Was wären unsere Hände ohne die Schultergelenke? Welche Bewegung der Arme nach vorn, seitlich, oben oder rückwärts wären ohne gesunde Schultern möglich? In den ARTHROSE-INFOS Nr. 17, 27 und 77 haben wir praktische Tipps bei Arthrose der Schulter vorgestellt sowie in Nr. 37 und Nr. 47 bei Sehnenerkrankungen der Schulter. Heute wenden wir uns einem weiteren, sehr häufigen Krankheitsbild der Schulter zu, das nicht nur heftigste Schmerzen verursacht, sondern auch zu einer Einsteifung führen kann. Der Arzt nennt sie heute meist „Frozen Shoulder“ (gesprochen „frousen schoulder“) oder gelegentlich auch „Idiopathische Schultersteife“. Der Verlauf dieser Krankheit kann äußerst dramatisch sein. Aber wenn man als Patient einige Grundwahrheiten kennt, kann man viel dazu beitragen, eine Verschlimmerung zu vermeiden und die Heilung zu beschleunigen.
Wenn beim Anziehen des Hemds, der Bluse oder des Pullovers oder bei einer anderen alltäglichen Bewegung plötzlich heftigste, messerstichartige Schmerzen im Schultergelenk auftreten, denkt man vielleicht: „Das kann doch jetzt nichts Besonderes sein. Das war doch nur eine Bewegung, wie ich sie immer mache, höchstens vielleicht ein wenig schneller oder ruckartiger als sonst.“ Der größte Fehler, den man dann machen kann, ist abzuwarten und zu hoffen, dass es wieder von selbst besser wird. Denn dann beginnt ein Prozess, der sich meist über viele Monate, ja sogar Jahre hinziehen kann.
In den meisten Fällen werden die Schmerzen aber nicht von selbst gleich wieder besser, auch dann nicht, wenn man sorgfältig diejenigen Bewegungen vermeidet, die die Schmerzen erstmals ausgelöst haben. Vielmehr beginnt dann sogar zusätzlich eine langsam zunehmende Einsteifung des Schultergelenks. Gehen Patienten erst dann zum Arzt, erfahren sie die erstaunliche Prognose, dass sich die Schmerzen und die Einsteifung von selbst lösen werden, allerdings oft erst nach etwa 18 bis 24 Monaten. Der Arzt nennt diesen langwierigen Prozess das „Auftauen“ der Frozen Shoulder.
Bei der häufigsten Form der Frozen Shoulder treten die Schmerzen erstmals und auch später nur bei bestimmten Bewegungen auf. Auch die Einsteifung betrifft bei diesem Typ nur ganz bestimmte Bewegungen. Hierzu können z. B. das Haarekämmen oder Haarewaschen gehören, oder man kann vielleicht die Geldbörse nicht mehr in die Gesäßtasche stecken. Viele andere Bewegungen bleiben jedoch unverändert möglich.
Es gibt aber auch Fälle, in denen die Schmerzen äußerst stark sind und ständig bestehen, auch in Ruhe und ganz gleich welche Bewegung man ausführt. Am schlimmsten ist dabei, dass man dann sogar nachts oft keine Erleichterung finden kann und man nicht einmal mehr weiß, wie man die schmerzende Schulter lagern soll. Oft verschlimmert sich der Zustand noch von Tag zu Tag und von Woche zu Woche und zehrt immer mehr an den Nerven.
Selbst für viele Experten sind die Ursachen der Frozen Shoulder noch immer ein großes ungelöstes Rätsel. Es gibt aber viele verschiedene Theorien, von denen einige sehr nachvollziehbar erscheinen: Eine Ursache scheint die Zerrung einer der vielen Sehnen der Schulter, d. h. der sogenannten Rotatorenmanschette, zu sein. Dies ist vergleichbar mit den Schmerzen, die beim sogenannten Tennisellenbogen auftreten. Auch bei diesem löst eine ganz bestimmte Bewegung die Schmerzen erstmals aus und sie vergehen oft erst nach vielen Wochen wieder.
Auch ein Sturz auf die Schulter, ein Stolpern, bei dem man sich mit der Schulter am Türrahmen anstößt, oder eine beginnende Arthrose können eine Frozen Shoulder auslösen. Ja, manchmal kann sogar eine Schulter-Operation zu dieser Komplikation führen. Auch bei fast fünf Prozent aller Gelenkspiegelungen (Arthroskopien) der Schulter kann dies auftreten. In vielen dieser Fälle ist der Verlauf dann sogar besonders langwierig und erfordert viel Geduld.
Aber auch eine Reizung bzw. eine Entzündung der hochempfindlichen Schulternerven kann die Ursache einer Frozen Shoulder sein. Oft betrifft dies speziell den Axillaris-Nerv, der seine Wurzeln aus dem Rückenmark der Halswirbelsäule bezieht. Bei Verdacht auf eine solche Neuritis ist auch eine Untersuchung beim Neurologen empfehlenswert, damit die Neuritis wirksam behandelt werden kann.
Aus statistischen Daten scheint sich ablesen zu lassen, dass auch erhöhte Blutzuckerwerte bei einem nicht optimal eingestellten Diabetes eine wichtige Ursache der Frozen Shoulder sein können. Ähnliches gilt für manche der sogenannten Fettstoffwechselstörungen. In allen unklaren Fällen sollten deshalb auch diese Blutwerte untersucht werden. Hausärzte und Internisten können diese Störungen wirksam behandeln.
Die wichtigste Empfehlung bei allen Schulterschmerzen ist: keineswegs auf eine „Heilung von selbst“ zu hoffen und zu warten, sondern bei den allerersten Beschwerden sofort den Arzt aufzusuchen, am besten sogar einen Schulterspezialisten. In manchen Fällen kann dann eventuell mit einer angemessen dosierten Cortison-Behandlung ein langwieriger Verlauf abgemildert oder ganz verhindert werden.
Bei heftigsten, permanenten Schmerzen müssen aber nicht selten auch stärkste Schmerzmittel verordnet werden. Sonst ist an Schlafen in der Nacht einfach nicht zu denken. In anderen, leichten Fällen empfehlen einige Spezialisten auch eine zumindest begleitende Einnahme von Vitamin C, z. B. in einer Dosis von 500 mg oder 1000 mg am Tag.
Einer der führenden Schulterspezialisten warnt ausdrücklich vor einer zu frühen Operation bei der Frozen Shoulder. Nicht selten würde der Zustand dadurch nicht nur nicht gebessert, sondern sogar verschlimmert. Auch auf Krankengymnastik sollte am besten ganz verzichtet werden, solange Schmerzen bestehen. Zumindest dürfen keine Übungen ausgeführt werden, die Schmerzen auslösen und das erkrankte Gelenk weiter reizen und belasten. Die früher häufig durchgeführte Mobilisierung in Narkose ist heute vollkommen „out“, also absolut nicht mehr empfehlenswert.
Wenn die Beschwerden schon langsam abklingen (siehe Abbildung in Tipp 2) und wer dann nicht länger die Geduld aufbringt, auf das weitere natürliche „Auftauen“ zu warten, für den kommt dann, und keinesfalls früher, eine arthroskopische Behandlung in Frage. Dabei wird bei einer Gelenkspiegelung die oft verdickte Gelenkhaut („Kapsel“) vorsichtig an mehreren Stellen gespalten. Dies darf aber nur von einem sehr erfahrenen Schulterspezialisten durchgeführt werden. Klüger ist es aus unserer Sicht, noch ein paar weitere Wochen Geduld aufzubringen und die natürliche Heilung abzuwarten.