Unser Kopf besitzt zwei Gelenke, die wir nicht direkt sehen können. Sie haben aber eine große Bedeutung. Beim Essen, Trinken, Sprechen, Rufen, Singen, Lachen, Gähnen, ja in unzähligen Situationen, in denen wir den Mund öffnen oder Kaubewegungen machen, benötigen wir diese beiden Gelenke. Eine weitere Besonderheit ist, dass sie sich nur etwa einen Zeigefinger breit vor den Ohren befinden. Obwohl sie klein und zart sind, können sie oft erstaunlich hohen Belastungen ausgesetzt sein. Im Laufe der Jahre können sie deshalb ihre Form verändern und anpassen. Bei rheumatischen Erkrankungen können sie schmerzhaft entzündet sein. Aber auch an Arthrose können sie erkranken. Hierzu möchten wir heute einige weitere Tipps vorstellen. Die bisherigen Hinweise in den ARTHROSE-INFOS Nr. 30 und Nr. 90 sind eine wichtige Grundlage und als Ergänzung ebenfalls sehr empfehlenswert.
Wenn bei einer Arthrose des Kiefergelenks der Mund geöffnet und geschlossen wird, vernehmen manche Patienten ein typisches Reibegeräusch. Die Zahnärzte bzw. Kieferorthopäden nennen es in ihrer Fachsprache „Krepitation“. Äußerlich kann man dieses Geräusch meist kaum oder nur ganz dezent wahrnehmen. Aber durch die enge räumliche Nähe des Kiefergelenks zum Ohr erscheint das Reiben dem Patienten als sehr laut, und er oder sie vermutet, dass anwesende Personen es hören und sich gestört fühlen könnten.
Experten weisen auch auf ein weiteres Symptom bei Arthrose des Kiefergelenks hin. Es beunruhigt die Patienten oft besonders stark. Beim Schließen des Mundes und beim Kauen fällt ihnen manchmal auf, dass nur die vorderen Zähne in Kontakt kommen. Die hinteren, also besonders die Backenzähne, berühren sich nicht. Die Ursache kann eine Flüssigkeitsansammlung, d. h. eine Ergussbildung im Gelenk (siehe hierzu auch Tipp Nr. 6), oder eine Verlagerung des Diskus (siehe Tipp Nr. 5 und die dortige Abbildung) sein.
Arthrose-Gelenke sind geschädigte Gelenke. Dies gilt auch für die Kiefergelenke. Beim Kauen fester Speisen und besonders beim Essen von Äpfeln, Nüssen, harten Pizzakrusten usw. können starke Schmerzen in Ohrnähe auftreten und manchmal ein Weiteressen unmöglich machen. Typischerweise treten diese Schmerzen bei Arthrose nur einseitig auf, d. h. in einem der beiden Kiefergelenke. Dies gilt zumindest für etwa 95 Prozent der Fälle. Nur in rund fünf Prozent der Fälle treten die Schmerzen beidseitig, also in beiden Kiefergelenken auf.
Wenn die Kiefergelenk-Arthrose weit fortgeschritten ist, schränkt dies die Beweglichkeit immer weiter ein. Bei so manchen Patienten vermindert sich dann die Mundöffnung auf lediglich fünf bis zehn Millimeter. Dies entspricht in etwa der Dicke des Kleinfingers. Dann ist ein normales Essen natürlich nicht mehr möglich. Auch das Sprechen wird erheblich behindert. Einige Patienten können dann nur noch leise flüstern. Eine Patientin berichtet einem Experten z. B., dass sie sehr darunter leidet, ihren Kindern deshalb abends beim Zubettgehen nicht mehr vorlesen zu können.
Die Anatomie des Kiefergelenks zeigt mehrere Besonderheiten. Der Gelenkkopf liegt deutlich höher als die Unterkiefer-Zahnreihe und befindet sich wie erwähnt knapp vor dem jeweiligen Ohr. Die Gelenkpfanne wird von einer tiefen, domförmigen Mulde der Schädelbasis gebildet. In der zahnärztlichen Fachsprache wird sie „Fossa“ genannt. Zwischen Gelenkkopf und Fossa befindet sich außerdem ein knorpeliger Puffer („Diskus“), der sich beim Kauen und allen anderen Bewegungen des Unterkiefers verschiebt und der hilft, das Gelenk zu schützen und die Kontaktfläche zu vergrößern.
Ist der Diskus verrutscht, durch langjährige Überlastung aufgebraucht oder bis auf kleinere Reste zerstört, verliert das Gelenk diesen Puffer-Schutz. Wie bei jeder Arthrose kommt es dann zu einem Knochen-Knochen-Kontakt. Die Knochen des Gelenkkopfs und der Fossa verdichten sich („Sklerosierung“). Das Kauen kann schmerzhaft werden. Die Beweglichkeit des Unterkiefers nach vorn oder zur Seite, wie sie beim Essen und Sprechen benötigt wird, vermindert sich, und schließlich wird sogar das Öffnen des Mundes immer mehr eingeschränkt. Auch kann sich Flüssigkeit im Gelenk bilden („Erguss“).
Zur eindeutigen Diagnose setzen Spezialisten meist zwei besondere Untersuchungsmethoden ein. Um den Zustand des Gelenkknorpels und des Diskus eindeutig beurteilen zu können, werden meist MRT-Aufnahmen benötigt. Üblicherweise werden sie zunächst mit geschlossenem Mund und danach mit geöffnetem Mund durchgeführt. Auch wird von Spezialisten die hochmoderne DVT eingesetzt. DVT steht für Digitale Volumen-Tomographie und erlaubt eine dreidimensionale, also räumliche Darstellung des gesamten Gelenks und selbst kleiner knöcherner Veränderungen.
Höchst erstaunlich ist, dass schätzungsweise zwanzig Prozent der Bevölkerung an einer Diagnose leiden, die der Zahnarzt als Bruxismus bezeichnet. Dabei handelt es sich um zwei Verhalten, die einzeln oder zusammen auftreten können. Das erste ist Pressen. Seit langem ist bekannt, dass das Kiefergelenk auch ein Stress-Organ sein kann. Dann berichten Patienten: „Es waren schwierige Jahre, wir mussten kämpfen und die Zähne zusammenbeißen.“ Knirschen im Schlaf ist noch eine weitere Steigerung der Stressbewältigung, die die Zähne abschleift und zur Entstehung einer Arthrose beitragen kann.
Was kann man selbst gegen Bruxismus tun? Zur Vermeidung von Stress haben wir bereits in den ARTHROSE-INFOS viele nützliche Tipps gegeben, die wir unverändert empfehlen möchten und die man in der aktuellen Gesamtausgabe praktisch und handlich findet. So manche Experten geben gegen das Pressen auch einen sehr einfachen Tipp: Sie empfehlen ihren Patienten das Aufkleben kleiner Marker, z. B. am PC-Monitor, dem Handy, auf der Armbanduhr etc., kurz überall dort, wo man täglich öfter hinschaut. Wenn man sie sieht, kann man prüfen, ob man gerade presst, und sich bewusst entspannen.
Entspannung finden viele Menschen durch interessante Kurse. Eine einfache und allseits bekannte Entspannungsmethode ist das Autogene Training. Auch Physiotherapie ist sehr hilfreich. Es gibt zudem eine weit verbreitete mechanische Behandlung, die von Zahnärzten empfohlen wird und die die Zähne und die Kiefergelenke schützt. Es handelt sich um eine Kunststoffauflage, die auf den Unter- oder auf den Oberkiefer-Zähnen befestigt wird. Meist wird sie nachts gegen das Knirschen angelegt. Es gibt aber auch Patienten, die sie sogar 24 Stunden am Tag tragen und sie nur zum Essen abnehmen.
Eine Kiefergelenk-Arthrose erfordert nur sehr selten eine Operation. Manche Experten empfehlen dann eine Gelenkspiegelung. In den USA begannen Experten früh, mit künstlichen Gelenken zu experimentieren. Bei den europäischen Ärzten stieß dies lange Zeit auf einhellige Ablehnung. Als dann jedoch im Laufe der Zeit auch überraschend positive Langzeitergebnisse publiziert wurden, wurde die Kritik leiser und leiser. Heute ist das Einsetzen eines künstlichen Kiefergelenks, das mit feinen Schrauben in den Knochen verankert werden muss, immer noch ein sehr seltener, aber anerkannter Eingriff.
Wenn die bisherige Behandlung durch den eigenen Zahnarzt in seltenen Fällen nicht zu einem bleibenden Erfolg führt, wird man auch nach einem Spezialisten Ausschau halten. Wo und wie findet man diese? Natürlich wird auch der behandelnde Zahnarzt einige kennen und gern empfehlen. Einige Experten, die uns beraten haben, wiesen u. a. auf eine Fachgesellschaft dieser Spezialisten hin, die im Internet unter den fünf Buchstaben „DGFDT“ zu finden ist. Diese Abkürzung steht für „Deutsche Gesellschaft für Funktions-Diagnostik und -Therapie“. Diese kann bei der eigenen Suche hilfreich sein.