Nachdem wir in vier früheren ARTHROSE-INFOS bereits zahlreiche Praktische Tipps zur Arthrose, zu Schmerzsyndromen und zu Sehnenrissen der Schulter beschrieben haben, wenden wir uns in dieser Ausgabe jetzt einer Behandlung zu, die in den letzten Jahren deutlich verbessert wurde und mit der Spezialisten inzwischen hervorragende Erfolge erzielen: dem künstlichen Schultergelenk. Was ist der derzeitige Stand des Wissens auf diesem wichtigen Gebiet?
„Künstliche Schultergelenke sind sehr erfolgreich. Sie sind heute eine hervorragende Behandlungsmethode!“, ist die übereinstimmende Überzeugung aller Experten, die uns beraten haben. Obwohl künstliche Gelenke an Hüfte bzw. Knie immer noch weitaus häufiger eingesetzt werden als künstliche Schultern, haben sich die Zahlen in den letzten Jahren stetig und deutlich erhöht. In Deutschland werden inzwischen jedes Jahr etwa 25.000 Schultergelenke künstlich ersetzt. In Europa sind es schätzungsweise rund 40.000 und in den USA etwa 50.000 pro Jahr.
Den Schulterspezialisten in Deutschland stehen heute mindestens drei grundsätzlich verschiedene Gelenktypen zur Verfügung. Die Totalendoprothese der Schulter, bei der sowohl der Gelenkkopf als auch die Gelenkpfanne ersetzt werden, ist nur eine der Möglichkeiten. In besonderen Fällen kann auch ein Modell verwendet werden, bei dem Kopf und Pfanne quasi „vertauscht“ sind. Bei anderen Patienten kann oder muss hingegen auf den Ersatz der Gelenk-Pfanne verzichtet werden. Im Folgenden beschreiben wir diese drei Gelenktypen und ihre Besonderheiten:
Liegt eine schwere Arthrose der Schulter vor, deren massive Schmerzen auf Dauer nicht mehr anders behandelt werden können, wird heute oft ein künstliches Vollgelenk (Totalendoprothese) empfohlen. Sowohl der Gelenk-Kopf als auch die Gelenk-Pfanne werden ersetzt. Die bisherigen Modelle sind dabei ständig weiterentwickelt worden. Für diesen Eingriff bedarf es jedoch einer großen Erfahrung des Operateurs, da auch die umgebenden „Weichteile“, d. h. Muskeln, Sehnen und Kapseln, das Gelenk angemessen sichern müssen und nicht zu straff sein dürfen.
Als geniale Idee eines französischen Spezialisten wird ein Gelenktyp bezeichnet, bei dem Pfanne und Kopf „vertauscht“ sind. Dieser Typ wird als „inverse“ Prothese oder „Delta“-Prothese bezeichnet. Der Prothesenkopf befindet sich dort, wo im natürlichen Gelenk die Pfanne ist, und umgekehrt. Dieser Prothesen-Typ wird inzwischen in den schweren Fällen angewandt, bei denen wichtige Schultersehnen vollständig gerissen sind und der Gelenkkopf nach oben gewandert ist (INFO Nr. 47). Die Funktion der fehlenden Sehnen scheint dabei zum Teil durch die Prothese ersetzt zu werden.
Als dritte Möglichkeit steht schließlich das Halbgelenk („Hemi-Prothese“) zur Verfügung. Wenn der Knorpel der Gelenkpfanne noch gesund und nur der Gelenkkopf, z. B. nach einem Knochenbruch, schwer geschädigt ist, genügt es oft, allein den Gelenkkopf zu ersetzen. Das Halbgelenk wird auch dann gewählt, wenn eine Verankerung der künstlichen Pfanne aufgrund einer Knochenrückbildung im Pfannenbereich nicht mehr optimal möglich ist oder auch bei großen Defekten der Rotatorenmanschette als Alternative zur „inversen“ Prothese.
Nicht in allen, aber in vielen Fällen wird heute für die Verankerung des Gelenkkopfs mit seinem Schaft im Oberarm-Knochen eine Kunststoffmasse aus PMMA (Polymethylmethacrylat) verwendet, die als „Knochenzement“ bezeichnet wird und sich auch bei den Hüft- und Knieprothesen bewährt hat. Es gibt auch Operateure, die stattdessen Prothesenschäfte verwenden, die sich im Oberarmknochen verklemmen lassen. Beide Methoden haben ihre Berechtigung. Daneben haben sich jetzt die schaftlosen Prothesen zunehmend durchgesetzt.
In vielen Kliniken in Europa beträgt der Aufenthalt in der Regel fünf bis zehn Tage. Meist muss danach eine mindestens sechswöchige Heilungsphase streng eingehalten werden. Das Heilen der bei der Operation abgelösten Muskeln und Sehnen ist für den Erfolg entscheidend. Mit aktivem Training darf je nach Fall schon nach drei Tagen oder erst nach vier Wochen begonnen werden. In jedem Fall müssen die Anweisungen des Operateurs befolgt werden. Die Mithilfe des Patienten ist für den Erfolg der Operation von ebenso großer Bedeutung wie das Können des Arztes.
Um wieder selbst Auto fahren zu können, müssen mindestens sechs Wochen seit der Operation vergangen sein. Sicherheitshalber sollte man dies mit dem behandelnden Arzt vorher besprechen und seine Zustimmung einholen. Ist man unbedingt auf das Auto angewiesen, empfiehlt es sich daher, sich bereits vor der Operation mit Freunden, Familienangehörigen oder Nachbarn über die Möglichkeiten einer Fahrgelegenheit während dieser Zeit zu beraten. Sie werden sicher gerne behilflich sein.
In den führenden Zentren gilt heute, dass in 15 Jahren nur etwa 10 Prozent der Gelenke gelockert sind und ausgetauscht werden müssen. Das heißt, dass nach 15 Jahren noch 90 Prozent der Gelenke intakt sind. Damit werden an der Schulter heute gleich gute Ergebnisse erzielt, wie sie für Hüfte und Knie bekannt sind. Allerdings können diese Ergebnisse nur bei Arthrose erwartet werden, nicht bei Rheumatischer Arthritis, und auch nur, wenn Klinik und Operateur über eine große Erfahrung in der Schulterchirurgie verfügen und diese Operation regelmäßig durchführen.
Wenn ein künstliches Gelenk aufgrund einer schweren Arthrose eingesetzt werden musste, erreichen heute über 90 Prozent der Patienten ein gutes bis sehr gutes Ergebnis. Viele Patienten sind überrascht, wie gut sie danach die neue Schulter bewegen können. Wenn das Gelenk jedoch nach einem komplizierten Knochenbruch eingesetzt wurde, werden leider auch heute noch weniger gute Ergebnisse erzielt. Die Zufriedenheit beträgt dann nur etwa 70 Prozent. Umso dringender sind daher eine konsequente Vorbeugung gegen Verletzungen (Tipp Nr. 12) und eine intensive Forschung.
Mit einem erfolgreich eingesetzten künstlichen Schultergelenk können viele Alltagsbewegungen meist wieder ohne Einschränkung durchgeführt werden. Wenn der Eingriff erfolgreich war, wird mancher Spezialist sogar beachtliche sportliche Aktivitäten wie Schwimmen und Tennis-Doppel wieder erlauben. Die Haltbarkeit des neuen Gelenks wird man aber sicher fördern, wenn man auf zu hohe und zu häufige Belastungen des neuen Gelenks klugerweise verzichtet. So wird Golfspielen nur von ganz wenigen Spezialisten erlaubt. Wir raten, auf Tennis und Golf eher zu verzichten.
Eine wichtige Möglichkeit, ein künstliches Schultergelenk ganz zu vermeiden, ist das Verhindern von Stürzen. Besonders Menschen über 60 haben statistisch eine ansteigende Neigung zu Stürzen und müssen diese Gefahr sehr ernst nehmen. Es empfiehlt sich daher: (1) in der Wohnung stets auf helle Beleuchtung zu achten; (2) wenn man Brillenträger ist, sollte man nie ohne diese gehen; (3) älteren Menschen kann ein eleganter Stock oder Stockschirm viel Sicherheit geben. Dies wird immer wieder von Experten empfohlen, kann enorm wirksam sein und zudem noch hübsch aussehen.