Die heute am häufigsten eingesetzten künstlichen Hüftgelenke erreichen in der Mehrzahl der Fälle bereits eine Haltbarkeit von zwanzig Jahren und mehr. Sie haben damit das Leben von Millionen von Menschen außerordentlich verbessert und gehören zu den größten Fortschritten der modernen Medizin. Darüber hinaus wird immer weiter geforscht, und es werden ständig weitere Modelle mit dem Ziel entwickelt, diese hohe Qualität noch weiter zu verbessern. Besonders interessant erschien auch eine Neuentwicklung, die als „McMinn-Prothese“ (gesprochen: „meckminn“) bekannt wurde. Diesen Typ gibt es von verschiedenen Herstellern, und er wird auch als „Hüft-Kappenprothese“, „Oberflächenersatz“ oder in der Fachsprache als „Resurfacing“ (gesprochen: „ri-söfessing“) bezeichnet. Im Folgenden beschreiben wir aber auch einige wichtige Hinweise, die hierzu inzwischen vorliegen, welche angestrebten Vorteile, aber auch welche Nachteile dieser Prothesentyp hat. Besonders wichtig ist auch, was man bei diesem Prothesentyp beachten muss.
Die „Überkronung“ des Hüftkopfs wurde auch in den Medien rasch populär. Allzu verständlich erschien ein großer Vorteil dieser Methode, nämlich den Hüftkopf und den Schenkelhals zu erhalten. Die Entwickler griffen dabei auf ein Prinzip zurück, das sich in den 1980er-Jahren als „Wagner-Kappe“ noch nicht hatte durchsetzen können. Zwei wesentliche Änderungen wurden deshalb vorgenommen: Die Kopf-Kappe aus Metall wurde durch einen längeren Stift gesichert, und als Gelenkpfanne wurde eine passende Metallpfanne entwickelt (Metall-auf-Metall-Prothese).
Seit der Einführung dieses Prothesen-Typs wurden inzwischen aber vielfältige Einschränkungen bekannt. Eines dieser Modelle, das die Bezeichnung „ASR“ trägt, wurde bereits seit Dezember 2009 zunächst in Australien und dann in England offiziell ganz gestoppt. Inzwischen wurde es auch in Deutschland vom Markt genommen. Sehr stark beachtet wurde die Rückruf-Aktion des weltweit tätigen amerikanischen Herstellers, als in den USA von dritter Seite sogar mit laufenden Fernseh-Spots die dortige Öffentlichkeit über den Einbaustopp informiert wurde.
Was war der Grund? Die nationalen Hüft-Endoprothesen-Register Australiens, Schwedens und Englands bewiesen eindeutig, dass das jetzt gestoppte bzw. zurückgerufene Modell „ASR“ bei 12 Prozent der Patienten bereits innerhalb der ersten fünf Jahre ausgetauscht werden musste. Die Haltbarkeit war somit bis zu dreimal geringer als bei langjährig bewährten Prothesen. Die Amerikanische Akademie der Orthopädischen Chirurgen (AAOS) wies zudem in ihrer Analyse, die sie im Mai 2010 veröffentlichte, auf höhere Lockerungsraten bei allen Hüft-Kappenprothesen hin.
Mit einer weiteren Sorge wandten sich inzwischen auch zwei Mitglieder an uns. Frau Renate W. aus H. schrieb: „Bei mir wurde im Blut eine sehr hohe Menge der Metalle Chrom und Kobalt festgestellt, die das Entfernen der Prothese nötig machte.“ Herr Peter S. aus V. schrieb: „Zwei Jahre nach Einsetzen einer McMinn-Prothese traten bei mir Gefühlsstörungen und offene Stellen an den Beinen sowie eine Krallenzehen-Bildung auf. Im Urin ist bei mir die Konzentration von Chrom und Kobalt um 300 Prozent erhöht. Mir ist die Frage gekommen, ob hier ein Zusammenhang bestehen könnte.“
Da das Abriebvolumen bei diesem Prothesentyp geringer ist als bei vielen anderen Prothesen, übersah man lange Zeit, dass dafür aber 500-mal mehr winzig kleine Abriebteilchen entstehen können. Diese sind so klein, dass sie ins Blut gelangen und dort bei einigen Patienten die Schutzwerte für Industriearbeiter erheblich übersteigen können. Sie finden sich vor allem in den roten Blutkörperchen und gelangen mit diesen in alle Organe. Nicht auszuschließen ist, dass erhöhte Werte das Nervensystem, die Nieren, aber auch andere Organe schädigen und zu Herzrhythmus-Störungen führen.
Dieses inzwischen bekannte Risiko hat bereits seit einiger Zeit zu einer Verminderung des Einsatzes aller Hüftkappen-Prothesen geführt. Eindeutig ist heute auch, dass erhöhte Metallkonzentrationen im Blut bei Schwangeren unbedingt vermieden werden müssen, da diese Metalle in hohen Konzentrationen das Ungeborene im Mutterleib schädigen können. Deshalb gilt heute sogar, dass Metall-auf-Metall-Prothesen bei allen Frauen nicht mehr eingesetzt werden sollten.
Metallallergien auf Kobalt, Chrom und Nickel haben in den letzten Jahren in der gesamten Bevölkerung, bei jüngeren Frauen besonders durch Modeschmuck verursacht, deutlich zugenommen. Während man diese beim Einsetzen von Standard-Prothesen bisher noch kaum beachtet und eher selten als Hinderungsgrund ansieht, sind sie bei allen Metall-auf-Metall-Prothesen heute meist eine klare Gegenindikation. Damit soll vermieden werden, dass die winzigen Abriebteilchen auf dem Blutwege möglicherweise sogar in wichtigen Organen allergische Reaktionen auslösen könnten.
Manche Befürworter sehen ein Anwendungsgebiet der noch zugelassenen Metall-auf-Metall-Prothesen aber weiterhin „bei körperlich aktiven jungen Männern“. Viel sicherer ist jedoch gerade auch bei diesen Patienten eine kluge Zurückhaltung, da eine höhere Beanspruchung des Gelenks stets mit erhöhtem Abrieb einhergeht. Die Langzeitwirkung von erhöhten Metall-Konzentrationen im Blut könnte zu einem hohen Risiko werden. Wann immer notwendig, ist auch hier eher ein seit langem bewährter Prothesentyp zu bevorzugen.
Bei bis zu einem Prozent der Patienten – also selten – können die abgeriebenen Metallteilchen auch in der direkten Umgebung der Prothese zu großen, schmerzhaften Entzündungsherden führen. In der Fachsprache werden diese als „Pseudo-Tumoren“, also tumorähnliche Gebilde, bezeichnet. Die Prothese muss dann meist ausgetauscht werden. – Ebenfalls bei etwa zwei Prozent der Patienten traten operationsbedingt oder nach unsachgemäßer Nachbehandlung auch Knochenbrüche des Schenkelhalses auf. – Was also sollte man als Patient stets beachten?
Jeder Patient, bei dem eine Metall-auf-Metall-Prothese eingesetzt wurde, sollte die genannten – seltenen – Risiken in Ruhe bedenken. Hilfreich kann dabei sein: (1) Wenn Schmerzen auftreten, kann eine Röntgen-, MRT- oder MARS-MRT-Untersuchung rasch Klarheit über die Ursache bringen. (2) Regelmäßig sollte man eine Vollblut-Untersuchung auf Kobalt, Chrom und Nickel durchführen lassen. Wenn die Werte erhöht sind, empfiehlt sich sofort eine deutliche Verminderung der Beanspruchung der Prothese und, wenn die Werte unverändert deutlich erhöht bleiben, sogar ein Austausch der Prothese.
Die meisten heute eingesetzten Prothesen haben einen Schaft aus Metall mit einem Kopf aus Metall oder Keramik. Die Pfanne besteht meist aus Metall, besitzt aber eine innere Auskleidung („Inlay“) aus Keramik oder Kunststoff. Wichtig zu beachten: Bevor man sich für ein anderes, „neues“ Modell entschließt, sollte man sich davon überzeugen, dass sich dieses in großen langjährigen Studien bewährt hat.
Aber auch bei langjährig bewährten Prothesen sollte man stets bedenken: Künstliche Gelenke haben heute zwar eine sehr lange Haltbarkeit erreicht. Dennoch sind sie den natürlichen Gelenken nicht ebenbürtig. Extreme Bewegungen und hohe sportliche oder berufliche Beanspruchungen sollte man klug vermeiden. Wer die Belastung des neuen Gelenks maßvoll und vernünftig dosiert, wird länger Freude daran haben. Meist kann man damit wieder ein normales Leben führen und auch viele Sportarten ausüben (siehe hierzu auch die früheren ARTHROSE-INFOS).