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Bakterienansammlung am künstlichen Hüftgelenk

Künstliche Hüftgelenke schenken vielen Menschen mit Arthrose ein neues Leben. Aber es kann auch Komplikationen geben, die Jahre nach der Operation plötzlich wie aus heiterem Himmel auftreten. Hierzu gehört der Befall mit Bakterien, die sich um die Prothese herum vermehren. Diese Form der Infektion wird als “akute periprothetische Spät-Infektion” oder “hämatogene Spät-Infektion” bezeichnet und ist eine der schwierigsten und gefürchtetsten Komplikationen überhaupt. Was ist in einem solchen Fall zu tun? Und vor allem, welche zwei Grundsätze der Vorbeugung sollte man kennen? Einige Tipps haben wir bereits in früheren Ausgaben des ARTHROSE-INFOS erwähnt. Im Folgenden nun eine Gesamtübersicht zu diesem wichtigen Thema.

1. Alles war in Ordnung

Mit dem künstlichen Hüftgelenk wieder ein normales Leben führen zu können, gehört für viele Arthrosebetroffene zu den glücklichsten Erfahrungen überhaupt. Wieder Fahrrad zu fahren, einkaufen zu gehen, Ausflüge zu machen, zu reisen oder wieder den geliebten Beruf ausüben zu können, dafür sind viele unendlich dankbar. Sofern man auf extreme Belastungen verzichtet und das neue Gelenk klug und angemessen beansprucht, können die allermeisten von uns das neue Gelenk ein Leben lang behalten.

2. Aber eines Tages …

Aber eines Tages … können sich plötzlich Bakterien am künstlichen Gelenk ansammeln und alles jäh verändern. Uns liegt der Bericht eines Mitglieds vor, das acht Jahre lang keinerlei Beschwerden hatte. Dann, ein paar Wochen nach einer Zahnstein-Entfernung, bei der es auch zu Blutungen kam, traten plötzlich heftige Schmerzen im Bereich der Hüfte auf. Ein anderes Mitglied berichtet ebenfalls, dass die Schmerzen erstmals nach einer Zahnreinigung auftraten und sich dann von Tag zu Tag weiter verschlimmerten. Auch hier fanden die Ärzte eine schwere bakterielle Infektion.

3. Jeder Tag zählt

Schmerzen am künstlichen Gelenk können viele Ursachen haben. Stets muss dabei auch an eine Infektion gedacht werden, und es darf keine Zeit verloren werden. Nur wenn die exakte Diagnose innerhalb von zwei bis vier Wochen bekannt ist, kann eine Infektion in manchen Fällen noch relativ leicht beherrscht werden. Voraussetzung ist, dass die Bakterien durch eine Punktion oder durch Entnahme einer Gewebeprobe (Biopsie) genau identifiziert werden. Handelt es sich um “freundliche” Bakterien, genügt bei der akuten Spät-Infektion möglicherweise folgende Maßnahme.

4. Nur Entfernung des entzündeten Gewebes?

Werden sogenannte “freundliche” Bakterien nachgewiesen, das heißt Bakterien, die im Labortest auf verschiedene Antibiotika sehr gut ansprechen, dann wird von einigen Spezialisten nur das entzündete Gewebe operativ entfernt. Immer werden dabei auch die beweglichen Teile der Prothese, die nicht im Knochen selbst verankert sind, gewechselt. Dieser Eingriff ist wesentlich einfacher als die beiden, die wir im Folgenden beschreiben und die bei Überschreiten der Vier-Wochen-Frist immer notwendig sind.

5. Entfernung der gesamten Prothese mit sofortigem Wechsel

Wenn die Beschwerden schon länger als vier Wochen bestehen, muss im Falle einer bakteriellen Infektion das künstliche Gelenk immer und ohne Ausnahme vollständig entfernt werden. Bei “freundlichen” Bakterien, die also auf Antibiotika sehr gut ansprechen, setzen manche Spezialisten noch in der gleichen Operation wieder ein neues Gelenk ein. Man spricht dann von einer “ein-zeitigen” Wechseloperation. Wenn diese Operation gelingt und die Entzündung vollständig ausheilt, hat der ein-zeitige Wechsel große Vorteile gegenüber der folgenden, häufigeren Alternative.

6. Entfernung – und dann mehrere Wochen ohne Prothese

Wenn die Beschwerden länger als vier Wochen bestanden haben und es sich um besonders resistente Bakterien handelt, muss manchmal nicht nur das gesamte Gelenk entfernt werden. Vielmehr kann dann sogar für etwa acht Wochen kein neues Gelenk eingesetzt werden. Für viele Patienten bedeutet dies, dass sie wochenlang nicht voll auftreten dürfen oder sogar liegen müssen. Erst nach dieser Zeit, wenn die Infektion restlos ausgeheilt ist, wird dann ein neues Gelenk eingesetzt. Dieser “zwei-zeitige” Wechsel ist für den Patienten außerordentlich belastend.

7. Was aber kann man selbst tun? – Erste Regel

Es gibt drei Regeln, die direkt mit Entzündungen im Körper zu tun haben, und drei Hinweise, welche die allgemeine Gesundheit betreffen. Die erste Regel betrifft alle Eiter-Herde und alle bakteriellen Entzündungen. Wer ein künstliches Gelenk trägt, muss jede Zehennagelentzündung, jedes Halsweh, jede Nasennebenhöhlenentzündung, jede Bronchitis, jede Entzündung von Darmdivertikeln (Ausstülpungen der Darmwand), der Gallenblase oder des Nierenbeckens sehr ernst nehmen. Alle diese Erkrankungen müssen bereits im Frühstadium, am besten sofort, fachärztlich behandelt werden.

8. Auch alle offenen Stellen sofort ärztlich behandeln lassen

Die zweite Regel: Wer sich als Prothesenträger z. B. bei der Gartenarbeit, bei der Nagelpflege oder bei Stürzen Hautverletzungen zuzieht, sollte diese stets sofort ärztlich behandeln lassen, um jegliche bakterielle Infektion von vorneherein sicher zu vermeiden. Wenn man (auch wegen des künstlichen Gelenks) die Füße nur mit Mühe selbst erreichen kann, empfiehlt es sich, die Nagelpflege von einer Fußpflegerin durchführen zu lassen. So kann man versehentliche Verletzungen und auch das Einwachsen von Zehennägeln sicher vermeiden.

9. Zahnbehandlung und Zahnstein-Entfernung

Die dritte und besonders wichtige Regel betrifft die Zähne. Nicht nur bei einer Zahnwurzel-Behandlung, sondern auch schon bei einer Zahnstein-Entfernung drohen Bakterien in großer Zahl ins Blut und damit auch an die Prothese zu gelangen. Einige Mitglieder haben uns diesen Zusammenhang aus eigener leidvoller Erfahrung bestätigt. Die Akademie der amerikanischen Orthopäden (AAOS) hat deshalb vor einiger Zeit die Empfehlung veröffentlicht, eine Stunde vor jeder Zahnstein-Entfernung – wenn möglich – vorsorglich ein Antibiotikum, z. B. ein Cephalosporin, einzunehmen.

10. Allgemeine Gesundheit – Hinweis 1

Bakterien, mit denen wir täglich in Kontakt sind, werden nur durch ein gut funktionierendes Abwehrsystem des Körpers in Schach gehalten. Eine Schwächung dieser Abwehr ist jedoch meist bei einem erhöhten Blutzuckerwert zu erwarten. Es empfiehlt sich daher: (1) auf normales Körpergewicht zu achten (die wichtigste Vorbeugung gegen Diabetes), (2) auf zu viel Zucker zu verzichten und (3) zweimal im Jahr den Blutzuckerwert bestimmen zu lassen. Sollte bereits ein Diabetes bekannt sein, so ist auf besonders sorgfältige Einstellung des Blutzuckerwertes zu achten.

11. Hinweis 2 – Peinliche Sauberkeit

Vor dem Essen die Hände zu waschen, ist für Prothesenträger besonders wichtig. Ebenso empfiehlt es sich, bei Benutzung fremder Toiletten in Gaststätten, Zügen oder Flugzeugen auf gute Desinfektion zu achten. Aber auch zu Hause kann man viel gegen Bakterien tun, wenn man Schwämme, Handtücher und Tischdecken häufiger wechselt, da sich hier viele Bakterien aufhalten können. Ebenso sollte man Strümpfe, Unterwäsche, Hemden und Blusen täglich wechseln und in typischen Erkältungszeiten große Menschenansammlungen möglichst meiden.

12. Hinweis 3 – Genügend Schlaf

Viele Menschen mit einer Hüft-Prothese haben auch Arthrose in anderen Gelenken. Besonders wenn auch die Schultergelenke oder die Wirbelsäule betroffen sind, können die nächtlichen Schmerzen zu erheblichem Schlafmangel führen. Ein langfristiger Schlafmangel vermindert aber die Zahl der Abwehrzellen im Blut um etwa 20 Prozent. Eine wichtige Vorbeugemaßnahme gegen bakterielle Entzündungen ist es deshalb auch, auf erholsamen Schlaf zu achten. Einfache Hausmittel, wie Baldrian und Lavendel, oder aber auch Entspannungsübungen können dabei sehr hilfreich sein.