Wenn man bei einem Bandscheibenvorfall im Lendenbereich Glück hatte, die Therapie gut geholfen hat, wenn alle Schmerzen abgeklungen sind und wenn alle Lähmungen sich wieder vollständig zurückgebildet haben – ist man dann wieder ganz gesund? Kann man dann wieder „alles so wie vorher“ machen? Oder gibt es einige Regeln zu beachten, um zwei gravierende, langfristige Komplikationen zu vermeiden? Im Folgenden geben wir hierzu einige nützliche Hinweise.
Die sogenannte Bandscheibe ist eigentlich keine Scheibe, sondern eher eine Art Puffer zwischen je zwei Wirbelkörpern. Dieser Puffer kann Stöße abfedern und dient der Beweglichkeit der Wirbelsäule. Dünnt der äußere, feste Faserring der Bandscheibe aus oder wird er verletzt, tritt die weiche, innere Masse oft nach hinten aus. Durch den daraus entstehenden Druck auf die Nerven, die aus dem Rückenmark austreten, kann es zu erheblichen Schmerzen, Taubheitsgefühl, ja sogar schweren Lähmungen kommen (siehe hierzu auch die ARTHROSE-INFOS Nr. 45 und 85).
Die meisten Bandscheibenvorfälle werden konservativ behandelt. Wenn die Lähmungen in Fuß und Bein aber zunehmen, wird heute eher operiert als noch vor einigen Jahren. Dies ist einer Verbesserung der Operationstechnik zu verdanken. Einen großen Beitrag hat hierzu Herr Priv.-Doz. Dr. Caspar geleistet, der von uns mit dem Weltpreis ausgezeichnet wurde. Aber auch viele weitere Spezialisten haben zu diesem Fortschritt beigetragen. Fast immer wird heute mit Mikroskop operiert. Die Lähmungen bilden sich nach der Operation oft rascher zurück. Auch die Narbe ist meist kaum noch sichtbar.
Oft folgt der Akutbehandlung – ob konservativ oder operativ – zunächst eine Physiotherapie oder Rehamaßnahme. Viele Patienten, ja die meisten, können nach einigen Wochen wieder ganz beschwerdefrei sein. Lähmungen und Gefühlsstörungen haben sich wieder zurückgebildet. Je nach Beruf kann auch schon nach wenigen Tagen – oder bei körperlicher Tätigkeit nach z. B. einigen Wochen – wieder mit der Arbeit begonnen werden. Nach einem Bandscheibenvorfall ist man somit sicherlich keineswegs invalide und braucht sich auch nicht mehr krank zu fühlen. – Aber …
Diese Tatsache darf man niemals aus den Augen verlieren. Sie wirkt sich auf zweierlei Weise aus: Wenn Bandscheibengewebe fehlt, rücken die beiden betroffenen Wirbel näher zusammen. Dadurch werden die Wirbelgelenke, die sich hinter dem Rückenmarkkanal befinden, mehr belastet. Aber auch die Bandscheiben darüber (oder darunter) werden höher beansprucht als zuvor. Daraus ergeben sich auf lange Sicht zwei bedeutende Komplikationsmöglichkeiten.
Wer nach einem Bandscheibenvorfall in den folgenden Monaten und Jahren vollkommen beschwerdefrei ist und deshalb alles wieder genauso macht wie vor dem Bandscheibenvorfall, trägt dennoch ein gewisses Risiko mit sich, dass es dadurch zu einem zweiten Vorfall kommen kann. Nicht selten ist dann eine benachbarte Bandscheibe betroffen. In manchen Fällen kann es auch an derselben Bandscheibe erneut zu einem Vorfall kommen.
Eine zweite Komplikation entwickelt sich oft erst nach Jahren oder Jahrzehnten: die Arthrose der Wirbelgelenke. Vielen älteren Menschen ist heute die Diagnose „enger Spinalkanal“, „Lumbalstenose“ oder „enger Wirbelkanal“ leider nur allzu bekannt. Welche enormen Behinderungen und Beschwerden damit verbunden sein können, haben wir ausführlich im ARTHROSE-INFO Nr. 55 beschrieben. Operationen wegen eines engen Wirbelkanals sind heute in vielen Kliniken sogar häufiger als Bandscheiben-Operationen. – Wie aber kann man diesen beiden Langzeit-Risiken vorbeugen?
Alles was die Lendenwirbelsäule in eine „Hohlform“ („Hohlkreuz“) verbiegt, sollte vermieden werden, weil dadurch die Wirbelgelenke besonders hoch belastet werden. Je höher die Absätze sind, umso mehr verbiegt sich die Lendenwirbelsäule in diese Richtung. Manche Männer tragen mit zunehmendem Alter, vielleicht sogar mit gewissem Stolz, einen immer größeren Bauch (Bierbauch?) vor sich her. Leider verstärkt auch dies die Hohlrücken-Form. Niedrige Absätze und gesundes, normales Körpergewicht sind deshalb auf jeden Fall von Vorteil.
Wer einen Bandscheibenvorfall hatte – selbst wenn dieser Jahre zurückliegt – sollte dem Nachbarn lieber nicht beim Umzug helfen und keine schweren Lasten tragen. Das Gleiche gilt auch im eigenen Haushalt. Ebenso ist das Erlernen einer günstigen Tragetechnik sehr empfehlenswert. Die Teilnahme an einer sogenannten „Rückenschule“ und an Physiotherapie-Kursen kann deshalb wärmstens empfohlen werden. Die dort erlernten Übungen sollten dann möglichst täglich zu Hause fortgeführt werden. Nähere Informationen hierzu kann man beim Arzt oder der Krankenkasse erhalten.
Wer morgens mit Rückenschmerzen aufwacht oder diese selbst bei leichtem Heben verspürt, sollte sich rasch in ärztliche Behandlung begeben. Länger bestehende Rückenschmerzen sind immer verbunden mit einer Verspannung der Rückenmuskeln. Dies führt zu einer Dauerbelastung der Bandscheiben und der Gelenke. Auch Konflikte im Beruf oder Privatleben können schmerzhafte Verspannungen auslösen. In der Tat gilt: „Frieden schließen tut Herz und Körper gut!“ Immer sollte man somit auf seinen Körper hören. Ein Experte sagt es so: „Der Rücken selbst ist der beste Arzt.“
Bandscheiben und Wirbelgelenke brauchen den regelmäßigen Wechsel von Be- und Entlastung. Jede Dauerbelastung schädigt sie. Deshalb sollte man auch bei Büroarbeiten öfter einmal aufstehen und ein paar Schritte gehen, z. B. auch beim Telefonieren. Es kann sogar sinnvoll sein, Ordner bewusst in etwas entferntere Regale zu stellen, so dass man aufstehen muss, um sie zu holen. Auch Stehpulte werden oft als angenehm empfunden. Dabei sollte man aber die Knie nicht voll durchstrecken, sondern sie in leicht angedeuteter Beugestellung halten, um eine Hohlkreuzhaltung zu vermeiden.
Tabakrauch enthält nicht nur Nikotin, sondern auch viele ungesunde Teerstoffe und Chemikalien. Diese sind für die Lunge, für die Gefäße von Herz und Gehirn und auch für die Bandscheiben und Wirbelgelenke schädlich. Es gibt viele Methoden, mit dem Rauchen aufzuhören. Hilfreich ist auch unser Buchtipp im ARTHROSE-INFO Nr. 50. Am Anfang steht aber immer der eigene, feste Entschluss und die klare Erkenntnis, dass Gesundheit das Wichtigste im Leben ist und dass man dafür selbst die größte Verantwortung trägt. Warum sollte man nicht auch an das Morgen denken?
Wenn manche Patienten heute hören: „Auch beim Sport können Sie jetzt wieder alles machen wie vorher“, so können wir dem auf keinen Fall zustimmen. Sportarten, die mit ruckartigen Stößen und plötzlichen Drehbelastungen einhergehen, wie z. B. Golf, Squash, Tennis, Handball oder Fußball, sind nach einem Bandscheibenvorfall leider nicht mehr empfehlenswert. Müssen sie auch nicht! Sanfte Wechselbeanspruchungen wie z. B. beim Nordic Walking, Radfahren und Schwimmen sind hingegen sehr viel günstiger. Weitere Sportarten wird auch jeder Arzt und Physiotherapeut gern empfehlen.