Tipps bei akuten HWS-Bandscheibenschäden

Über die Arthrose der Halswirbelsäule (HWS) haben wir bereits in vier früheren Ausgaben berichtet. Diesmal wenden wir uns nun dem akuten Bandscheibenschaden der Halswirbelsäule zu, der in der Öffentlichkeit noch viel zu wenig bekannt ist. Wir beschreiben zunächst, welche Bandscheiben am häufigsten geschädigt sind und wie nah gleichzeitig das Rückenmark in diesem Bereich liegt. Sodann stellen wir die wichtigsten Symptome vor, die jeder kennen sollte, und erörtern schließlich die Fragen, wann operiert werden muss, welche sonstigen Behandlungs möglichkeiten es gibt und wie man sich im Alltag verhalten sollte.

1. Bandscheibenvorfall auch an der Halswirbelsäule?

80.000 bis 100.000 Mal jährlich, so schätzen Experten, wird in Deutschland die Diagnose „akuter Bandscheibenvorfall der HWS“ gestellt und somit viel öfter als allgemein angenommen wird. Am häufigsten sind die beiden untersten Bandscheiben des Halses betroffen, die der Arzt C5/C6 und C6/C7 nennt und die am stärksten belastet sind. Etwa zwischen dem 35. und 55. Lebensjahr zeigt der Faser-Ring dieser Bandscheiben zunehmend Schädigungen. Wenn der gallertartige Kern dann aus dem Innern der Bandscheibe herausgepresst wird, kann dies schwerwiegende Folgen haben.

2. Die besondere Anatomie des Halses

Der Hals, diese zarte, schlanke und empfindliche Verbindungsstrecke zwischen Kopf und Rumpf, enthält viele Strukturen, die lebenswichtig sind: vorne Luftröhre und Speiseröhre, seitlich die großen Gefäße, die das Gehirn mit Blut versorgen, und in der Mitte die Halswirbelsäule. In der Halswirbelsäule selbst (siehe Abbildungen) befinden sich die Bandscheiben vorne und direkt dahinter bereits das Rückenmark! Wenn das Bandscheibenkern-Material gerade nach hinten austritt, kann es auf das Rückenmark drücken. Tritt es nach schräg hinten aus, so kann es Nervenwurzeln einklemmen.

3. Unsicherer Gang?

Wenn das Bandscheibenkern-Material nach hinten ausgepresst wird und auf das Rückenmark drückt („Myelopathie“), werden meist zuerst jene Funktionen gestört, die für ein sicheres Gehen notwendig sind. Die Folge: ein „staksiges“, „spastisches“ Gehen, das charakteristischerweise umso unbeholfener wird, je dunkler es ist! Dies führt oft zu Stürzen, ja sogar Schenkelhalsbrüchen. Bei einem unsicheren Gang sollte man deshalb unbedingt auch an die Halswirbelsäule denken, selbst wenn Nackenschmerzen nur in rund zehn Prozent der Fälle gleichzeitig vorhanden sind (siehe auch Tipp Nr. 7).

4. Fallen Gegenstände aus der Hand?

Fällt beim Öffnen der Haustür der Schlüssel aus der Hand? Bereitet das Halten einer Tasse oder eines Glases Mühe? Oder ist das Schreiben erstaunlich beschwerlich geworden? Erklärbar können diese Veränderungen oft auch durch Druck des Bandscheiben-Gewebes auf die zugehörigen Nervenwurzeln des Halses sein, wodurch die Feinmotorik der Hand sowie auch weitere Muskeln beeinträchtigt werden können. Auch eine gleichzeitig auftretende typische Taubheit an der Daumenkuppe allein oder an Daumen, Zeige- und Mittelfinger kann diese Beeinträchtigung noch verstärken.

5. Sehr starke Nacken- und Armschmerzen?

Wegen der engen Platzverhältnisse an der Halswirbelsäule kann ein akuter Bandscheibenvorfall typischerweise auch – aber nicht immer – zu starken, ja „vernichtenden“ Schmerzen führen, die auf den Nacken beschränkt sind oder aber auch in Schulter, Arm und Hand ausstrahlen können. Viele Patienten berichten, dass sie in den frühen Morgenstunden von überwältigenden Schmerzen aus dem Schlaf gerissen wurden, die sie zunächst auf eine Fehlhaltung während der Nacht zurückführten. Auffallenderweise wird das Anwinkeln des Armes dabei oft als lindernd empfunden.

6. Exakte Diagnostik: möglichst früh

Starke Schmerzen in Nacken oder Arm werden manchmal irrtümlich als „rheumatisch“, Unsicherheit beim Gehen als „Kreislaufschwäche“ und das Fallenlassen von Gegenständen als „Ungeschicklichkeit“ gedeutet. Stets sollte jedoch möglichst frühzeitig eine genaue Untersuchung durchgeführt werden. Bei Verdacht auf Bandscheibenvorfall wird heute an der HWS fast immer auch eine MRT-Aufnahme (Magnet-Resonanz-Tomographie) durchgeführt. Die Diagnose sollte schnell gestellt werden, da sich das Nervengewebe sonst möglicherweise nicht mehr vollständig erholen kann.

7. Wann muss operiert werden?

Sehr erfreulich: Die meisten Bandscheibenvorfälle an der HWS (etwa 97 %) benötigen keinen Eingriff. Wann wird operiert? Möglichst bald operiert werden muss, wenn das Bandscheibenmaterial auf das Rückenmark drückt („Myelopathie“, Schwäche in den Beinen), da dies sehr gefährlich werden könnte. Operiert wird außerdem bei Schwäche in Hand oder Arm, wenn diese trotz Behandlung weiter zunimmt, sowie bei Schmerzen, die trotz starker Medikamente nicht gemindert werden. In den meisten Fällen sind jedoch die folgenden nicht-operativen Maßnahmen erfolgreich:

8. „Hals-Krause“

Fast alle Experten empfehlen als erste wichtige Maßnahme eine Ruhigstellung. Meist wird für diesen Zweck eine Schaumstoff-Stütze („Hals-Krawatte“ oder „Hals-Krause“) verordnet, die über einen Klettverschluss verfügt. Anfangs zumindest sollte sie ziemlich straff angelegt werden, um die Beweglichkeit des Halses weitgehend aufzuheben. Später, wenn die Beschwerden rückläufig sind, muss sie dann nur noch nachts angelegt werden. Manche Ärzte verordnen in besonders schweren Fällen auch ein sogenanntes HWS-Korsett; sehr wenige andere lehnen hingegen sogar jegliche Stütze gänzlich ab.

9. Medikamente

Zur Bekämpfung der Entzündungsreaktion und der Schmerzen werden – wie an der Lendenwirbelsäule – meist sogenannte NSAR (Nicht-Steroidale Antirheumatika) verordnet, wobei wie immer auf deren bekannte Nebenwirkungen zu achten ist (ARTHROSE-INFO Nr. 43). Manche Experten empfehlen in der Anfangsphase auch Cortison-Tabletten und wiederum andere auch reine Schmerzmittel (als Tropfen oder sogar als spezielle Injektionen an die Nervenwurzeln). Meist bilden sich die Symptome unter dieser Behandlung innerhalb von Tagen (oder Wochen) wieder weitgehend zurück.

10. Kann man vorbeugen?

Oft werden die folgenden Empfehlungen gegeben: (1) Es wird vermutet, dass der Bandscheiben-Faserring durch das Rauchen systematisch geschädigt wird. Wer zu Beschwerden im Halsbereich neigt, sollte deshalb unbedingt mit dem Rauchen aufhören. (2) Eine aufrechte Haltung schont die gesamte Wirbelsäule. Besonders bei sitzender Tätigkeit sollte man immer auf eine gerade, gelöste und entspannte Haltung achten. Wenn man bei Bewegungen häufig ein Knacken im Nackenbereich vernehmen kann, so kann dies ein Hinweis auf eine zu hohe Spannung der Muskulatur sein.

11. Sportarten, die eher vermieden werden sollten

Wenn die Behandlung eines Bandscheibenvorfalls der HWS konservativ oder operativ erfolgreich abgeschlossen ist, welche Sportarten sollte man dann besser nicht ausüben, um erneute Schäden zu vermeiden? Wer kein unnötiges Risiko sucht, sollte dann auf sogenannte „Kollisions“-Sportarten wie die folgenden besser verzichten: Hierzu gehören Ringen, Judo, Amerikanischer Fußball, Wasserski, Alpin-Ski und Eishockey genauso wie Fußball und Handball. Auch Turnen mit „Rolle vorwärts“ ist dann sicherlich nicht geeignet und stellt ein erhöhtes Risiko dar.

12. Empfehlenswerte Sportarten

Oft empfohlen werden hingegen unter anderem die folgenden sportlichen Betätigungen, die auch nach einem erfolgreich behandelten Bandscheibenvorfall der HWS möglich sind: Rückenschwimmen, Spazierengehen und Wandern. Tennis und Golf sind meist nur möglich, wenn man die bisherige Technik modifiziert, sollten aber nur sehr zurückhaltend ausgeübt werden. Schließlich gilt auch bei der HWS, dass sich die Einhaltung eines normalen Körpergewichts günstig auf die gesamte Wirbelsäule und insbesondere die zarte Halswirbelsäule auswirken kann