Nachdem wir bereits in den ARTHROSE-INFOS Nr. 8, 18 und 28 über die künstlichen Hüftgelenke berichtet haben, möchten wir heute über die Möglichkeit einer Verkalkung der künstlichen Gelenke und die inzwischen erzielten Fortschritte informieren. Der Arzt bezeichnet sie meist als „Heterotope Verknöcherungen“ bzw. „Heterotope Ossifikationen“. Mit dem Wort „heterotop“ soll betont werden, dass diese Verknöcherungen in Bereichen auftreten, in denen sie normalerweise nicht vorkommen. Im Folgenden möchten wir einmal beschreiben, wie häufig diese Komplikationen sind, wer besonders oft davon betroffen ist und welche Möglichkeiten der Vorbeugung es heute gibt.
Nach dem Einsetzen eines künstlichen Hüftgelenks kann sich manchmal nicht nur dort Knochen neu bilden, wo die Prothese verankert ist, sondern auch in den benachbarten Muskeln und Weichteilen. Je mehr von diesen Knocheninseln entstehen und je größer und dichter sie werden, umso mehr behindern sie die Prothese in ihrer Beweglichkeit und mauern sie immer mehr ein. Die durch die Operation gewonnene Beweglichkeit des Gelenks kann dann sogar wieder verloren gehen. Dies trifft besonders bei den Schweregraden zu, die mit „Brooker III–IV“ bezeichnet werden.
Ohne Vorbeugemaßnahmen können sich in rund 60% (manche Wissenschaftler berichten sogar von über 80%) der Fälle Verknöcherungen meist leichterer Art in der Umgebung des künstlichen Gelenks bilden. Bei rund einem Sechstel davon können die Verknöcherungen so schwer sein, dass das Gelenk nicht mehr frei bewegt werden kann. Dann können Bewegungen wie Gehen, Hinsetzen, Bücken und auch das Treppensteigen erheblich behindert sein (Schweregrad Brooker III–IV).
Nach dem Einsetzen eines künstlichen Hüftgelenks heilt die Operationswunde meist rasch und verursacht von Anfang an erstaunlich wenig Schmerzen. Wenn die Schmerzen jedoch auffallend stark sind, lange bestehen bleiben oder wenn die Umgebung der Operationswunde eine ungewöhnliche Überwärmung und Rötung zeigt, so kann dies ein Hinweis auf eine Infektion sein oder darauf, dass sich vielleicht eine Verknöcherung in der Muskulatur bildet. Wenn sich letzteres bestätigen sollte, bleiben die Schmerzen meist noch viele Wochen nach der Operation weiter bestehen oder nehmen sogar noch zu.
Mehr noch als vermehrte Schmerzen kann in sehr seltenen Fällen schon während der Krankengymnastik in den ersten Tagen nach der Operation auffallen, dass die Beweglichkeit von Anfang an hinter der anderer Patienten zurückbleibt. Manchmal kann auch eine zunächst gute Beweglichkeit allmählich wieder verloren gehen und sich dann eine langsam zunehmende Einsteifung des künstlichen Gelenks entwickeln. – Bei wem nun ist das Risiko für diese Verknöcherungen besonders hoch, und welche Vorbeugemaßnahmen gibt es?
Ohne dass die Zusammenhänge bereits vollständig bekannt sind, bestätigen viele Experten, dass Männer und besonders diejenigen, die über sechzig Jahre alt sind, ein deutlich höheres Risiko haben, heterotope Verknöcherungen zu entwickeln. Zusätzlich erhöht ist dieses Risiko meist dann, wenn diese Männer übergewichtig sind oder eine besonders kräftige Muskulatur besitzen. Allerdings liegen uns auch neueste Hinweise einer Universitätsklinik vor, bei deren Patienten das Risiko für Männer und Frauen gleich hoch zu sein scheint.
Wer bereits vor dem Einsetzen eines künstlichen Hüftgelenks an der gleichen Hüfte operiert worden ist, hat vermutlich ebenfalls ein erhöhtes Risiko für eine ungewollte Verknöcherung des künstlichen Gelenks. Dies betrifft z. B. all jene, bei denen wegen einer Fehlform der Hüfte (Hüftdysplasie) oder wegen einer beginnenden Hüftarthrose in früheren Jahren eine sogenannte Umstellungsoperation durchgeführt worden ist. Auch frühere Knochenbrüche im Bereich der Hüfte durch Unfälle könnten das Risiko erhöhen.
Wer gleich im Anschluss an das Einsetzen eines künstlichen Hüftgelenks aus verschiedenen Gründen längere Zeit das Bett hüten muss, könnte ebenfalls ein erhöhtes Risiko für heterotope Verknöcherungen haben. Dies betrifft nicht nur Patienten, die aufgrund eines Unfalls längere Zeit ständig liegen müssen. Viele Experten schätzen dieses Risiko aber eher gering ein.
Und schließlich besteht immer dann ein erhöhtes Risiko, wenn zuvor bereits das andere Hüftgelenk künstlich ersetzt wurde und dort bereits heterotope Verknöcherungen aufgetreten sind. (Neben diesen genannten Risiken gibt es noch mehrere andere, auf die der Arzt bereits vor der Operation achten wird.) – Wenn nun eines oder mehrere dieser Risiken schon vor der Operation bekannt sind, welche Vorbeugemaßnahmen können dann heute ergriffen werden? Im Wesentlichen stehen dem Arzt zwei Methoden zur Verfügung, die er einsetzen kann.
Die Verordnung bestimmter entzündungshemmender Medikamente kann das Auftreten heterotoper Verknöcherungen deutlich vermindern. Meist werden diese Mittel heute für die ersten zwei oder drei Wochen nach der Operation verordnet. Viele Kliniken empfehlen diese Vorbeugemaßnahme bei allen Patienten, die operiert werden, andere nur noch bei solchen, bei denen ein hohes Risiko (siehe Tipps 5–8) besteht. Immer wenn früher bereits schon einmal ernsthaftere Magen-Darm-Erkrankungen aufgetreten waren, wird man diese Medikamente jedoch nicht oder nur vorsichtig einsetzen können.
Eine ebenfalls wirksame Vorbeugung stellt die Röntgenbestrahlung dar. Die Bestrahlung ist am wirksamsten, wenn sie in den ersten drei Tagen nach der Operation oder einen Tag vor dem Eingriff erfolgt. Oft wird eine einmalige Dosis von 7 Gray (700 Rad) empfohlen, die gezielt nur auf jene Areale verabreicht wird, in denen sich eine heterotope Verknöcherung bilden kann. Die Strahlenbelastung entspricht etwa der von 100 Röntgenaufnahmen des Beckens und ist schon beträchtlich. Meist wird deshalb auch die Bestrahlung nur dann eingesetzt, wenn konkrete Risikofaktoren vorhanden sind.
Wenn trotz Vorbeugemaßnahmen in seltenen Fällen auch heute noch heterotope Verknöcherungen höherer Schweregrade auftreten (in ca. 1–2%), können die folgenden Hinweise wichtig sein: (1) Wenn die Verknöcherung durch eine Operation entfernt werden soll, kann dies frühestens nach einem Jahr erfolgen, wenn Laboruntersuchungen (Alkalische Phosphatase) und Knochen-Szintigramm zeigen, dass die Verknöcherungen „ausgereift“ sind. Sonst ist die Gefahr des Wiederauftretens besonders groß. (2) Diese OP kann die Beweglichkeit in der Regel verbessern, nur selten aber ganz normalisieren.
Da diese große Operation technisch nicht ganz einfach ist und die Beweglichkeit damit oft nicht vollständig normalisiert werden kann, entscheiden sich oftmals die Betroffenen, auf eine erneute Operation zu verzichten. Viele der Hilfsmittel, die wir in früheren „Praktischen Tipps“ in den Heften 8, 13, 18, 23 und 28 vorgestellt haben, können dann in mancher Situation hilfreich sein. Als großen Vorteil gegenüber dem Zustand vor der Einsetzung des künstlichen Gelenks werten die meisten Betroffenen auch, dass ihre Schmerzen doch beträchtlich geringer sind als vor dem Einsetzen des künstlichen Gelenks.