Über die Arthrose der Lendenwirbelsäule (LWS) haben wir bereits in drei früheren Ausgaben berichtet (ARTHROSE-INFOS Nr. 5, 15 und 25). In unserem heutigen Beitrag wenden wir uns nun dem akuten Bandscheibenschaden zu. Wir beschreiben zunächst, wie eine Bandscheibe aufgebaut ist und welche Bandscheiben am häufigsten geschädigt sind. Sodann stellen wir einige Kardinal-Symptome vor, die jeder kennen sollte, da sie sogar zu bleibenden Lähmungen führen können. Und schließlich erörtern wir die Fragen, wann heute operiert werden muss, welche sonstigen Behandlungsmöglichkeiten es gibt und wie man sich im Alltag verhalten sollte.
Als Bandscheiben (im Englischen „discs“) werden jene großen Puffer zwischen den Wirbeln bezeichnet, die man sich als eine Art Wasserkissen vorstellen kann. Sie sind keine Scheiben und können auch nicht als Ganzes verrutschen. Vielmehr besteht eine Bandscheibe aus zwei Teilen: dem starken Faser-Ring (der die Wand bildet) und einem hoch wasserhaltigen Kern, der eine Art Gel („Gallert“) ist. Wenn der Faser-Ring Risse bekommt, kann das Gallert aus dem Innern herausgepresst werden. Dies kann manchmal unbemerkt geschehen, aber auch zu akuten Beschwerden führen.
Achthunderttausend Mal, so schätzen Experten, wird in Deutschland die Diagnose „akuter Bandscheibenvorfall der LWS“ jährlich neu gestellt! Diese Schädigungen der Bandscheiben betreffen am häufigsten die beiden untersten, die der Arzt „L4/L5“ und „L5/S1“ nennt und die auch am stärksten belastet sind. Schäden treten besonders häufig zwischen dem 35. und 55. Lebensjahr auf. Ihre große Bedeutung erlangen akute Bandscheiben-Vorfälle, wenn das ausgepresste Gallert-Material nach hinten auf Nerven-Wurzeln drückt und dann heftige Schmerzen und folgenschwere Lähmungen auslösen kann:
Eine absolute Notfallsituation tritt ein, wenn das ausgepresste Bandscheibenkern-Material auf jene Nerven drückt, die Blase und Darm steuern („Cauda- Syndrom“). Wenn ein Harn-„Träufeln“ besteht, ohne dass man aber Wasser lassen kann, oder wenn der Stuhl unwillkürlich abgeht, muss sofort operiert werden. Gleichzeitig können dabei auch Schmerzen und ein Taubheitsgefühl im Schambereich und an den rückwärtigen Oberschenkel-Seiten auftreten („Reithosen-Anästhesie“). Gottseidank ist die Blasen- und Darm-Lähmung aber selten: Große Kliniken sehen sie ein- bis zweimal im Jahr
Viel häufiger treten bei akuten Bandscheibenschäden Schmerzen auf, die vom Gesäß bis in den Fuß ausstrahlen („Ischias“). Bei der Bandscheibe L 4/ L 5 erreichen sie die Großzehe und bei L 5/S 1 die kleine Zehe, da dies den jeweiligen Nerven-Wurzeln entspricht. Gleichzeitig können dabei auch Teil- und Voll-Lähmungen meist im Fuß auftreten, die drastische Auswirkungen auf die Gehfähigkeit haben. Wenn die Fußheber-Muskeln gelähmt sind, kann der Fuß eventuell nur noch schwach oder gar nicht mehr angehoben werden. Der Arzt prüft daher die Kraft der Fuß- und Beinmuskeln.
Wenn das Bandscheibenkern-Material nicht nach hinten (bzw. schräg hinten) ausgepresst wird, sondern nach vorn oder seitlich, so kann es die erwähnten Nerven nicht erreichen. In diesen Fällen können keine Lähmungen auftreten. Manchmal ereignet sich ein solcher Vorfall sogar gänzlich unbemerkt, er kann aber auch starke, reine „tiefsitzende“ Rücken-Schmerzen auslösen. Andererseits ist zu bedenken, dass Rückenschmerzen längst nicht immer – ja eher sogar nur selten – auf einen Bandscheibenvorfall zurückzuführen sind. Sie können auch viele andere Ursachen haben.
MRT-Aufnahmen (Magnet-Resonanz- Tomographie oder auch „Kernspin“ genannt) haben den großen Vorteil, dass der Arzt das Bandscheibengewebe direkt erkennen kann. Diese Untersuchungen werden immer dann benötigt, wenn die Diagnose noch nicht eindeutig ist, oder wenn eine Operation notwendig ist und sich der Operateur exakt über die Lage und Größe des Vorfalls informieren muss. Allerdings haben fast 30 Prozent aller gesunden Menschen im MRT sogenannte „Bandscheiben- vorwölbungen“, ohne dass damit Schmerzen verbunden wären!
Obwohl sich die Operationsmethoden in den letzten Jahren erheblich verfeinert haben („Mikrodiskotomie“), werden Bandscheibenschäden nur eher selten operativ behandelt (in etwa fünf Prozent der Fälle). Wann wird operiert? Sofort operiert werden muss bei Blasen- und Darm-Lähmung und bei frischer Lähmung bestimmter Fuß- oder Bein-Muskeln. Sind diese Muskeln nur geringfügig geschwächt, wird heute meist eine konservative Therapie (Tipp 8 - 11) empfohlen, die aber abgebrochen wird, wenn die Lähmung zunimmt oder wenn keine Besserung eintritt.
Bei akutem Bandscheiben-Vorfall mit Symptomen im Bein wurde früher als erste Maßnahme Entlastung und Bettruhe verordnet. Die Empfehlungen reichten meist von einem bis zu drei Tagen, je nach Heftigkeit der Schmerzen. Für viele Patienten war dabei die sogenannte Stufenbettlage sehr angenehm, da dabei die Lendenwirbelsäule besonders entspannt wird (Schaumstoffwürfel: s. auch INFOS Nr. 5 und Nr. 35). Aber auch die Seitenlage mit angezogenen Knien kann eine Entlastung bewirken. Meist wird heute aber empfohlen, auf Bettruhe ganz zu verzichten.
Zur Verminderung der Entzündungsreaktion, die durch das ausgetretene Bandscheibengewebe ausgelöst wird, werden meist NSAR (Nicht-Steroidale Antirheumatika) verordnet (siehe auch ARTHROSE-INFO Nr. 43), wobei auf die bekannten Nebenwirkungen zu achten ist. Wenige Ärzte empfehlen in der Frühphase noch Cortison-Tabletten, andere wiederum reine Schmerzmittel (wie z. B. Tramal-Tropfen oder Tilidin-Tabletten) für wenige Tage. In besonderen Fällen können Arzneistoffe auch per Injektion oder Katheter direkt an den Entzündungsbereich gebracht werden.
Die Anwendung von Eis oder Wärme kann mitunter helfen, die schmerzhaft verspannte Lendenmuskulatur zu entkrampfen und damit die Bandscheiben zu entlasten. Einige Experten bevorzugen dabei eher die Kühlung, z. B. mit Eis-Packs (die auch in gekühltem Zustand flexibel bleiben) oder zerkleinerten Eiswürfeln in einer Plastiktüte und in ein Handtuch eingeschlagen. Andere Ärzte empfehlen, sowohl Eis als auch Wärme (beispielsweise in Form einer Wärmflasche oder eines Heizkissens) selbst auszuprobieren und diejenige Methode anzuwenden, die einem persönlich am angenehmsten ist.
Krankengymnastik (Physiotherapie) hat ihre größte Bedeutung meist in der zweiten Phase, wenn die akuten Schmerzen bereits weitgehend abgeklungen sind. Zu den Zielen dieser Behandlung können dann gehören: die behutsame Mobilisierung, die aufbauende Kräftigung der Rücken- und Bauchmuskulatur und – besonders wichtig – auch das systematische Auftrainieren der geschwächten und teilgelähmten Fußmuskeln. Auch das Erlernen bestimmter rückenschonender Verhaltensweisen im Alltag („Rückenschule“, siehe auch ARTHROSE-INFO Nr. 15) wird meist hilfreich sein.
Garten umgraben, Tennis, Fußball, Handball spielen oder Bergsteigen belasten den Rücken und sollten nach einem Bandscheiben-Vorfall für mehrere Monate vermieden werden. Sehr positiv hingegen kann eine gesunde, regelmäßige sportliche Betätigung sein, wie z. B. Spazierengehen, Wandern, Rückenschwimmen, Radfahren mit hochgestelltem Lenker, Aerobic, Tanzen oder eine tägliche Gymnastik, die die Rücken- und Bauchmuskulatur behutsam kräftigt. Auch ein Verzicht auf das Rauchen sowie die Einhaltung eines idealen Körpergewichts werden oft empfohlen.