Beschwerden an der Brustwirbelsäule (BWS) können in selteneren Fällen äußerst ernste Ursachen haben, die von Knochenbrüchen bis hin zu Tumoren oder schweren Verformungen reichen. Viel häufiger aber sind Überlastungsbeschwerden, die in direktem Zusammenhang mit Fehlhaltungen und Ermüdung stehen. Im Englischen werden sie deshalb oft auch als Ermüdungsschmerzen („fatigue pain“) bezeichnet. Im ersten Kapitel dieser Serie zur BWS möchten wir uns daher diesen häufigen Alltagsbeschwerden zuwenden und einige nützliche Tipps zur Vorbeugung und Behandlung vorstellen. In späteren Kapiteln beschreiben wir dann mehrere spezielle Krankheitsbilder. – Welche Besonderheiten finden sich nun an der Brustwirbelsäule, und welche Empfehlungen ergeben sich daraus?
Die Brustwirbelsäule (BWS) ist der längste Abschnitt der Wirbelsäule. Sie umfasst zwölf Wirbel und hat damit so viele Segmente wie Hals- und Lendenwirbelsäule zusammen. Die BWS trägt zudem die Rippen und somit den Brustkorb. Gleichzeitig zeigt sie als einziger Wirbelsäulenabschnitt eine Rundung nach hinten. Die sich daraus ergebende typische doppelte S-Form der gesamten Wirbelsäule erleichtert vermutlich das Abfedern von Stößen und Sprüngen. Eine verstärkte Krümmung der BWS kann aber in jedem Alter zu einer oft schmerzhaften Überlastung führen.
Eine verstärkte, anfangs oft haltungsbedingte Krümmung der BWS kann zu typischen Schmerzen zwischen den Schulterblättern führen. Die Schmerzen können aber auch nach oben oder unten in den Nacken- oder Lendenbereich ausstrahlen. Ebenso können sie sich nach vorn in den Brustkorb oder Bauchraum verlagern und dort mit Herzbeschwerden und Baucherkrankungen verwechselt werden. Bei Schmerzen in diesen vier Regionen muss deshalb stets auch an die BWS gedacht und diese untersucht werden. – Mit welchen Maßnahmen kann man die BWS nun aufrichten?
Je mehr wir uns auf eine bestimmte Tätigkeit konzentrieren, umso leichter vergessen wir, wie weit wir uns dabei vorneigen und die Wirbelsäule krümmen. Gerade bei so manchen Bürotätigkeiten, die mit langem Sitzen einhergehen, ist daher auf ein gutes und stabiles Abstützen des Rückens und der Unterarme zu achten. Mit der Rückenlehne sollte man im Lendenbereich ständig Kontakt haben. Durch diese Gegenkraft kann sich die Brustwirbelsäule darüber besser entfalten und aufrichten. Sie wird hierdurch spürbar entlastet und geschont.
Arbeiten am Computer (PC) sind heute in fast allen Büros eine Selbstverständlichkeit. Wer längere Zeit vor dem Bildschirm sitzt, kann dabei an die folgende einfache Regel denken: Der Stuhl sollte so hoch eingestellt werden, dass der Bildschirm-Oberrand höchstens in Höhe der Augen-Horizontale liegt. Keinesfalls sollte man mit den Augen ständig nach oben blicken müssen. Augen- und Monitor-Oberrand sollten vielmehr eine horizontale Linie bilden. In dieser Stellung kann man den Rücken strecken und lockern. Auch die Arme und Schulterpartien werden dabei geschont.
Wie uns die Leiterin der Abteilung für Ergotherapie an der Orthopädischen Universitätsklinik Heidelberg berichtet, haben sie und ihr Team immer wieder gute Erfahrungen mit bestimmten, etwas teureren Bürostühlen gemacht. Wer zu BWS-Beschwerden neigt, könnte sich daher z. B. einmal bei der renommierten Firma HAG nach deren Bürostuhl-Reihe „H 04“ erkundigen. Ein Katalog dieser Serie kann kostenlos angefordert werden bei: Flokk GmbH, Kaistr. 6, 40221 Düsseldorf, Tel.: 02 11 – 3 10 61 00. Empfehlenswert ist auch die Internetseite: www.ergonomie-katalog.com.
Herr Prof. Dr. med. Griss, emeritierter Direktor der Orthopädischen Universitätsklinik Marburg (ARTHROSE-INFO Nr. 51), empfiehlt berufstätigen Patienten oft auch ein Stehpult: „Viele Arbeitgeber werden gern bereit sein, in diesen Fällen ein Stehpult ins Arbeitszimmer zu stellen. Der große Vorteil: Man kann abwechselnd am Tisch im Sitzen und am Pult im Stehen arbeiten.“ Zur Zeit Goethes schrieb und las man übrigens fast nur an Stehpulten. Für viele Berufe kann auch ein verstellbarer Schrägtisch sinnvoll sein, wie er von Architekten und in einigen Schulen eingesetzt wird.
Auch die ärztlich verordnete Teilnahme an einer Rückenschule kann hilfreich sein. Darin werden nützliche Verhaltensweisen für den Alltag eingeübt (s. auch unsere Buchtipps in den INFOS Nr. 15 und Nr. 35). Viele Hausarbeiten werden leider an zu tiefen Tischen oder Küchenablagen verrichtet. Günstiger für alle Abschnitte der Wirbelsäule ist es jedoch, wenn man möglichst aufrecht und entspannt stehen kann. Dies gilt für Arbeitsflächen in der Küche, das Bügelbrett und auch den Wickeltisch. Höhenverstellbare Arbeitstische sind inzwischen in vielen Möbelhäusern erhältlich.
Bei vielen Menschen mit BWS-Beschwerden entdeckt der Arzt ausgesprochen schwache und unterentwickelte Muskeln. Manchmal finden sich auch strangförmige Verhärtungen der langen Rückenstrecker-Muskeln. Eine Physiotherapie (Krankengymnastik) gilt daher für viele Experten als Kernstück jeder Behandlung von BWS-Beschwerden. Neben der Lockerung der verhärteten Muskulatur dient die Physiotherapie vor allem der Kräftigung und Stärkung der wichtigsten Muskelpartien des Rückens sowie der Stärkung der Bauchmuskulatur.
Eine einfache und wirksame Methode, den Rücken gerade zu halten, ist des Weiteren die sogenannte Alexander-Technik, die nach ihrem Erfinder dem Australier Frederick Matthias Alexander (1869 – 1955) benannt ist. Wenn man sich vorstellt, der eigene Kopf sei leicht wie ein Luftballon, der nach oben strebt, führt dies allein schon zu einem unbewussten Aufrichten, das als besonders angenehm und harmonisch empfunden wird. Diese Methode wird von vielen Physiotherapeuten (Krankengymnasten) empfohlen und kann die Haltung der Brustwirbelsäule wesentlich verbessern helfen.
Sehr wirksam und empfehlenswert ist auch der folgende Hinweis: „Wer beim Spazierengehen die Hände nicht in den Manteltaschen lässt, sondern mit den Armen deutlich, kraftvoll und bewusst nach vorn und hinten auspendelt, erzielt auch eine rasche Lockerung der BWS-Muskulatur und nimmt bald eine ideale Haltung ein“, betont Herr Chefarzt a. D. Dr. med. Moorahrend, Direktor der Fachklinik Enzensberg in Hopfen am See. Empfehlenswert bei BWS-Beschwerden kann auch regelmäßiges Schwimmen sein, wobei es günstig ist, Brust- und Rückenschwimmen abzuwechseln.
Eine gesunde Haltung wird ebenso gefördert, wenn der Mensch als Ganzes in sich ruht. Auf die Anspannung während der Arbeit sollten auch Erholung und Entspannung in der Freizeit folgen. Nur wenn beides im Gleichgewicht ist, kann der Körper gesund bleiben. Gerade bei chronischen Beschwerden der BWS können daher tägliche Entspannungsübungen mit Wärmegefühl in Armen und Beinen hilfreich sein und zusätzliche Lebenskraft schenken. Kurse zum Autogenen Training werden heute von vielen Volkshochschulen angeboten (siehe auch Buchtipp in INFO Nr. 19).
Bei fast allen BWS-Beschwerden, ja selbst bei entzündlichen Gelenkerkrankungen, wird Wärme meist als wohltuend und schmerzlindernd empfunden. Gerade in den kühlen Monaten sollte man deshalb stets an ausreichende Bekleidung denken. Sogenannte Thermowäsche, wie sie in vielen Kaufhäusern, Sportgeschäften und Katalogen angeboten wird, oder einfach auch das Tragen eines warmen Pullovers oder Pullunders kann viel zur Gesundheit der Muskulatur der Brustwirbelsäule beitragen. Dabei erhöht sich auch das allgemeine Wohlbefinden.