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Praktische Tipps zum Kniescheiben-Gelenk

Das Kniegelenk besteht eigentlich aus zwei verschiedenen Gelenken: dem Hauptgelenk zwischen Ober- und Unterschenkel und einem kleineren vorderen Gelenk zwischen Oberschenkel und Kniescheibe. Unsere heutigen praktischen Tipps beziehen sich auf dieses „Kniescheiben-Gelenk“, dessen Beschwerden oftmals schon in frühen Jahren beginnen und überaus langwierig sind. Wir beginnen mit einigen Grundtatsachen, die jeder kennen sollte, und beschreiben danach nützliche Empfehlungen zur Selbsthilfe.

1. Die Schmerzen

Schmerzen am Kniescheiben-Gelenk können sehr verschieden sein. In manchen Fällen schmerzt lediglich eine ganz bestimmte Stelle an der unteren Kniescheiben-Spitze (1). Diese Schmerzen werden vom Arzt auch als „Patella-Spitzen-Syndrom“ bezeichnet. In anderen Fällen finden sich die Schmerzen unter der Kniescheibe oder aber am Innen- oder Außenrand. In wiederum anderen Fällen sind die Beschwerden nicht genau lokalisierbar. Bei der ärztlichen Untersuchung verspürt man dann möglicherweise einen dumpfen Schmerz, sobald die Kniescheibe vorsichtig beklopft oder verschoben wird (2).

2. Die typische Belastung

Alle Bewegungen, bei denen das Kniegelenk in Beugung belastet wird, führen zu einem hohen Druck auf die Kniescheibe. Das Aufstehen von einem Stuhl, das Treppauf oder Treppabgehen, das Bergauf oder Bergabgehen, das Hinknien oder In-die-Hocke-Gehen können daher oft die Schmerzen verstärken. Auch langes Sitzen mit angezogenen Beinen kann durch den Dauerzug der Muskulatur die Schmerzen verstärken (siehe auch Tipps Nr. 8 und 9). Häufig sind die ersten Schritte am Morgen besonders schmerzhaft.

3. MRT

Wenn nach den ersten drei bis sechs Monaten die Beschwerden trotz besten ärztlichen Bemühens nicht gebessert sind, wird der behandelnde Arzt neben Standard-Röntgen-Aufnahmen oft auch an die Durchführung einer MRT-Untersuchung denken (MRT = Magnet-Resonanz-Tomographie). Meist können diese Untersuchungen wichtige Antworten auf die Fragen bringen: Ist der Gelenkknorpel noch gesund? Gibt es bereits einen sichtbaren Knorpelschaden? – Warum diese Fragen so wichtig sind, beschreiben wir im folgenden Tipp.

4. Knorpelschäden werden größer, wenn …

Wann immer Knorpelschäden bereits bestehen, haben sie fast immer die Tendenz größer zu werden. Aufgrund biomechanischer Untersuchungen weiß man, dass jede Knorpelwunde gleichzeitig eine beträchtlich erhöhte Belastung auch des noch gesunden Knorpels bewirkt. Nur durch das bewusste Schützen des Gelenks kann diese zusätzliche Belastung des gesunden Knorpels vermindert und die Ausdehnung der Knorpelwunde in bisher gesunden Bereichen wahrscheinlich entscheidend verlangsamt werden.

5. Operationen?

Über einhundert verschiedene Operationsverfahren sind bereits für die Behandlung der schmerzenden Kniescheibe entwickelt worden. Nach Einschätzung vieler Fachleute ist die einzig erfolgreiche Lösung aber noch nicht gefunden. Nach dem uns vorliegenden Wissensstand raten wir daher zurzeit bei operativen Eingriffen an der Kniescheibe eher zur Zurückhaltung. Sie sollten vorerst nur ganz bestimmten Fällen vorbehalten sein und von besonders erfahrenen Ärzten durchgeführt werden.

6. „Fuß in der Luft“ beim Aufstehen

Was aber kann man selbst tun? Welche einfachen Maßnahmen können helfen, das Gelenk vor bestimmten hohen Belastungen zu schützen? Von großem Wert kann es sein, wenn beim Aufstehen (von Couch, Stuhl, Bettkante oder Autositz) das betroffene Bein vollständig entlastet bleibt. Am besten gelingt dies, wenn man sich beim Aufstehen mit beiden Händen kräftig abdrückt und das erkrankte Knie dabei nicht einsetzt. Bleibt das betroffene Bein gestreckt oder wird der Fuß sicherheitshalber sogar angehoben, kann jegliche Belastung vermieden werden

7. „Bein gerade“ auf allen Treppen

Bei größeren nachgewiesenen Knorpelschäden und bei Schmerzen im Kniescheibengelenk sollte man sich beim Treppengehen stets sicher am Geländer abstützen. In kritischen Fällen kann gleichzeitig – wie bereits beim künstlichen Kniegelenk beschrieben – eine bestimmte Gehtechnik hilfreich sein: Beim Treppaufgehen wird zuerst das gesunde Bein vorgesetzt, die kranke Seite folgt nach. Beim Treppabgehen wird zuerst das kranke Bein vorgesetzt und die gesunde Seite wird nachgezogen. Die große Belastung im Kniescheibengelenk gerade beim Treppengehen kann damit vermieden werden.

8. Kein Fersen- und kein Schneidersitz

Besonders bei Jugendlichen ist heute das Sitzen auf dem Boden oftmals sehr beliebt. Manche sitzen dabei gern auf den Fersen (Fersensitz), andere nehmen oft den sogenannten Schneidersitz ein. Beide Haltungen führen aber zu einer beträchtlichen Belastung der Kniescheibe und können Beschwerden im Kniescheibengelenk in vielen Fällen noch verstärken. Auch zu enge Jeans-Hosen können beim Sitzen einen hohen Druck erzeugen.

9. In Kino, Zug oder Flugzeug: besser ein Gangplatz

Langes Sitzen mit angewinkelten und gebeugten Knien in engen Kinoreihen, im Flugzeug oder in manchen Bussen oder Zügen kann das Kniescheibengelenk ebenfalls noch empfindlicher machen. Wenn möglich, sollte man daher einen Gangplatz wählen, der es einem erlaubt, das betroffene Knie immer wieder auszustrecken und damit das Kniescheibengelenk zu schonen. Auf längeren Reisen kann das Gelenk auch durch regelmäßiges Aufstehen und durch einige Schritte Gehen entlastet werden.

10. Quarkverbände

Das beschriebene eigene Verhalten – und auch die Behandlungsmaßnahmen des Arztes – können wirksam unterstützt werden durch das Anlegen von kühlen Quarkverbänden. Eine Packung, die man selbst aus Speisequark anfertigt, kann eine gute kühlende und abschwellende Wirkung haben (siehe Info Nr. 21, Seite 10). Zwei bis drei Esslöffel kalter Quark werden auf dem schmerzenden Gelenk 1–2 cm dick verteilt, mit einer Frischhaltefolie oder einem dünnen Tuch abgedeckt und dann mit einer elastischen Binde umwickelt. Diese einfache Maßnahme kann oft spürbare Linderung bringen.

11. Krankengymnastik

Bei länger andauernden Beschwerden am Kniescheibengelenk wird der behandelnde Arzt auch auf Veränderungen der vorderen Oberschenkel-Muskulatur achten. Nicht selten tritt bereits nach wenigen Wochen eine sichtbare Rückbildung eines bestimmten innenseitigen Teils dieser Muskulatur auf. In der ärztlichen Sprache wird dieser Muskelanteil als „Vastus medialis“ bezeichnet. Bei der Physiotherapie (Krankengymnastik) wird deshalb u. a. auch auf ein spezielles „Vastus-medialis-Training“ Wert gelegt.

12. Sport

Alle, die ihren Sport lieben, möchten wir darauf hinweisen, dass ein knorpelerkranktes Kniescheibengelenk nicht mehr voll belastet werden sollte, auch nicht in schmerzfreien Zeiten. Gefährlich sind alle kniebelastenden Sportarten, insbesondere auf Hallenböden. Eine Umstellung der bisherigen sportlichen Tätigkeit sollte man daher nach Rücksprache mit dem eigenen Arzt in Erwägung ziehen. Alternativen können sein: Schwimmen (auch Aquajogging), Wandern (in ebenem Gelände) und Radfahren (in der Ebene in kleineren Gängen und mit hohem Sattel) (weitere Hinweise s. Buchtipp auf Seite 14).