstheilungskräfte des Körpers und erhält das eigene Gelenk. Aber sie ist keine „schnelle“ Methode. Durchschnittlich ist mit einer Nachbehandlung von 6 - 12 Wochen zu rechnen, sofern man alles tut, um dem umgestellten Bereich genügend Zeit für die Heilung zu lassen. Diese Operation kann daher nur dann empfohlen werden, wenn man (1) die Erhaltung des eigenen Gelenks als Vorteil erkennt, (2) die Zeit für die relativ lange Nachbehandlung gern aufbringt und (3) auch eine 80-prozentige Chance auf eine zumindest wesentliche Besserung als sehr positiv empfindet.
In den meisten Fällen wird man bereits nach Ablauf der üblichen Nachbehandlungszeit von 12 Wochen beim Belasten des Beines eine eindeutige Verbesserung gegenüber dem Zustand vor der Operation verspüren. Sollte die Verbesserung aber zu diesem Zeitpunkt noch nicht so deutlich ausfallen, so kann sich das gewünschte Ergebnis doch noch bis zu einem Jahr nach der Operation einstellen. Wenn man danach dann wesentlich weniger Beschwerden hat als vor dem Eingriff, so hat sich das Warten dennoch gelohnt. Auch in diesen Fällen ist das grundsätzliche Beachten des folgenden Tipps sehr wichtig:
Meist kann das Knie nach einer Umstellungs-Osteotomie später wieder ohne Einschränkung voll belastet werden. Die Experten bitten ihre Patienten aber dennoch, auf bestimmte Hochbelastungen eher zu verzichten. Dies gilt sowohl für den beruflichen als auch den sportlichen Bereich. Jogging, Einzel-Tennis und Ballsportarten sollte man danach meiden. Erlaubt sind hingegen Radfahren, Heimtrainerfahren, Schwimmen, ruhigeres Tennis-Doppel, Skifahren und auch Golfspielen. Während des Sports kann eventuell auch das Tragen einer zusätzlichen Bandage empfehlenswert sein.