Wer Kinder und Jugendliche aufwachsen sieht, wird immer wieder staunen, wie rasch sie wachsen und groß werden. Ihre Freude, ihr Glück und ihre Zuversicht strahlen auch auf die Erwachsenen aus. Umso schmerzlicher ist es, wenn die körperliche Entwicklung fehl verläuft und wenn es zu einer zunehmenden Verkrümmung der Wirbelsäule und damit zu einer Buckelbildung des Rückens kommt. Meist sind die Ursachen nicht bekannt. Der Arzt spricht dann von einer „idiopathischen“ Skoliose. Wenn diese nicht rechtzeitig behandelt wird, kann die Krümmung immer weiter zunehmen und im Erwachsenenalter zu starken Schmerzen und auch zu einer besonders schweren Form der Wirbelgelenk-Arthrose führen. Was sollte man über diese Veränderung des Rückgrats wissen, die im frühen Jugendalter beginnt und sich auf das ganze weitere Leben auswirken kann?
Wer kann ermessen, was es für die Seele einer heranwachsenden jungen Frau zu Beginn und während der Pubertät bedeutet, wenn sie erkennt, dass sie anders aussieht als Andere? Bei einer Skoliose kann sich die Verkrümmung des Rückgrats entweder nur auf den Lendenwirbel- oder den Brustwirbelbereich beschränken oder aber in beiden Bereichen gleichzeitig auftreten. Im letzteren Fall spricht man von einer S-förmigen Skoliose. Sie verändert sowohl die Stellung der Schultern als auch die Form der Lendenmuskulatur.
Wenn die Skoliose bereits in den allerersten Lebensjahren beginnt, kann sie zu einer so starken Abknickung und Verformung des Brustkorbs führen, dass auch Herz und Lunge in ihrer Entwicklung gestört werden. Aber auch die häufigere Form der Skoliose, die erst später zur Zeit der Pubertät beginnt, kann sich in schweren Fällen auf die Beweglichkeit der Rippen und des Brustkorbes und damit auf die Atmung und den Kreislauf auswirken, wenn sie nicht rechtzeitig behandelt wird.
Eine Skoliose verstärkt sich besonders rasch, solange das Kind wächst. Aber auch nach Abschluss des Wachstums kann eine schwere Verkrümmung der Wirbelsäule weiter zunehmen und sich mit jedem Lebensjahr immer weiter verstärken. Es wird geschätzt, dass die Zunahme beim Erwachsenen für jedes weitere Lebensjahr dann bis zu 1 Grad betragen kann. Wenn somit im Alter von 20 Jahren beispielsweise eine Krümmung von 40 Grad besteht, kann sich diese in manchen Fällen bis zum 60. Lebensjahr auf 80 Grad erhöhen.
Je weiter die Verkrümmung fortschreitet, umso früher können dann im Erwachsenen-Alter Schmerzen auftreten. Anfangs sind sie zunächst Folge einer Überlastung, z. B. bei langem Stehen oder Sitzen in gleicher Position oder beim Tragen schwerer Gegenstände. Später kann sich aber im Krümmungsbereich auch eine schwere Wirbelgelenk-Arthrose entwickeln. Dieselben Beschwerden, wie wir sie im ARTHROSE-INFO Nr. 95 bei der „degenerativen Skoliose“ beschrieben haben, treten dann oft früher und noch stärker auf. Was also ist zu tun?
Mütter und Väter, Verwandte und Erzieher sollten immer auch auf den Rücken der Kinder achten. Ist das Rückgrat gerade? Stehen die linke und die rechte Schulter gleich hoch? Wenn sich das Kind nach vorn beugt, sind dann die Rippenwölbungen des Rückens sowie die Lendenmuskeln links und rechts auf gleicher Höhe? Sieht der Rücken symmetrisch und gleichförmig aus? Auf diese Weise kann man selbst sehr viel zur Früherkennung beitragen.
Wann immer man erste Veränderungen beobachtet oder sich nicht sicher ist, sollte man keinesfalls abwarten. Damit würde man nur kostbare Zeit für die Behandlung verlieren. Vielmehr sollte man umgehend einen erfahrenen Kinderarzt oder Orthopäden aufsuchen, der eine fachgerechte Untersuchung durchführen kann. Sollte sich dann der Verdacht auf eine Skoliose bestätigen, so empfiehlt es sich in der Regel, die weitere Behandlung in einer speziellen „Skoliose-Sprechstunde“, wie sie in größeren Kliniken durchgeführt wird, fortzusetzen.
Die exakte Messung des Krümmungswinkels erfordert große Röntgenaufnahmen der gesamten Wirbelsäule von vorne und von der Seite, also in 2 Ebenen. Nur dann kann die richtige Therapieentscheidung getroffen werden. Um den jungen Körper aber nicht zu viel und zu oft mit Röntgenstrahlen zu belasten, wird der Arzt in leichten Fällen und zu bestimmten Kontrollen auch eine Stereographie- oder „formetric“-Aufnahme machen. Diese Geräte verwenden keine Röntgenstrahlen, sondern erzeugen besondere Lichtmuster. Sie stehen heute in den meisten Skoliose-Sprechstunden zur Verfügung.
Wie wird eine Skoliose nun behandelt? Als Grundbehandlung wird fast immer eine spezielle Krankengymnastik empfohlen. Damit wird versucht, diejenigen Muskelgruppen zu stärken, die die Krümmung aufrichten helfen. Meist wird diese Behandlung ambulant durchgeführt. Es gibt aber auch Spezialkliniken, wie die Katharina-Schroth-Klinik in Bad Sobernheim, die über sehr gute Erfolge mit einer stationären Behandlung berichten. Eine solche Intensivtherapie dauert etwa drei Wochen, und das Kind lernt intensiv, welche Übungen es zuhause regelmäßig durchführen kann.
Wenn es mit Krankengymnastik (Physiotherapie) allein nicht gelingt, eine Zunahme der Verkrümmung zu verhindern, muss ein weiteres Instrument eingesetzt werden. Ab einer Krümmung von etwa 20 Grad wird dann zusätzlich eine Korsett-Behandlung empfohlen, meist mit einem sogenannten „Chêneau-Korsett“ (gesprochen „schenoo“) oder einem „Boston-Korsett“. Damit kann die Krümmung teilweise korrigiert werden. Die mehrjährige Korsett-Behandlung verlangt von Eltern und Kind viel Disziplin. In den meisten Fällen kann damit aber eine Operation vermieden werden.
Bei etwa 15 Prozent der jungen Patienten führt jedoch selbst die Kombination von Krankengymnastik und Korsett-Behandlung leider nicht zum Erfolg. Spätestens wenn die Krümmung 50 Grad und mehr erreicht, ist eine Operation oft unausweichlich. Es gibt verschiedene Operationsverfahren. Immer handelt es sich dabei um besondere Eingriffe, bei denen Metallteile eingesetzt werden müssen. Danach kann sich der junge Patient bald frei bewegen, auch Sport treiben und später sogar die meisten Berufe ergreifen. Hohe Belastungen der Wirbelsäule sollten dennoch vermieden werden.
Was aber sind die vermuteten Ursachen der idiopathischen Skoliose? Bis heute sind die Ursachen der idiopathischen Skoliose nicht bekannt. Bekannt ist nur, dass sie bei Mädchen sechsmal häufiger auftritt als bei Jungen. Dies könnte auf hormonelle Faktoren hindeuten. Warum aber wächst die Wirbelsäule nicht gerade? Wächst die Muskulatur, die sie ja nach links und rechts bewegt, nicht überall gleichmäßig? Oder wachsen etwa die Nerven, die diese Muskeln versorgen, nicht gleichmäßig genug mit? Alle diese und viele weitere Fragen sind bisher noch nicht geklärt.
Wer jemals gesehen hat, wieviel Geduld und Ausdauer die Behandlung dieser Erkrankung den jungen Patienten und ihren Eltern abverlangt, der kann verstehen, wie dringend weitere Verbesserungen sind. Und wer die Schmerzen nachempfinden kann, unter denen viele Erwachsene später jahrelang zu leiden haben, der wird zustimmen, dass diese Krankheit nicht länger „idiopathisch“, also „in der Ursache unbekannt“, bleiben darf. Eine intensive Erforschung ist dringend notwendig. Dafür setzen wir uns mit ganzer Kraft ein!