Wenn man in nachdenklichen Stunden staunend sagt: “Das menschliche Leben ist eigentlich unbegreiflich”, dann gilt dies besonders auch für unsere Hände. Welch ein fein abgestimmtes Wunderwerk! Wie kostbar und unverzichtbar bei so vielen Tätigkeiten! Und welche Schönheit und Anmut strahlen Hände oft aus! Wenn sie erkranken und schmerzen, ist kein Tag mehr wie vorher. Und wenn sie sich verformen und unansehnlich werden – wie viel innerer, seelischer Schmerz kommt dann oft noch hinzu! Bereits in fünf ARTHROSE-INFOS (Nr. 2, 12, 22, 62 und 72, siehe auch die neue Gesamtausgabe auf S. 14) haben wir deshalb viele wichtige Tipps zur Arthrose der Hände zusammengetragen. Heute wenden wir uns speziell der Arthrose der Finger-Endgelenke zu, die besonders viele Menschen betrifft und die der Arzt “Heberden”-Arthrose nennt (gesprochen: heberdeen). Für jeden von uns – ob bereits betroffen oder noch nicht – können die folgenden Tipps wertvoll sein. Wir beginnen mit den vier typischen Ausprägungen und zeigen dann, was man selbst tun kann. Je früher man beginnt, desto besser!
Im Frühstadium bemerkt man rein äußerlich zunächst noch nicht viel. Nur schmerzen auf einmal selbst einfache alltägliche Bewegungen. Das Aufheben von Geldmünzen, das Schreiben mit dem Kugelschreiber, das Drehen des Türschlüssels, das Zuknöpfen der Bluse oder der Jacke, das Schnüren der Schuhe, all diese Handbewegungen tun jetzt weh. Bei zahllosen selbst einfachsten Tätigkeiten können plötzlich scharfe, stechende Schmerzen auftreten. Meist ist zuerst der Zeigefinger betroffen, später sind es aber auch die anderen Finger, oft sogar an beiden Händen.
In manchen Fällen können sich dann im weiteren Verlauf am Zeigefinger linsen- oder kleinerbsen-große entzündliche Vorwölbungen bilden. Diese Zysten sind mit Gelenkflüssigkeit gefüllt und sind oft nicht nur schmerzhaft und hoch empfindlich. Man stößt sich auch leicht daran an, verletzt sie und reißt sie auf. Dadurch können sie sich zusätzlich bakteriell entzünden und eitern. Wenn sie länger bestehen, können sie im Laufe der Zeit auch zu einer wenig ansehnlichen Verformung des Fingernagels führen. Manche Betroffene tragen deshalb dünne Handschuhe, um sich zu schützen.
Als sehr störend empfinden viele Betroffene es, wenn sich der Zeigefinger zudem seitlich verbiegt. Je nachdem welche Tätigkeiten man im Beruf oder zu Hause besonders oft ausübt, wird das Endgelenk vermehrt seitlich belastet und knickt immer mehr zum Mittelfinger hin ab. Hilfreich kann dann u. a. eine kleine Schiene sein, auf die uns Frau Marianne W. im INFO Nr. 91 hingewiesen hat und die in verschiedener Form auch ergotherapeutisch verordnet und angepasst werden kann. Frau W. belässt sie sogar immer im Arbeits-Handschuh und kann damit ihre Gartenarbeit wieder schmerzfrei ausführen.
Arthrose wird im Englischen auch als “Knochen-Arthritis” (osteoarthritis) bezeichnet. Denn je weiter eine Arthrose fortschreitet, umso mehr verbreitert sich der gelenknahe Knochen durch Neubildung (Osteophyten). Dadurch wird die Beweglichkeit immer mehr eingeschränkt. Im späten Stadium können dann die Gelenke zwar schmerzfrei sein, aber dennoch breite Verformungen zeigen. Um diese dauerhaft zu beseitigen, sind operative Maßnahmen oft unumgänglich. (Über diese werden wir in einem späteren ARTHROSE-INFO ausführlich berichten.)
Die Ursachen der Heberden-Arthrose sind vielfältig und noch nicht alle erforscht. Tatsache ist, dass besonders oft Frauen in ärztliche Behandlung kommen. Bei manchen, aber nicht allen, ist eine hohe langjährige Belastung der Hände offensichtlich (Gartenbau, Weinbau, Landwirtschaft, Verkauf, Sekretariat, Hausarbeit). Uns sind aber auch schwerste Finger-Arthrosen bei Männern bekannt (bei Chirurgen, Musikern, Sachbearbeitern, Bäckern, LKW-Fahrern, Kletterern). Bekannt ist auch ein Zusammenhang mit Stoffwechselstörungen (siehe hierzu auch Tipp Nr. 9: Metabolisches Syndrom).
Wichtig zu wissen: Die kleinen Endgelenke der Finger werden stets viel höher beansprucht, als man vermuten würde. Die entstehenden Druckbelastungen, die dabei auf den Knorpel pro Quadratmillimeter wirken, sind etwa genauso hoch wie in den großen Knie- und Hüftgelenken! Gleichzeitig ist die Knorpelschicht in den Fingergelenken jedoch viel dünner und hat nur wenig Reserve. Während die Knorpeldicke z. B. an der Kniescheibe fast einen Zentimeter erreicht, ist der Knorpel an den Fingergelenken meist nur hauchdünn. Umso wichtiger sind deshalb die folgenden Hinweise.
Die allererste Selbsthilfe-Regel bei Schmerzen in einem Fingergelenk ist: sofort reagieren. Sofort sollte man die Tätigkeit, die Schmerzen auslöst, unterbrechen und prüfen: Kann man sie auch auf andere Weise ausführen? Kann man eventuell auch Hilfsmittel einsetzen? Oder kann man sich von anderen Personen helfen lassen? Diese Fragen können auch in diesem frühen Stadium von entscheidender Bedeutung sein. Das Prinzip der Belastungsvermeidung gilt für alle Arthroseformen, ganz gleich, welche Ursache sie haben (s. „Ein-Drittel-Regel“ im ARTHROSE-INFO Nr. 4).
In den auf Seite 6 erwähnten ARTHROSE-INFOS haben wir bereits viele Anwendungen und Hilfsmittel vorgestellt, die wir nochmals empfehlen möchten. Besonders nützlich ist auch ein Glasöffner, der wie ein kleiner Hebel verwendet wird und wahre Wunder wirkt. Wer Stützstrümpfe tragen muss, kann viel für seine Hände tun, wenn er dafür Strumpfanzieher benutzt. Es gibt verschiedene Modelle, und es empfiehlt sich, den Rat von Ergotherapeuten einzuholen und die Handhabung mit diesen in Ruhe einzuüben. So können die Finger Tag für Tag konsequent entlastet werden.
Noch viel zu wenig bekannt ist auch, dass deutliches Übergewicht in Kombination mit Bluthochdruck und Diabetes jede Arthrose, auch die der Hände, auslösen oder verstärken kann. Dieses sogenannte "Metabolische Syndrom" kann in manchen Fällen ein entscheidender Faktor für das Entstehen oder die Verschlimmerung der Heberden-Arthrose sein. Bei wem diese Störungen vorliegen, der kann mit entschlossener Gewichtsabnahme und der Behandlung von Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen und Diabetes nicht nur viel für seine allgemeine Gesundheit, sondern auch für die der Hände tun.
Ob Schmerzen und Entzündungen der Gelenke auch mit Nahrungsmitteln beeinflusst werden können, ist bisher nicht vollumfänglich wissenschaftlich untersucht. In mehreren Leserbriefen haben uns aber Mitglieder auf das “Mexikanische Rezept” (INFO Nr. 24, 26 und 94) und die Wirkung von “Zwölf weißen Pfefferkörnern” (INFO Nr. 91 und 101) hingewiesen. Wenn man diese Ratschläge befolgen möchte, kann man sich zuvor mit dem behandelnden Arzt dazu abstimmen. Als Ergänzung zu den Tipps 7 und 9 könnte ein Versuch sinnvoll sein (Hinweise zur Gesamtausgabe: siehe auch Seite 14).
Auf viele wohltuende Handbäder, Salben, Öle, Tees, Sprays, Balsame und Mooreinreibungen haben wir bereits in den INFO-Heften Nr. 12, 62 und 72 hingewiesen und möchten diese nochmals empfehlen. Schmerzstillende Medikamente (Rheumamittel und andere) können wegen ihrer Nebenwirkungen meist nur kurzfristig eingenommen werden. Einige wenige Experten versuchen deshalb, direkt in das erkrankte Gelenk zu spritzen. Dies hat sich aber nicht allgemein bewährt. In den kleinen Fingergelenken ist einfach zu wenig Platz für weitere Flüssigkeit, und der Versuch kann sehr schmerzhaft sein.
Große Hoffnung setzen einige Patienten und Ärzte deshalb gelegentlich auch auf die sogenannte “Röntgen-Reizbestrahlung”. Wer Tipp Nr. 7 und 9 gewissenhaft befolgt, dem kann diese Methode eventuell noch weiteren Gewinn bringen. Die wissenschaftlichen Daten zu dieser Behandlung sind bisher noch nicht vollständig. Immer ist zu beachten, dass Röntgenstrahlen auch Nebenwirkungen haben können und dass man die betroffenen Gelenke nicht erneut hoch belasten darf. Wenn man dies alles sorgfältig bedenkt, kann man aber manchmal viele Jahre Nutzen daraus ziehen.