So manche Mitglieder und Leser erinnern sich noch an die Klagen von „Oma“ und „Opa“, die wegen ihrer Arthrose-Schmerzen kaum noch einen Schritt vor die Tür tun konnten. Heute sind viele Siebzig-, Achtzig- oder gar Neunzigjährige so gesund, dass sie trotz Arthrose arbeiten, Sport treiben und sogar Weltreisen unternehmen können. Diese aktive Lebensweise ist auch einem enormen orthopädischen Fortschritt zu verdanken, den ein Experte als „die Operation des Jahrhunderts“ bezeichnet. Gemeint ist damit die Operation zum Einsetzen eines künstlichen Hüftgelenks. Welche Neuerungen hat es auf diesem schnell wachsenden Gebiet gegeben, und was sollte jeder wissen?
Ein künstliches Hüftgelenk einzusetzen ist heute für viele Operateure ein Routineeingriff geworden. Trotz allem handelt es sich um eine Operation, die großes Können, Erfahrung und Sorgfalt verlangt. Um dies sicherzustellen, nehmen immer mehr Kliniken am EndoCert-Programm der orthopädischen Fachgesellschaft DGOOC teil. Erfahrene Experten besuchen dabei die teilnehmenden Kliniken und helfen mit, alle Abläufe zu optimieren. Wenn eine Klinik von diesen Experten zertifiziert worden ist und dies angibt, bietet dies dem Patienten bereits eine bedeutende Sicherheit.
Bei mehreren hundert verschiedenen Endoprothesen-Modellen ist es der einzelnen Klinik kaum möglich, die Spreu vom Weizen zu trennen. Wie gut eine Prothese ist, zeigt sich nämlich oft erst nach vielen Jahren. Nur durch systematische Erfassung der verwendeten Prothesen kann dies beurteilt werden. Das rasch wachsende „Endoprothesen Register Deutschland“ („EPRD“), das durch Initiative der orthopädischen Fachgesellschaft eingerichtet wurde, bedeutet deshalb einen großen Fortschritt. Die Deutsche Arthrose-Hilfe hat dieses mit einer Anschub-Finanzierung von € 150.000,– gefördert.
Wer noch vor wenigen Jahren ein künstliches Hüftgelenk bekam, blieb oft zwei oder manchmal sogar drei Wochen in der Klinik. Die Dauer des Klinikaufenthalts hat sich jedoch inzwischen aus verschiedenen Gründen drastisch verkürzt. In vielen Kliniken beträgt die Aufenthaltsdauer zurzeit nur noch rund eine Woche oder weniger. In Amerika wird sogar mit noch kürzeren Zeiten experimentiert. Ja, manche Operateure werben dort sogar bereits mit nur noch einem einzigen Tag in der Klinik. Ob sich diese extrem kurze Zeit bewähren wird, ist aber noch gänzlich unbewiesen.
Wegen des kürzeren Klinikaufenthalts hat sich die Berufsberatung inzwischen immer häufiger von der Klinik in den Rehabereich verlagert. Für viele Berufstätige ist diese sorgfältige Beratung von großer Wichtigkeit, damit sie mit ihrem neuen Gelenk ihre Aufgaben und Tätigkeiten sicher ausführen können. Die Beratung kann heute sowohl bei ambulanter als auch bei stationärer Reha von guter Qualität sein. Zur Wahl der Reha – ob ambulant oder stationär – siehe auch unsere Tipps im ARTHROSE-INFO Nr. 117
Viele Menschen informieren sich heute im Internet. Für viele Patienten ist eine solche Vorinformation von großem Vorteil. Oft ist es aber für den medizinischen Laien nicht ganz einfach, die Qualität und Seriosität der Informationen von „Dr. Internet“ und „Dr. Google“ richtig einzuschätzen und eine Vermischung mit versteckter Werbung oder anderen Interessen zu durchschauen. Nur in einem ärztlichen Fachgespräch kann das beste Vorgehen für den eigenen Fall, mit Berücksichtigung aller Besonderheiten, richtig geplant werden.
Kliniken und Ärzte sind heute oft einem großen wirtschaftlichen Druck ausgesetzt. So manche Kliniken sind Teil großer Konzerne geworden, die eigene Werbeabteilungen einsetzen, um Patienten anzuziehen. Aber die angeblich neuesten und großartigsten Gelenke sind nicht immer die besten. Vielmehr gilt nach wie vor, dass diejenigen Prothesen die besten sind, die sich seit vielen Jahren bewährt haben und deren Qualität und Haltbarkeit nachgewiesen sind (s. Tipp Nr. 2). Ebenso wichtig ist die langjährige Erfahrung des Operateurs mit einem bestimmten Modell und einer bewährten Operationsmethode.
Viele Menschen können heute auch mit einem künstlichen Gelenk wieder ihren Beruf ausüben. Dies gilt insbesondere für jene Tätigkeiten, die mit leichter körperlicher Arbeit verbunden sind. Hierzu zählen unter anderem Büroarbeiten. Aber auch in so manchen Handwerksberufen ist es möglich, die bisherige Tätigkeit in Abstimmung mit den Kollegen und dem Arbeitgeber so weit anzupassen, dass die Patienten wieder an ihren Arbeitsplatz zurückkehren können. Dauerhaft schweres Heben auf dem Bau oder gar Dachdeckerarbeiten sind unseres Erachtens dafür jedoch nicht geeignet.
Bewegung und die maßvolle Benutzung des neuen Gelenks dienen einer längeren Haltbarkeit und sind sehr nützlich. Bei den Empfehlungen der Sportarten gibt es aber auch unter Experten sehr verschiedene Überzeugungen. Einigkeit besteht bei den meisten darin, dass der Patient diejenige Sportart, die er bereits vor der Operation gut beherrscht hat, auch später wieder ausüben kann. Nicht empfohlen werden hingegen Maximal-Belastungen, wie Marathonlauf, Ski-Abfahrtslauf auf Buckelpisten, Fußballspielen und alle Kontakt- und Kampfsportarten.
Viele Experten klagen darüber, dass manche Patienten mit zu hohen Erwartungen in die Operation gehen, ja sie mit einem „Formel 1-Boxen-Stopp“ vergleichen. Diese Vorstellung wird leider durch allzu große Werbeversprechen verbreitet. So glauben einige, dass das Einsetzen einer künstlichen Hüfte mit einem Reifenwechsel vergleichbar sei. Dies ist ein großer Irrtum. Jede Operation birgt Risiken, in seltenen Fällen sogar für das eigene Leben. Sie benötigt deshalb Klugheit und Sorgfalt in der Vorbereitung, Durchführung und Nachbehandlung. Auch der Patient kann viel zum Gelingen beitragen.
Es mag erstaunlich sein, aber den einen, idealen operativen Zugang zum Hüftgelenk gibt es nicht. Vielmehr gibt es nach wie vor vier verschiedene Zugangswege. In der Fachsprache werden sie der „vordere“, der „vorder-seitliche“, der „seitliche“ und der „hintere“ Zugang genannt. Jeder dieser Zugänge hat seine Vor- und Nachteile. Leider wird in so mancher Werbung nur der Vorteil eines bestimmten Zugangs hervorgehoben, ohne die Nachteile zu erwähnen. Ein guter Rat ist es, von einem Operateur niemals einen anderen Zugang zu erbitten als den, mit dem er die meiste Erfahrung hat.
Wertvolle Anregungen für die Beratungsgespräche in Klinik und Reha können die vielen Tipps geben, die wir bereits in den bisherigen ARTHROSE-INFOS gegeben haben und die auch in der Gesamtausgabe stets aktualisiert werden. Dann geht man gut vorbereitet in diese Gespräche und kann viel zur langen Haltbarkeit des neuen Gelenks beitragen. Am einfachsten ist es, mit den Tipps im ARTHROSE-INFO Nr. 108 zu beginnen und dann auch die übrigen Kapitel zu diesem Thema in der Gesamtausgabe zu lesen.
Da jeder der vier in Tipp Nr. 10 erwähnten Zugänge sich auch auf das Verhalten nach der Operation auswirkt, geben Kliniken den Patienten oft Broschüren mit, in denen das richtige Verhalten nach der Operation ausführlich beschrieben ist. Diese Tipps können deshalb je nach OP-Zugang von Klinik zu Klinik verschieden sein. Diese Broschüren sollte man auch mit zur Reha nehmen und sich den Inhalt nochmals ausführlich erklären lassen und ihn genau befolgen. Dadurch kann man Komplikationen vermeiden helfen und sich meist an einer langen Haltbarkeit des neuen Gelenks erfreuen.