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Praktische Tipps zum künstlichen Kniegelenk

Jedes Jahr werden in Deutschland etwa 170.000 künstliche Kniegelenke eingesetzt – die meisten wegen Arthrose. Seit vielen Jahren konnte die Erfolgsquote ständig gesteigert werden, vor allem auch, weil Operateure und Patienten viele wichtige Besonderheiten dieses komplizierten Gelenks immer besser verstehen und beachten. Einige dieser Besonderheiten möchten wir mit den folgenden Tipps vorstellen.

1. Anatomie 1: Direkt an der Oberfläche

Das Kniegelenk weist mehrere anatomische und biomechanische Besonderheiten auf. Die erste: Das Kniegelenk liegt an mehreren Stellen direkt unter einer dünnen Hautschicht und einer dünnen Kapsel und wird nicht durch weitere Weichteile geschützt. Dies kann in manchen Fällen eine verzögerte Wundheilung nach der Operation bedingen. Sehr wichtig ist aber auch, später darauf zu achten, das künstliche Gelenk vor äußeren Verletzungen sorgfältig zu schützen.

2. Anatomie 2: Kreuzbänder und Seitenbänder

Eine zweite Besonderheit ist, dass dieses Gelenk nicht knöchern geführt und stabilisiert wird. Vielmehr ist sein fein abgestimmtes Bewegungsmuster von Muskeln, Sehnen und Bändern abhängig. Im Inneren des Gelenks verlaufen zwei sich überkreuzende Bänder („Kreuzbänder“) und außen die „Seitenbänder“. Sind sie durch Verletzungen oder durch einen langen Krankheitsverlauf nicht mehr intakt, so müssen bei der Operation besondere Vorkehrungen getroffen werden, um dies zu kompensieren.

3. Anatomie 3: Auch Gleitbewegungen

Eine dritte Besonderheit des Kniegelenks ist, dass es sich bei Beugung und Streckung nicht nur wie um eine Achse dreht und eine „Scharnierbewegung“ vollzieht. Vielmehr kommt es gleichzeitig zu einem Vorwärts- und Rückwärts-Gleiten. Auch dies stellt hohe Anforderungen an die Feinabstimmung der Bänder, Sehnen, Muskeln und ebenso an das künstliche Kniegelenk.

4. Anatomie 4: … und Drehbewegungen (Rotationen)

Eine vierte Besonderheit sind schließlich zusätzliche Rotationsbewegungen im Kniegelenk. Je mehr das Knie gebeugt wird, umso mehr ist auch der Unterschenkel in beträchtlichem Maße nach innen und außen drehbar. Dies kann man deutlich an unterschiedlichen Fußstellungen erkennen. Nur wenn der Operateur über große Erfahrung verfügt, wird er die optimale Rotationsstellung des künstlichen Gelenks einstellen können. Andernfalls kann dies später beim Patienten zu Problemen beim Gehen führen.

5. Röntgenbild wichtig – aber …

Trotz MRT sind Röntgenaufnahmen für die Entscheidung zur Operation nach wie vor unverzichtbar. Nur wenn ein Knochen-Knochen-Kontakt nachgewiesen ist, ist an ein künstliches Gelenk zu denken. Immer wieder gibt es jedoch auch Patienten, die trotz dieses Befunds vor kurzem noch ohne Probleme sogar Fußball spielen konnten. Schmerzen, die erst seit kurzem bestehen, bieten immer auch die Chance, dass sie noch ohne Operation wieder beseitigt bzw. vermindert werden können. In diesen Fällen sollten deshalb zunächst alle konservativen Maßnahmen ausgeschöpft werden.

6. „Geh Du nur, ich bleibe zu Hause“

Eine Kniearthrose, die sich trotz aller Bemühungen von Arzt und Patient über Monate und Jahre immer weiter verschlechtert und immer schmerzhafter wird, führt oft auch zu sozialen Problemen. Dann hören Partner und Freunde nicht selten: „Geh Du nur wandern, ich bleibe zu Hause“ oder nach wenigen Schritten: „Ich setze mich auf diese Bank und warte, bis Du wieder zurückkommst“. Wenn Knochen auf Knochen reibt, die Lebensqualität zunehmend eingeschränkt ist und sich dies auch auf das soziale Leben auswirkt, dann ist die Zeit für ein künstliches Gelenk gekommen.

7. Prä-Habilitation

Fast alle Experten bestätigen heute, dass eine Physiotherapie bereits vor der Operation die späteren Ergebnisse verbessert. Je mehr bestimmte Muskeln vorher trainiert werden und je mehr eventuell sogar die Beweglichkeit verbessert werden kann, umso rascher und erfolgreicher ist die Reha nach dem Eingriff. Diese Form der frühen Physiotherapie wird meist „Prähabilitation“ genannt (prä: zu Deutsch „vorher“). Manche Experten empfehlen die Prähabilitation sogar dann, wenn der Kostenträger sie nicht übernehmen will und man sie selbst bezahlen muss. So wertvoll ist sie.

8. Mund-zu-Mund-Propaganda

Künstliche Kniegelenke einzusetzen, verlangt viel Erfahrung. Leider kann man den Angaben im Internet in so manchen Fällen nicht sicher entnehmen, wie viel Erfahrung die dort ge nannten Operateure tatsächlich besitzen. Es ist deshalb eine gute Idee, den Rat des Hausarztes und die Empfehlungen anderer Patienten einzuholen. Auch die Deutsche Arthrose-Hilfe ist dabei gerne behilflich. Von unseren Mitgliedern erfahren wir ständig, bei welchen Operateuren und in welchen Kliniken sie besonders positive Erfahrungen gemacht haben.

9. Vorher mehrere Kliniken ansehen

Wie bei jeder anspruchsvollen Operation empfiehlt es sich auch bei dieser, nicht nur eine Klinik vorher zu besuchen, sondern mit den Experten mehrerer Kliniken zu sprechen. Jeder erfahrene Operateur wird dies gut verstehen. Zumindest sollte man eine zweite Meinung einholen. So kann sicher geprüft werden, ob die Operation tatsächlich notwendig ist, und man bekommt ein Gefühl für die Erfahrung, die Sorgfalt und die Atmosphäre der jeweiligen Klinik. Die Ausführlichkeit der Aufklärung gibt einen wichtigen Hinweis. Hierbei kann man auch auf das eigene „Bauchgefühl“ vertrauen.

10. Große Fortschritte in den letzten Jahren

Ja, es stimmt: Im großen Durchschnitt ist die Zufriedenheit mit dem künstlichen Kniegelenk in vielen Fällen noch nicht so hoch wie mit einer künstlichen Hüfte. Während die Unzufriedenheit vor wenigen Jahren oft noch bei jedem dritten Patienten auftrat, sind heute jedoch in guten Kliniken nicht selten bis zu 80 Prozent und mehr der operierten Patienten mit dem Ergebnis zufrieden. Diese Erfolge sind unter anderem den Verbesserungen der künstlichen Gelenke und der Operationstechnik, aber auch einer sorgfältigen Aufklärung vor dem Eingriff zu verdanken.

11. Bis zu einem Jahr danach

Während heute die Rehabilitation oft schon am Operationstag beginnt, sollte man dennoch wissen, dass in den meisten Fällen das operierte Gelenk etwa drei Monate zur Heilung benötigt. Schmerzen und Schwellungen können auch noch bis zu einem halben oder sogar bis zu einem ganzen Jahr danach auftreten. Wichtig zu wissen: Die in der Reha erlernten Übungen sollte man zeitlebens jeden Tag zu Hause wiederholen und fortführen. Nur dann können optimale Beweglichkeit und Kraft für immer erhalten bleiben.

12. Renaissance der Teilprothesen

Ist nur eine Hälfte des großen Kniegelenks schwerstbetroffen, so genügt oft der Ersatz dieses viel kleineren Gelenkteils. Fachleute nennen diese kleinere Endoprothese „unikondylär“ oder „Schlittenprothese“. Nach der anfänglichen Euphorie in den 1980er Jahren mussten viele Operateure zunächst lernen, dass die Haltbarkeit gerade bei diesem Endoprothesen-Typ von einer sehr großen Erfahrung und Präzision abhängig ist. In den letzten Jahren hat sich die Zahl dieser Prothesen deshalb wieder deutlich erhöht. Die Vorteile sind die schnellere Rehabilitation und ein gutes Kniegefühl.