Nur mit einer gesunden Schulter können wir die Hand weit nach vorn führen oder den Rücken erreichen oder die Haare kämmen. Wegen seiner großen Beweglichkeit kann das Schultergelenk jedoch relativ leicht ausrenken. In manchen Fällen kann sich danach eine schwere Schulter-Arthrose entwickeln. Wie aber kommt es typischerweise zu einer Ausrenkung der Schulter? Wie sollte eingerenkt werden? Wann muss sogar operiert werden? Und wie kann man vorbeugen? Zu diesen wichtigen Fragen haben uns wieder zahlreiche Experten beraten und uns die nachfolgenden Tipps gegeben. Als Grundlage sind auch die Schulterkapitel in den ARTHROSE-INFOS Nr. 17, 27 und 47 nochmals sehr zu empfehlen.
Jeder von uns kann stürzen und sich die Schulter auskugeln, besonders mit zunehmendem Lebensalter. Nicht selten ereignen sich diese Verletzungen auch im Bus oder in der Straßenbahn bei plötzlichem scharfen Bremsen, während man sich im Stehen an der Haltestange festhält. Aber auch bei vielen Sportarten, wie z. B. beim Fußball- und Handballspielen oder beim Skifahren, kann es zu einer Ausrenkung des Schultergelenks kommen. Ein unglücklicher Sturz, aber auch ein heftiger Stoß von hinten auf den aus-gestreckten Arm, können dabei die Ursachen sein.
Das Schultergelenk ist ein hochempfindliches Gelenk, das von einem dichten Netz von Schmerznerven umgeben ist. Eine Schulter-Ausrenkung ist daher äußerst schmerzhaft. Oft verkrampft sich der ganze Körper vor Schmerzen, und nicht selten kann sich die verletzte Person nicht einmal mehr selbst vom Boden erheben und muss von anderen behutsam aufgerichtet oder sogar weggetragen werden.
Trotz aller Schmerzen darf man meist als Laie nicht selbst die sofortige Einrenkung versuchen. Vielmehr sollte umgehend ein erfahrener Arzt oder eine chirurgisch-orthopädische Notfall-Ambulanz aufgesucht werden. In der Regel wird dort als Erstmaßnahme sofort eine Röntgenuntersuchung durchgeführt. Diese zeigt dann nicht nur, dass der Gelenkkopf (1) jetzt nicht mehr in der Gelenkpfanne (2) steht, sondern meist auch nach vorn und unten verschoben ist. Wichtig ist vor allem auch eine Überprüfung, ob zusätzlich knöcherne Verletzungen an Kopf und Pfanne entstanden sind.
Danach sollte die Schulter schnellstmöglich eingerenkt werden. In den letzten Jahren haben sich dabei besonders schonende Verfahren immer mehr bewährt. Hierzu gehört die Methode nach Dr. Milch. Bei dieser wird zunächst der Ellenbogen angebeugt und der Arm dann von einem erfahrenen Arzt äußerst langsam nach oben angehoben, bis der Unterarm über dem Kopf zu liegen kommt. Oft springt der Gelenkkopf dann wie von selbst wieder in die Gelenkpfanne zurück. Besonders wichtig ist, dass diese Bewegung äußerst langsam und behutsam durchgeführt wird.
Nach erfolgter Einrenkung genügt für die Ruhigstellung eine einfache Schlinge oder ein sogenannter Gilchrist-Verband. Japanische Ärzte haben nun festgestellt, dass es für die Heilung des verletzten Gelenks günstig ist, wenn der Unterarm in einer etwas vom Körper weggedrehten Stellung fixiert wird. Die optimale Dauer ist bisher allerdings noch nicht sicher geklärt. Früher wurde der Arm oft für viele Wochen ruhiggestellt. Neuerdings haben sich die Zeiten aber immer weiter verkürzt. Insbesondere bei Patienten über 40 sollte eine lange Ruhigstellung vermieden werden.
Bei einer Ausrenkung kommt es oft auch zu einem Riss der knorpeligen Gelenk-Lippe (Labrum) und manchmal auch der Sehnen der sogenannten Rotatoren-Manschette. Diese Sehnen umgeben den Gelenkkopf fächerförmig und heben und drehen den Arm. Sind sie gerissen, so muss eventuell operiert werden (siehe auch Tipp Nr. 9). Meist kann diese Verletzung nach dem Einrenken bereits durch die ärztliche Untersuchung erkannt werden. Es kann aber auch eine Ultraschall oder MRT-Untersuchung notwendig sein.
In vielen Fällen heilt die ausgerenkte Schulter nach Ruhigstellung und vorsichtigem Gebrauch wieder von selbst. Bei manchen Patienten können aber selbst Kleinigkeiten und sogenannte “Bagatell-Bewegungen” zu einer erneuten Ausrenkung führen. Auslöser können z. B. eine harmlose Drehung des Arms nachts im Schlaf sein oder das Zuziehen der Autotür. Bei anderen Patienten kann der Griff nach rückwärts, z. B. beim Ankleiden, das Schultergelenk erneut ausrenken.
Je öfter sich eine Schulterausrenkung wiederholt, umso weniger schmerzhaft ist sie meist. Manche Patienten lernen sogar, das Gelenk dann wieder selbst einzurenken. Mit sehr häufigen Ausrenkungen (oder auch Teil-Ausrenkungen) kann aber ein zunehmendes Risiko für Knorpel- und Knochenschäden und nachfolgend für eine Schulter-Arthrose verbunden sein. Auch dies ist ein Grund, warum in bestimmten Fällen eine Operation empfehlenswert ist.
Eine OP sollte überlegt werden bei:
knöchernen Verletzungen oder einem Riss der Rotatoren-Manschette (siehe Tipp 6),
bei jungen Patienten unter 30 Jahren schon nach dem ersten Ausrenken,
bei Patienten über 30 und besonders im höheren Lebensalter erst bei mehreren Wiederholungen.
Grundsätzlich sollte nicht zu schnell operiert werden. Immer wird der Arzt auch die Art der beruflichen und sportlichen Aktivitäten berücksichtigen.
Nach einer Schulter-Operation muss das operierte Gelenk unter Umständen für einige Wochen ruhiggestellt und geschützt werden. Danach beginnt dann eine nochmals mehrwöchige Reha-Behandlung, die sorgfältig und mit viel Geduld geplant und durchgeführt werden muss. Jedes operierte Gelenk darf am Anfang nur äußerst behutsam bewegt werden. Bei nicht sachgemäßer Behandlung kann sich auch die folgende sehr langwierige Komplikation entwickeln.
Der Arzt nennt diese Komplikation “Frozen Shoulder” (gesprochen: frousen schoulder, auf Deutsch: eingefrorene Schulter). Sie geht mit zwei Besonderheiten einher: (1) Typisch sind heftigste Schmerzen bei bestimmten Bewegungen und (2) eine zunehmende Einsteifung. Wichtig zu wissen: In diesem Zustand sollte keine Krankengymnastik verordnet werden, und es darf auch keine Operation durchgeführt werden. Glücklicherweise kommt es aber nach langer Zeit (oft erst nach 18 Monaten!) wieder zu einer allmählichen Auflösung der Einsteifung und dem Rückgang der Beschwerden.
Viele Stürze lassen sich durch kluges, umsichtiges Alltagsverhalten vermeiden. Hierzu haben wir schon in mehreren ARTHROSE-INFOS viele nützliche Tipps gegeben. Eine weitere wichtige Regel ist “immer im Hier und Jetzt mit den Gedanken sein”. Sobald man auf den Beinen ist, sollte man immer ein aufmerksames Auge für seine Umgebung und für alle möglichen Gefahren haben. Dabei hilft auch das Tragen der benötigten Brille oder Sonnenbrille. Denn was kann es Schöneres geben, als gut auf seine Gesundheit zu achten und sich jeden Tag am Leben zu erfreuen?