Bandscheibenvorfälle der Halswirbelsäule (HWS) unterscheiden sich erheblich von denen im Lendenbereich. Erstaunlicherweise treten sie sehr oft sogar frühmorgens im Schlaf auf und nicht nur während einer bestimmten belastenden Tätigkeit. Neben oft heftigsten Nackenschmerzen, durch die man aus dem Schlaf gerissen wird und die in Kopf oder Arm ausstrahlen, gibt es weitere wichtige Symptome, die man kennen sollte. Aber auch die Therapie ist grundlegend anders, wie wir im Folgenden sehen werden. Wichtiger Hinweis: Die aktuellen Tipps bauen auf denen im ARTHROSE-INFO Nr. 46 auf, die eine umfassende Übersicht zu diesem Thema geben und die wir nochmals empfehlen möchten. In der heutigen Ausgabe wenden wir uns nun vor allem der operativen Behandlung zu.
Bandscheiben-Operationen der Halswirbelsäule werden mit wenigen Ausnahmen nicht von hinten, d. h. vom Nacken aus, durchgeführt. Vielmehr bevorzugen die meisten Operateure den vorderen Zugang durch den Hals. Dabei müssen wichtige, ja lebenswichtige Strukturen passiert, umgangen und geschont werden. Hierzu zählen Luftröhre, Speiseröhre und Schilddrüse, aber auch die wichtigen Arterien und Venen, die beidseits zu Kopf und Gehirn führen und diese versorgen. Dennoch wird dieser Operationsweg heute meist gewählt, da er das Rückenmark nicht berührt.
Wie gefährlich ist diese Operation? Nicht nur Patienten, sondern auch manche Ärzte erschrecken zunächst bei dem Gedanken an eine Operation im Halsbereich. Sie stellen sich vor, welche Komplikationen dabei auftreten könnten, auch in Bezug auf das empfindliche Rückenmark. Die Experten sagen jedoch: „In der Hand des erfahrenen Spezialisten ist diese Methode heute außerordentlich erfolgreich!“ Wenn die Operation unausweichlich ist, sollte man daher voll und ganz auf ein gutes Ergebnis vertrauen. Zur Auswahl des Operateurs siehe auch unseren Tipp Nr. 9.
Anders als an der Lendenwirbelsäule wird im Halsbereich die geschädigte Bandscheibe meist vollständig entfernt und durch einen Platzhalter ersetzt. Einige Spezialisten setzen dafür körpereigene Knochenstückchen ein, die sie zuvor aus dem Beckenkamm entnehmen. Immer häufiger wird heute jedoch ein kleines Titan- oder Kunststoff-Gerüst verwendet, das als „Cage“ (engl., gesprochen „kä-itsch“, übersetzt „Käfig“) bezeichnet wird. Mit beiden Implantaten wird erreicht, dass die Halswirbelsäule nicht nach vorn einknickt, sondern ihre typische Bogenform behält.
Wenn nur eine einzige Bandscheibe der Halswirbelsäule erkrankt ist, alle übrigen darüber und darunter aber unverändert und gesund sind, kann statt eines „Käfigs“ (oder Knochenstücks) auch eine künstliche Bandscheibe eingesetzt werden. Diese neue Methode, zu der noch keine Langzeitergebnisse vorliegen, wird heute bevorzugt an der HWS, seltener an der Lendenwirbelsäule eingesetzt. Dies ist umso erstaunlicher, als die Halswirbel ja kleiner sind und das empfindliche Rückenmark in relativer Nähe verläuft und auf keinen Fall durch einen Fremdkörper unter Druck gesetzt werden darf.
Ein Symptom, das leicht fehlgedeutet werden kann, ist sogar das allerdringlichste: Wenn mit zunehmendem Alter eine Gangunsicherheit auftritt, vermuten viele, dass dies eine natürliche Alterserscheinung sei. Tatsächlich kann sie aber die Folge einer akuten oder chronischen Bandscheibenerkrankung sein, bei der Gewebe nach hinten auf das Rückenmark drückt („Myelopathie“). Bei Gangunsicherheit sollte man deshalb stets auch an die Halswirbelsäule denken und diese sorgfältig untersuchen lassen. Dies gilt besonders, wenn die Gangunsicherheit bei Dämmerung auffallend zunimmt.
Auch eine zunehmende Kraftlosigkeit beim Heben des Arms nach vorne oder zur Seite kann auf einen Bandscheibenvorfall in der Halswirbelsäule hindeuten. Eine Schwäche des sogenannten Schulterkappen-Muskels (ärztlich „Deltoideus“, gesprochen „delto-ide-us“) ist zwar eher selten, kann aber schwerwiegende Folgen haben und die eigene Selbstständigkeit langfristig gefährden. Eine solche Teillähmung dieses Muskels fällt meist beim Ankleiden, Kämmen oder beim Einräumen von Gegenständen in höher gelegene Kleiderschrank- bzw. Küchenregale auf.
Wenn das ausgetretene Bandscheibengewebe hingegen auf jene Nervenfasern drückt, die für die Bewegung und Kraft der Handmuskeln zuständig sind, kann besonders häufig auch eine Schwäche bei Greifbewegungen der Hand und der Finger ein wichtiges Symptom sein. Wenn die Milchpackung aus der Hand fällt, wenn die Haustür sich nur mit Mühe aufschließen lässt oder wenn die Kaffeetasse nicht mehr gehalten werden kann, sind dies Alarmzeichen, die ebenfalls umgehend zu einer sorgfältigen orthopädischen und neurologischen Untersuchung führen sollten.
Anstelle der beschriebenen motorischen Kraftlosigkeit der Hand kann sich schließlich auch eine Störung der Sensibilität, d. h. des Berührungs- und Druckempfindens der Fingerspitzen, im Alltag erheblich auswirken. Wer mit heftigen Nackenschmerzen aufwacht und beim Ankleiden bemerkt, dass die Fingerspitzen wie taub sind, sollte dies als wichtigen Hinweis sehen, dass es sich nicht um eine harmlose Verspannung handelt, sondern möglicherweise um einen Bandscheibenvorfall der HWS. Noch am selben Tag sollte man dann den Arzt aufsuchen, um dies sicher abklären zu lassen.
Nur bei Gangunsicherheit (Tipp Nr. 5) und rasch zunehmenden Lähmungen muss möglichst bald operiert werden. Ansonsten empfiehlt sich zunächst eine intensive konservative Therapie (INFO Nr. 46). Falls diese jedoch erfolglos bleibt, kann es sinnvoll sein, den Rat zweier erfahrener Ärzte einzuholen und zu klären: (1) Verfügt die Klinik über langjährige Erfahrung mit HWS-OPs, und wie hoch sind die Erfolgs- und Komplikationsraten? (2) Haben Sie als Patient ein gutes Gefühl? – Bandscheiben-OPs der HWS sollten nur in erfahrenen Spezial-Kliniken durchgeführt werden.
Der Klinikaufenthalt nach einer Bandscheiben-Operation der Halswirbelsäule ist heute meist überraschend kurz. In manchen Kliniken erfolgt die Entlassung bereits am zweiten Tag nach der Operation, andere empfehlen den vierten postoperativen Tag als Entlassungstag. In den meisten Fällen dauert der Klinikaufenthalt jedenfalls nur wenige Tage, was auch für die eigene Planung wichtig zu wissen ist. So kann es auch sinnvoll sein, eine stationäre Reha anzuschließen oder bei der Krankenkasse eine Haushaltshilfe zu beantragen.
Die Dauer der Arbeitsunfähigkeit (AU) richtet sich vor allem nach dem Beruf des Patienten. Bei körperlich leichten Tätigkeiten, wie Büroarbeiten, wird nach zwei bis drei Wochen wieder Arbeitsfähigkeit erwartet, außer bei überwiegender Computerarbeit. Bei schwerer körperlicher Arbeit, wie in manchen Handwerksberufen, wird man etwa sechs Wochen warten. Aber auch wenn die Implantate stabil verankert sind, möchten wir dennoch in Beruf und Sport langfristig zu kluger Zurückhaltung raten. Der künstliche Ersatz kann die körpereigenen Bandscheiben niemals vollwertig ersetzen!
Manche Menschen haben sich an Verspannungen im Nacken gewöhnt. Leider führen diese aber auch zu einer Dauerbelastung der Bandscheiben. Die erste Möglichkeit der Vorbeugung besteht deshalb in der konsequenten physiotherapeutischen Behandlung jeglicher chronischer Nackenverspannungen. Die zweite Möglichkeit ist genauso wichtig: Tabakkonsum schädigt auch die Bandscheiben. Mit keiner anderen Maßnahme kann man mehr für seine Gesundheit tun als damit, das Rauchen vollständig aufzugeben. Dieser Entschluss spart Geld und wird jeden Tag neu erfreuen!