Tipps bei Arthrose des „Schambein-Gelenks“

Knapp eine Handbreite unterhalb des Körpermittelpunkts liegt die Sonderform eines Gelenks, das die meisten Laien nicht kennen und das auch von vielen Ärzten eher selten beachtet wird. Gleichzeitig ist es eines der kompliziertesten Gelenke des Körpers. Hier wirken belastende Kräfte aus mehreren Richtungen zusammen. Es sind Kräfte, die von oben und von unten, von links und von rechts und sogar aus dem Körperinneren auf dieses Gelenk einwirken. Auch wegen der Nähe zum Schambereich wurde es oft verschwiegen und zu wenig beachtet. Aber inzwischen gibt es mehrere junge Ärzte, die sich ganz auf dieses Gelenk spezialisiert haben und es erfolgreich behandeln. Wie viel Hoffnung bringen sie denjenigen, die bisher sagen mussten: „Von Arzt zu Arzt bin ich gelaufen. Niemand konnte mir helfen. Die einen sagten, das sind Hüftschmerzen, die anderen sagten, das sind Wirbelsäulenbeschwerden, und wieder andere sagten, das sind Sehnenschmerzen!“ Im Folgenden beschreiben wir erstmals einige Kernpunkte dieser schmerzhaften Arthrose, ihre erstaunlichen Symptome, einige Ursachen und was man selbst auch ohne Spritzen und Operationen dagegen tun kann.

1. Das unbekannte Gelenk über dem Schambereich

Die große Masse des Körpers, bestehend aus Kopf, Armen, Brustkasten, Bauch und Rücken, lagert in einer knöchernen Schale, die der Arzt „das Becken“ nennt. Diese knöcherne Schüssel besteht aus drei getrennten Teilen und besitzt drei besondere Gelenke, die auch als „Fugen“ bezeichnet werden. Es handelt sich hinten um die beiden Iliosakral-Gelenke („ISG“) und vorne um das Schambein-Gelenk („Symphyse“). Jeder Schritt und jede Bewegung des Körpers verursacht eine mehr oder weniger starke Verdrehung (Verwringung) in diesen drei Gelenken, besonders im vorderen.

2. Urplötzlicher Harndrang

Viele Frauen, die auf natürlichem Weg geboren haben, klagen über Harndrang, der blitzartig auftritt und keinerlei – wirklich keinerlei! – Aufschub duldet. So schnell sie können, laufen sie, nein, rennen sie zur nächsten Toilette. Das Gleiche gilt aber für jede Altersgruppe und jeden Patienten mit Arthrose oder Entzündung des Schambein-Gelenks (ärztlich „Symphysenschmerz“ oder „Osteitis pubis“). Die Ursache: Die Harnblase setzt von innen unmittelbar an diesem wichtigen Gelenk an. Ist das Gelenk entzündet, wie es oft bei der Arthrose der Fall ist, so wirkt sich dies auch auf die Harnblase aus.

3. Schmerzen beim Heben

An den Schambein-Knochen setzen von oben kommend auch Bauchmuskeln an, die beim Heben und Tragen belastet werden. So mancher Patient mit Schambein-Schmerzen hat deshalb große Mühe beim Tragen von schweren Einkaufstaschen. Oft sind die Schmerzen auf einer Seite besonders ausgeprägt, sie können aber auch beidseitig sein und sogar zum Fallenlassen von Taschen oder anderen Gegenständen führen. Schmerzen im Leistenbereich beim Heben und Tragen können somit ein wichtiges Symptom sein und dürfen nicht mit einem Leistenbruch verwechselt werden.

4. Schmerzen beim Radfahren

Während wir bei der Arthrose des Fußgelenks (oberes Sprunggelenk) im ARTHROSE-INFO Nr. 114 berichten konnten, dass dabei sogar stundenlanges Radfahren möglich sein kann, ist dies bei der Arthrose des Schambein-Gelenks genau umgekehrt. Hier berichtet uns eine Patientin: „Am Schlimmsten sind die Schmerzen beim Radfahren, insbesondere mit schmalem Sattel. Erst als ich mir einen besonders weichen, breiten Sattel montieren ließ, besserte sich dies.“ Diese Sättel gibt es in jedem guten Fahrradfachgeschäft. Vor dem Kauf sollte man sie jedoch geduldig ausprobieren

5. Schmerzen beim Sport

In direkter Nähe des Schambein- Gelenks setzen auch wichtige Beinmuskeln an. Es sind dies die sogenannten „Adduktoren-Muskeln“. Durch das Sport-Motto „Immer schneller, immer höher, immer weiter“ sowie durch eine zunehmende Intensität in vielen Sportarten werden gerade diese Muskeln immer stärker beansprucht. Auch Schmerzen im Schambereich, die während des Sports auftreten, können deshalb ein wichtiges Symptom für eine Überlastung im Bereich des Symphysen-Gelenks sein. Was sind nun die häufigsten Ursachen?

6. Ursache 1: Schwangerschaft

Lange vor der Geburt spielen sich im Körper der schwangeren Frau erstaunliche Vorgänge ab. Auch die Beckengelenke bereiten sich früh auf die Geburt vor, um Platz für den Kopf des Kindes zu schaffen. Woche für Woche weiten sich die ISG (Iliosakral-Gelenke) und das Schambein-Gelenk (Symphyse) mehr und mehr auf, oft sogar um einige Zentimeter. Die Bänder, die diese Gelenke zusammenhalten, werden weicher, und so manche Beschwerden haben ihre Ursache in einem zunehmenden Zug auf diese Bänder. Besonders das Auf- und Abgleiten an der Übungswand fällt dann besonders schwer.

7. Ursache 2: Wirbelsäule, Beinlängen

Jede Verkrümmung der Wirbelsäule, ob leicht oder schwer, wirkt sich auch auf die Beckengelenke aus. So bewirken unterschiedliche Beinlängen (der Arzt spricht von Beinlängen-Differenzen) eine Verkrümmung der Wirbelsäule und eine Verdrehung (Verwringung) der Beckengelenke. Die Beinlängen zu untersuchen und deutliche Unterschiede ärztlich auszugleichen, gehört deshalb zu jeder Diagnostik und Behandlung bei Schambein-Arthrose sowie bei allen Schambein-Beschwerden unbedingt dazu.

8. Ursache 3: Überlastung im Sport

Adduktoren-Zerrungen treten heute selbst schon bei Jugendlichen auf. So mancher junge Sportler verschweigt dies aber und nimmt zum Spielen Schmerzmittel ein. Zu groß ist das Streben nach Ruhm und die Hoffnung, einmal der kommende „Philipp Lahm“ zu werden. Würden sie ihre Beschwerden dem Mannschaftsarzt mitteilen, so würden sie nicht selten aus der Auswahl-Mannschaft genommen und ihre Karriere wäre beendet. Fußball, Handball und Hürdenlauf sind typische Sportarten, die Adduktoren-Schmerzen begünstigen und damit die Schambein-Gelenke besonders belasten.

9. Ärztliche Untersuchung: Druckschmerz

Eigentlich selbstverständlich und dennoch oft versäumt, ist der ärztlich ausgeübte Druck mit der flachen Hand auf das Schambein-Gelenk beim liegenden Patienten. Die meisten Patienten geben dann sofort einen heftigen Schmerz an. Viele Ärzte scheuen sich aber davor – vielleicht wegen der Nähe zum Schambereich – oder weil es ein wenig ungewöhnlich erscheint. Moderner und auch detaillierter ist die folgende Untersuchung, die heute fast immer zusätzlich empfohlen wird.

10. MRT-Untersuchung

Zur Diagnostik gehört heute nicht mehr die Röntgenaufnahme, da ihre Aussagekraft bei diesem Gelenk eher gering ist. Die Methode der Wahl ist vielmehr eine MRT-Untersuchung. Sie zeigt nicht nur die typischen Spät-Zeichen der Arthrose (wie Knochen-Anbauten oder Knochen-Verdichtungen), sondern im frühen Stadium lässt sich auch eine vermehrte Flüssigkeitsansammlung im Knochen erkennen. Der Arzt nennt diese „Knochen-Ödem“. Oft findet sich eine vermehrte Flüssigkeitsansammlung auch zusätzlich im Gelenkinneren.

11. Belastungspause und Physiotherapie

Früher bedeutete eine Adduktoren-Zerrung und erst recht eine Arthrose des Schambein-Gelenks eine absolute Sport- und Belastungspause für Wochen oder Monate. Erst danach wurde wieder mit dem bisherigen Sport begonnen. Leider führte dies oft zu schmerzhaften Rückfällen. Heute ist die Trainingspause wesentlich kürzer und wird gleich oder mit geringer zeitlicher Verzögerung mit einer gezielten Physiotherapie kombiniert. Wenn danach mit Sport begonnen wird, sind dies heute meist zuerst leichtere Laufübungen, keinesfalls aber sofortiger Wettkampfsport.

12. Beckengurt oder „Figurformer“

Beim Iliosakral-Gelenk (ISG) haben wir bereits im ARTHROSE-INFO Nr. 35 einen „Beckengurt“ beschrieben. Diese schmalen Gurte können auch bei Beschwerden des Schambein-Ge lenks sehr nützlich sein. Bei manchen Frauen sind auch die sogenannten „Figurformer“ sehr beliebt. Diese formende Funktions-Unterwäsche (Miederhose) hält das Schambein-Gelenk in stabiler Position. Zu beziehen ist sie in Kaufhäusern und im Versandhandel. Beide, Beckengurt und Figurformer, können die Beschwerden deutlich lindern und den Rückgang der Arthrose-Beschwerden fördern.