Kreuzbänder sind ungewöhnliche Bänder. Es gibt sie nur im Kniegelenk. Jedes Knie hat ein vorderes und ein hinteres Kreuzband. Sie haben ihren Namen von ihrem überkreuzen den Verlauf im Innern des Gelenks. Wenn ein Kreuzband reißt, verliert das Kniegelenk seinen inneren Halt. Dies kann auch zu einer späteren Arthrose führen. In unserem heutigen Kapitel möchten wir zunächst mehrere teilweise erstaunliche Verletzungsmechanismen beschreiben und nützliche Tipps zur Behandlung und Vorbeugung vorstellen. Außerdem ist noch viel zu wenig bekannt, dass Frauen bei gleichen Belastungssituationen ein höheres Verletzungsrisiko haben.
Beim Fußball, Handball, Basketball, Ringen und vor allem beim Skifahren treten Kreuzband-Verletzungen häufig auf. Typisch sind Situationen, in denen der Fuß fest auf dem Boden steht und der Oberkörper über dem meist gebeugten Knie verdreht wird. Die Verletzung kann sich auch ohne fremde Einwirkung ereignen. Schon eine abrupte Richtungsänderung beim Laufen kann die Verletzung auslösen: „Ich lief mit dem Ball auf das Tor zu und fiel plötzlich um!“, berichtet Herr Michael W. aus Altrip. Beim Handball oder Basketball treten die Verletzungen oft beim Landen nach Sprungwürfen auf.
Beim Skifahren können sich Drehverletzungen oft in Liftnähe ereignen: Beim Warten am Lift wird man ein wenig geschubst und verdreht sich beim Fallen das Knie; oder beim Aussteigen aus dem Lift stürzt man mit einer Verdrehung zur Seite. Erstaunlich sind beim Skifahren aber auch Verletzungen, die sich beim Fallen nach hinten ereignen. Um dem Sturz entgegenzuwirken, wird der Knie-Streckmuskel („Quadrizeps“) mit großer Kraft angespannt. Aber nicht die Sehne dieses stärksten Muskels reißt, sondern viel mehr das vordere Kreuzband, das ihm Widerstand bietet.
Das hintere Kreuzband wird häufig verletzt bei nach hinten gerichteten Anprallverletzungen am Schienbeinkopf (Motorradunfall, Anschlag am Armaturenbrett beim Autounfall, Stoß eines Gegenspielers sowie beim Sturz auf den Schienbeinkopf). Auch wenn man mit der Ferse versehentlich in ein Loch tritt, kann es zu einer gewaltsamen Überstreckung des Kniegelenks kommen, die u. a. ebenfalls zu einem Riss des hinteren Kreuzbands führen kann. Verletzungen des hinteren Kreuzbands sind jedoch seltener. Sie machen nur fünf bis zehn Prozent aller Kreuzband-Verletzungen aus.
Bei Basketball-, Fußball- und Handballspielerinnen wurde erstmals beobachtet, dass sich Mädchen und junge Frauen viel häufiger an den Kreuzbändern verletzen als junge Männer. Bei gleicher Belastungshöhe („Exposition“) und gleicher Spieldauer haben sie ein drei- bis achtfach höheres Verletzungsrisiko. Die Gründe? Die Kreuzbänder sind bei Frauen oft dünner und damit weniger belastbar. Auch ein bei Frauen zu beobachtendes Überwiegen des Quadrizeps-Muskels über die Kniebeuger wird als Ursache diskutiert. Zur Vorbeugung siehe Tipp Nr. 12.
Wenn ein Kreuzband reißt, hört der Patient oft ein lautes Knallen, das der großen Kraft von über 200 kg entspricht, die dazu notwendig ist. Beim Riss des vorderen Kreuzbands kommt außerdem häufig, aber nicht immer, eine sofortige Schwäche im Knie hinzu. Das Knie ist kraftlos, und man knickt ein („Giving way“). An ein Weiterspielen ist meist nicht mehr zu denken. Oft muss der verletzte Spieler vom Spielfeld getragen werden. Manchmal, vor allem beim hinteren Kreuzband-Riss, können diese Anzeichen fehlen. Eine Verletzung wird dann erst nach Wochen oder Monaten festgestellt!
Bei der Verletzung eines Kreuzbands reißen auch die Blutgefäße, die das Band versorgen. Aus diesen verletzten Gefäßen strömt oft Blut ins Gelenk und füllt das Knie innerhalb von Stunden langsam prall auf. Wenn der Arzt das aufgetriebene Gelenk punktiert, wird er oft mehrere Spritzen voll Blut abziehen können. Blut im Gelenk und die Schilderung des Verletzungshergangs erlauben es dem Arzt fast immer, die Verdacht-Diagnose „Kreuzband-Riss“ zu stellen. Allerdings werden Kreuzbandverletzungen leider auch noch oft übersehen, wie uns Herr Prof. Hess berichtet.
Wenn das vordere Kreuzband verletzt ist, ist eine wichtige Sicherung des Knies verloren. Der Arzt kann jetzt beim leicht gebeugten Knie den Unterschenkel weit nach vorne ziehen („Lachman-Test“). Kann der Unterschenkel beim rechtwinklig gebeugten Knie jedoch vermehrt nach hinten verschoben werden („Hintere Schublade“), weist dies auf eine Verletzung des hinteren Kreuzbands hin. Diese Tests können auch mit speziellen Messgeräten durchgeführt werden.
Bei jeder Kreuzband-Verletzung muss auch an die Möglichkeit gravierender weiterer Verletzungen im Knie gedacht werden. Meist werden sie auf MRT-Aufnahmen (Magnet-Resonanz- Tomographie, Kernspin-Tomographie) genau erkannt. Durchschnittlich – so wird geschätzt – treten die folgenden Verletzungen zusätzlich auf: Meniskus- Verletzung (50%), Innenband-Riss (20%), Knorpelverletzung (50%) und Knochenquetschung („Bone Bruise“, 80%). Diese Begleitverletzungen können die Behandlung und Heilung von Kreuzband-Verletzungen wesentlich erschweren.
Frische vordere Kreuzband-Verletzungen werden heute oft zunächst für mehrere Wochen konservativ mit Physiotherapie behandelt, bis das Gelenk nicht mehr gereizt ist. Erst dann wird entschieden, ob eine Operation notwendig ist. Eine Operation wird empfohlen, wenn das Gelenk im Alltag nennenswert instabil ist („die Knochen verschieben sich“), man noch jünger (z. B. unter 40) und / oder körperlich aktiv (auch über 40) ist und wenn der Meniskus genäht werden muss (siehe Tipp Nr. 11). In einigen Kliniken werden Kreuzband-Operationen auch sofort nach dem Unfall durchgeführt.
In den meisten Fällen kann ein Kreuzband nicht einfach genäht werden. Vielmehr wird mit einer der beiden folgenden Methoden ein Ersatzband gebildet:
(1) Ligamentum patellae: Hierbei wird aus dem breiten Band, das Kniescheibe und Schienbeinkopf verbindet, ein schmaler Streifen, der oben und unten ein kleines Knochenstück behält, entnommen und an die Stelle des gerissenen Kreuzbands transplantiert. Die mitübertragenen Knochenstückchen erleichtern die Einheilung.
(2) Semitendinosus/Gracilis: Hierbei werden die Sehnen dieser Muskeln als Kreuzband eingesetzt.
Bedingt eine Kreuzband-Verletzung immer eine spätere Arthrose? Ist allein das Kreuzband verletzt und besteht danach eine deutliche Instabilität, muss bei körperlich aktiven jungen Menschen mit einem erhöhten Arthrose- Risiko gerechnet werden. Wenn eine zusätzliche Meniskus-Verletzung vorliegt, so erhöht diese – falls unbehandelt – das Arthrose-Risiko eindeutig. Ein begleitender Meniskus-Riss wird deshalb, wenn möglich, sofort genäht (siehe ARTHROSE-INFO Nr. 41). Zur Sicherung dieser Naht wird dann auch die Kreuzband-Verletzung operativ behandelt.
Viele Verletzungen im Sport ereignen sich gegen Ende des Spiels bzw. des Tages. Günstig ist daher, die völlige Erschöpfung und Müdigkeit der Muskulatur zu vermeiden und bei sportlicher Betätigung stets im „grünen Bereich“ zu bleiben. Große Fortschritte konnten bei Basketball- und Fußball-Teams erzielt werden. Seit einiger Zeit wird dort für junge Frauen schon zu Beginn der Saison ein Propriozeptives Training, vor allem zum Üben des sicheren Landens nach Springen, durchgeführt, mit dem das erhöhte Verletzungsrisiko um 70% gesenkt werden kann.