Wenn die Bandscheiben erkranken, kann dies nicht nur zu den bekannten früh-akuten Symptomen führen. Es können auch Spätschäden auftreten. Im ARTHROSE-INFO Nr. 55 haben wir bereits die Einengung des Wirbelkanals ausführlich beschrieben. Es kann sich aber auch – etwa ab dem 50. Lebensjahr – eine allmählich immer weiter zunehmende seitliche Verkrümmung der Lendenwirbelsäule entwickeln. Besonders oft sind Frauen betroffen. Spezialisten bezeichnen diese Komplikation als „degenerative Skoliose“ oder „De-novo-Skoliose der LWS“ und sehen sie fast täglich. Je früher man bei chronischen Kreuzschmerzen und zunehmendem Lebensalter an diese Möglichkeit denkt, umso eher kann man gegensteuern. Im Folgenden beschreiben wir zunächst typische Symptome, Möglichkeiten der Therapie und dann vor allem auch, was man selbst tun kann.
Zwei Symptome sind bei der degenerativen Skoliose besonders typisch. Das erste sind Kreuzschmerzen, die im Laufe der Jahre immer stärker werden. Sie können beim Niesen, Husten, bei kleineren Erschütterungen und bei längerem Autofahren auftreten oder aber auch beim einfachen Gehen. Nicht selten strahlen diese Schmerzen auch in die Beine aus und sind im Spätstadium so stark, dass man bereits nach wenigen Metern stehen bleiben muss. Ein wenig Besserung kann man dann oft erst beim Hinlegen erreichen. Aber auch das Umdrehen im Bett kann die Schmerzen auslösen.
Auch das Stehen fällt vielen Betroffenen allmählich immer schwerer. Zunehmend klagen sie: „Ich kann mich nicht mehr aufrichten!“ oder „Ich kann mich nicht mehr halten, ich falle vornüber!“ Längeres Stehen und Gehen in einer nach vorn gebeugten Haltung ist selbst Gesunden kaum möglich, erst recht nicht, wenn noch Schmerzen hinzukommen. Viele Arbeiten im Beruf und auch im Haushalt werden dann immer beschwerlicher. Besonders Frauen leiden auch darunter, wenn sie im Laufe der Jahre dann nicht mehr selbst kochen und den Haushalt führen können.
Bereits auf einfachen Röntgenbildern kann man je nach Schweregrad den Grund dieser Symptome erkennen: die seitliche Verkrümmung der Lendenwirbelsäule. Der Arzt wird auch auf eine zusätzliche Verdrehung („Rotation“) der Wirbel untereinander hinweisen sowie auf das teilweise oder vollständige Fehlen mehrerer Bandscheiben und auch auf die zahlreichen typischen knöchernen Veränderungen, die einzelne Nerven einengen können. Damit wird leicht verständlich, warum jedes Heben, Tragen und auch jede Erschütterung diese gekrümmte Wirbelsäule zunehmend überfordern.
Bei einem Bandscheibenschaden wird die puffernde Verbindung zwischen zwei Wirbelkörpern beschädigt oder sogar zerstört. Dadurch verlieren die betroffenen Wirbel untereinander zunehmend an Halt und Stabilität. Der obere Wirbel kann dann um ein gewisses Maß über den unteren gleiten. Dieses Wirbelgleiten kann nach vorn, nach hinten oder zur Seite erfolgen. Es kann isoliert im Bereich nur einer Bandscheibe auftreten oder bei einer degenerativen Skoliose sogar an mehreren Stellen zur Verkrümmung noch hinzukommen.
Von entscheidender Bedeutung für die möglichst frühzeitige Behandlung einer beginnenden oder mittelgradigen degenerativen Skoliose sind spezielle krankengymnastische Übungen. Sie haben das Ziel, diejenigen Muskelanteile, die der Aufrichtung dienen, zu stärken und zu stabilisieren. Nach dem gezielten Erlernen dieser Übungen in der professionellen Physiotherapie sollten sie jeden Tag mehrmals gewissenhaft durchgeführt werden. Nur dann ist eine Erleichterung sowie das Verhindern eines weiteren Fortschreitens zu erhoffen.
Bei einer degenerativen LWS-Skoliose kann jedes zusätzliche Gewicht zu viel sein und die Krümmung und damit die Schmerzen verstärken. Auf normales Körpergewicht ist deshalb unbedingt zu achten. Aus dem gleichen Grund ist das Tragen von schweren Einkaufstüten am besten ganz zu vermeiden. Auch schon das Hochheben eines Kindes führt leider oft zu Beschwerden. Je konsequenter man diese Hinweise beachtet, umso rascher können die Beschwerden abklingen. Familienangehörige, Freunde und Nachbarn werden dies sicher gut verstehen und ihre Hilfe anbieten.
Fahrradfahren wird oft als angenehm empfunden. Kleine Erschütterungen, wie sie auf Unebenheiten auftreten, gilt es aber zu vermeiden. Vielleicht kann man Wegstrecken finden, bei denen der Straßenbelag neu und besonders glatt ist. In guten Fahrradgeschäften kann man sich auch gerne beraten lassen, welche Modelle über eine zusätzliche Federung des Rahmens verfügen und welche Sattelmodelle eine besonders weiche Federung besitzen. Auch ist es hilfreich, den Reifendruck eher niedrig einzustellen oder sogar breite „Ballon-Reifen“ zu wählen, die dafür besonders geeignet sind.
Bei allen Kreuzschmerzen wird der Arzt auch prüfen, ob beide Beine von Natur aus gleich lang sind. Ein Unterschied in der Beinlänge führt ja bereits selbst zu einem Absinken einer Beckenseite. Dies verstärkt eine Verkrümmung der Lendenwirbelsäule noch zusätzlich und muss daher durch eine Einlage oder Schuhanpassung korrigiert und ausgeglichen werden. Am sichersten ist es, diesen Ausgleich in mehreren kleinen Etappen von jeweils einem halben Zentimeter durchzuführen, auch um eine Überkorrektur zu vermeiden.
Ebenso muss man bei allen Rückenschmerzen stets an die Knie- und Hüftgelenke denken. Knie- und Hüft-Arthrosen führen oft zu einer zusätzlichen Belastung der Wirbelsäule, insbesondere wenn sich die betroffenen Knie oder Hüften nicht mehr ganz strecken lassen. (Der Arzt spricht dann von „Beugekontraktur“.) Jede Besserung, die man bei Knie- und Hüft-Arthrose erreichen kann, wird sich daher auch auf die Wirbelsäule positiv auswirken.
Die operative Behandlung einer schweren degenerativen LWS-Skoliose hat in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht. Kleinere Eingriffe können eingeengte Nerven befreien helfen. In schweren Fällen muss aber die Verkrümmung operativ aufgerichtet und eine Versteifung durchgeführt werden. Dabei handelt es sich – ob von vorn oder von hinten vorgenommen – um große Eingriffe, deren Erfolg nicht garantiert werden kann und die nicht ohne Risiko sind. Sie sollten deshalb nur von besonders erfahrenen Wirbelsäulenspezialisten durchgeführt werden.
Wer einmal einen akuten Bandscheibenschaden hatte, wird zunächst erleichtert sein, wenn die Symptome wieder vollständig abgeklungen sind. Oft wird man dann denken: „Jetzt bin ich wieder gesund“, da man ja keinerlei Schmerzen mehr verspürt. Der Wirbelsäule fehlt jetzt aber ein wichtiger Puffer, und man sollte alles dafür tun, dass dadurch keine weiteren Schäden entstehen. So kann das Sitzen auf angeschrägten Kissen („Keilkissen“) hilfreich und angenehm sein. Auch das Tragen weicher und zunehmend niedrigerer Absätze wird den Rücken entlasten helfen.
Wichtig ist auch, dass die Knochen gesund und stark sind und nicht durch eine Osteoporose geschwächt werden. Jedem Leser – ob jünger oder älter – empfehlen wir, den eigenen Vitamin-D-Wert regelmäßig ärztlich kontrollieren zu lassen (siehe ARTHROSE-INFO Nr. 93), täglich ein oder zwei Glas Milch zu trinken und sich auch regelmäßig bei Tageslicht (vor der prallen Sonne geschützt) im Freien aufzuhalten. Das tut Körper und Seele gut, und man kann sich an seiner Gesundheit erfreuen.