Wenn sich an der Großzehe ein deutlicher Ballen, der sogenannte Hallux valgus, bildet, kann dies außerordentlich schmerzhaft sein. Nachdem wir im ARTHROSE-INFO Nr. 44 bereits zahlreiche konservative Behandlungen beschrieben haben, sollen im Folgenden einige nützliche Hinweise zur operativen Therapie vorgestellt werden. Wir beschreiben die vier großen Gruppen von Operationsverfahren, die heute am häufigsten angewandt werden, und welche Besonderheiten dabei zu beachten sind. Künstliche Gelenke zählen hierbei noch nicht zu den häufig genutzten OP-Verfahren.
Fast die Hälfte aller Frauen über 45 leidet an einer Ballenbildung der Großzehe (Hallux valgus). Eine wichtige Ursache, so vermuten viele Fachleute, ist das jahrelange Tragen hoher und spitzer Schuhe. Während konservative Maßnahmen die Schmerzen oft wirksam lindern (INFO Nr. 44), kann eine Korrektur der Fehlstellung nur durch eine Operation erreicht werden. Innerhalb der letzten zehn Jahre hat sich die Zahl der Großzehen-Operationen verdoppelt. Heute werden allein in Deutschland jährlich schätzungsweise 70.000 Patienten, vor allem Frauen, operativ behandelt.
Ein Hallux valgus entsteht oft durch die Aufspreizung des Mittelfußes. Unmittelbar unter der Haut – und damit gut zu tasten – verlaufen fünf nahezu parallele Mittelfuß-Knochen. Ein Maß für den Schweregrad eines Hallux valgus ist der Winkel, den der erste und zweite dieser Knochen miteinander bilden: der „Inter-Metatarsal-Winkel“ oder kurz „I.M.-Winkel“. Ein leichter bis mittelschwerer Hallux valgus entspricht dabei einem Winkel von 10 bis 20 Grad, ein schwerer einem Winkel von 21 Grad und darüber. Für die Auswahl des Operationsverfahrens ist u. a. diese Einteilung heute wichtig.
Wenn das Gelenk selbst noch gesund ist, wählen viele Fachleute eine der beiden im Folgenden beschriebenen Korrektur-Methoden. Liegt hingegen zusätzlich eine schwere Arthrose vor, bevorzugen sie oft die Fusion. Nur sehr wenige renommierte Spezialisten wenden in allen Fällen stets die Korrektur-Methode II (Tipp Nr. 5) an. In etwa 25 Prozent aller Großzehen-Operationen sind zudem auch Eingriffe an einer der kleineren Zehen notwendig. Über dieses Thema werden wir in einem späteren INFO berichten.
Bei einem I.M.-Winkel von 10 bis 15 Grad (leichter bis mittelgradiger Hallux valgus) wird heute gern eine Korrektur bevorzugt, die als „distale Osteotomie“ bezeichnet wird. Das Köpfchen des ersten Mittelfuß-Knochens wird dabei seitlich verschoben. Stabilität und rasche Heilung erzielt diese Korrektur durch die in der Seitenansicht V-förmige oder L-förmige Schnittlinie. Dabei wird auch die überdehnte Gelenkkapsel gekürzt. Mit dieser Methode ist eine Korrektur des I.M.-Winkels um 5 – 10 Grad möglich.
Ab einem höheren I.M.-Winkel genügt es nicht mehr, allein das Köpfchen des ersten Mittelfuß-Knochens zu verschieben. Vielmehr muss der erste Mittelfuß-Knochen nahezu in seiner gesamten Länge verschoben werden. Hierzu gibt es verschiedene Verfahren. Bekannt ist die „Basis- Osteotomie“ und die „Scarf“-Operation. Ihr Vorteil: Auch höhere Korrekturgrade können bei guter Stabilität erzielt werden.
Die genannten Verfahren sind nach Einschätzung vieler Spezialisten nur möglich, wenn die Knorpelflächen des Gelenks noch weitgehend gesund sind. Liegt jedoch in selteneren Fällen neben dem Hallux valgus zusätzlich auch eine schwere Arthrose im Grundgelenk der Großzehe vor, wird bei jüngeren und aktiven Patienten als Alternative oftmals eine Fusions-Operation empfohlen. Der erste Mittelfuß-Knochen und das angrenzende Zehenglied werden dabei fest verbunden. Die Beweglichkeit im Endgelenk der Großzehe kann die aufgehobene Beweglichkeit teilweise ausgleichen.
Findet sich eine schwere Arthrose bei einem Patienten über 80, der durch weitere Krankheiten oder Schwächen nur noch wenige Schritte in der eigenen Wohnung tun kann, können konservative Maßnahmen meist ausreichend helfen (INFO 44). Ist aber eine Operation notwendig, so wird ein Verfahren empfohlen, bei dem eine Seite des Gelenks ganz entfernt wird. Fachleute bezeichnen diese Methode als „Resektion“ oder „Operation nach Keller-Brandes“. Ihr Vorteil liegt in der kurzen Nachbehandlungszeit. Ein Nachteil ist eine immer bleibende Kraftminderung der Großzehe.
Eine operative Behandlung des Hallux valgus ist nur möglich, wenn drei Voraussetzungen erfüllt sind. Die erste ist, dass die Durchblutung des Vorfußes gesund ist. Der Arzt wird deshalb stets zuerst die Fußpulse tasten. In Zweifelsfällen können auch eine Ultraschall-Untersuchung und weitere Tests Klärung bringen. Nur wenn keine Arterien-Verkalkung des Fußes vorliegt, kann eine Operation durchgeführt werden. Bei Blutzucker-Krankheit (Diabetes) gilt es zudem, auch eine schwere Gefühlsstörung im Vorfußbereich (Neuropathie) auszuschließen.
Die zweite Voraussetzung für eine Operation an der Großzehe ist nach Auffassung von Experten, vor der OP für mindestens sechs Wochen, noch besser für drei Monate, nicht zu rauchen. Wer als Raucher diese Empfehlung nicht befolgt, muss sonst mit einer fünffach höheren Komplikationsrate rechnen. Am besten sollte dies ein willkommener Anlass sein, mit dem Rauchen ganz aufzuhören. Auch die übrigen Organe des Körpers werden dadurch geschützt und gestärkt: Lunge, Herz, Gehirn, Nieren und vermutlich auch die Bandscheiben der Wirbelsäule werden entlastet.
Eine dritte Voraussetzung für eine Operation der Großzehe: Die Nachbehandlung benötigt Zeit und sollte gut geplant werden. In der ersten Zeit nach der Operation wird man meist einen Spezialschuh (siehe nächsten Tipp) tragen müssen. Für das Einkaufen und andere Arbeiten im Haushalt wird man deshalb für ca. 2 Wochen Unterstützung benötigen. Verwandte, Freunde und Nachbarn werden sicher gern behilflich sein, wenn alles gut im Voraus besprochen ist. Auch muss der operierte Fuß in vielen Fällen noch häufig hochgelagert werden, nachts z. B. auf einem Kissen.
Für die ersten zwei bis sechs Wochen nach der Operation werden meist Spezialschuhe verordnet. In der nächsten Phase werden zunächst weite Sandalen oder weite und weiche Turnschuhe empfohlen, die auch dem geschwollenen Fuß noch genügend Platz lassen. Normale Schuhe können oft erst nach Monaten wieder getragen werden. Sobald der Fuß nicht mehr anschwillt, erlauben viele Experten sogar wieder das gelegentliche Tragen von feinen Ausgehschuhen. Man sollte dies jedoch besser nur selten tun.
Die Erfolgsaussichten bei Hallux-valgus-Operationen haben sich in den letzten Jahren revolutionär gewandelt. Wer sich von einem Spezialisten operieren lässt, kann heute mit einer sehr hohen Zufriedenheitsrate rechnen. Sie erreicht Werte zwischen 80 und 95 Prozent, besonders bei denjenigen Experten, die sich ganz auf Vorfuß-Operationen spezialisiert haben. Es ist deshalb durchaus angemessen und empfehlenswert, den Operateur nach der Anzahl und Art der Operationen zu fragen, die er in dieser Art ausführt. Umso leichter wird die Entscheidung für diesen Eingriff fallen.