Wie wichtig sind unsere Hände! Wie wichtig sind auch unsere Arme, die die Hände erst in die gewünschte Position bringen! Und wie wichtig sind die Schultergelenke, ohne die unsere Arme weder bewegt werden noch große Kraft entfalten können. In den ARTHROSE-INFOS Nr. 17, 27 und 77 haben wir deshalb schon viele nützliche Tipps bei Schulter-Arthrose zusammengetragen. Es empfiehlt sich, diese als wichtige Grundlage nochmals sorgfältig zu Rate zu ziehen. In der heutigen Ausgabe möchten wir nun noch einige weitere praktische Hinweise ergänzen. Allen Mitgliedern und allen Experten, die uns dabei mit ihrer langjährigen Erfahrung beraten und unterstützt haben, danken wir sehr herzlich.
Die ersten Knorpelschäden im Schultergelenk werden in vielen Fällen zunächst keinerlei Beschwerden auslösen. So manche Betroffene berichten uns dann später, dass die ersten Schmerzen nachts beim Schlafen in Seitenlage auftraten und dass sie seither fast jede Nacht zu spüren sind und zum Wachwerden führen. Drehen sich die Patienten dann auf den Rücken oder legen sie sich auf die andere Seite, lassen die Schmerzen in dieser frühen Phase rasch wieder nach und man kann ungestört weiterschlafen.
Schmerzen können später auch bei den üblichen Tätigkeiten der Körperpflege auftreten. Oft empfindet man dies als besonders erstaunlich, da dabei eigentlich keine nennenswerten Kräfte aufgewandt werden müssen. Hierzu zählt zum Beispiel das Halten eines Duschkopfs oder eines Haarföhns. Typisch ist, dass die Arme dabei gehoben werden und die Hände Kopfhöhe erreichen oder sogar übertreffen. Hierdurch wird das Schultergelenk bereits in einer frühen Phase der Arthrose überfordert und einem nicht ganz unbedeutenden Druck ausgesetzt.
Schmerzen, die oft als tief und dumpf oder aber als messerstichartig beschrieben werden, können bei Schulter-Arthrose auch beim Ankleiden auftreten. Das Anziehen von Pullovern, Blusen oder Jacken erfordert ja ebenfalls Bewegungen mit angehobenen Armen. Die Schmerzen sind besonders stark, wenn die Bewegungen energisch mit einer gewissen Schnelligkeit und gegen einen gewissen Widerstand ausgeführt werden.
Aber selbst bei Tätigkeiten, die eher nur kleine Bewegungen im Schultergelenk erfordern, bei denen die Arme nahe am Körper bleiben und die Hände nur etwas mehr als Schulterhöhe erreichen, können Schmerzen auftreten. Dies ist zum Beispiel nicht selten beim Zähneputzen der Fall. Auch dabei können erstmals Schmerzen im Schultergelenk auftreten, obwohl die aufzuwendende Kraft nur sehr gering ist.
Immer wenn man bei Tisch, also beim Essen, mit lang ausgestrecktem Arm schwere Gegenstände – wie zum Beispiel eine volle Kaffeekanne oder eine voll gefüllte Schüssel – ergreift und anhebt, erzeugt dies eine erhebliche Belastung des erkrankten Schultergelenks und führt nicht selten zu heftigsten Schmerzen. Diese können so unüberwindbar sein, dass man die Gegenstände überhaupt nicht halten kann, sondern gleich wieder absetzen muss. Die Tipps Nr. 1 bis Nr. 5 zeigen auch, dass in vielen Fällen Schmerzen die ersten Zeichen dieser Arthrose sein können. Einsteifungen folgen dann erst später.
Eine Schulter-Arthrose kann, wie wir bereits im ARTHROSE-INFO Nr. 77 beschrieben haben, auch zu Schmerzen in der Brust und in der Herzgegend führen. Sie kann aber auch Schmerzen im Nackenbereich auslösen. Bei chronischen Nackenschmerzen sollte deshalb nicht nur die Halswirbelsäule untersucht werden. Vielmehr muss man auch an eine Arthrose des Schultergelenks denken. Dies gilt insbesondere dann, wenn noch keine der in den Tipps Nr. 1 bis Nr. 5 beschriebenen Bewegungen schmerzen, sondern die Nackenschmerzen das einzige Symptom sind.
All die genannten Schmerzen und Auslösesituationen können vermieden werden, wenn man das Arthrosegelenk schützt und schont und, wenn möglich, zum Beispiel den noch gesunden anderen Arm einsetzen kann. Viele Betroffene berichten zudem, dass ihnen entspanntes Spazierengehen mit frei schwingenden Armen und auch Laufen, wie Joggen, gut tun und keinerlei Schmerzen auslösen. Somit sind beide Sportarten sehr empfehlenswert. Beim Schwimmen ist bei Schulter-Arthrose das langsame Brustschwimmen in vielen Fällen dem Kraul- oder Rückenschwimmen vorzuziehen.
Das gesunde Schultergelenk verfügt über eine enorme Beweglichkeit. Mit Händen und Armen können wir hoch über Kopf arbeiten, fast meterweit seitliche Gegenstände erreichen und auch die Körperrückseite berühren. Diese enorme Beweglichkeit ist nur durch die besondere Form des Schultergelenks möglich. Hierzu zählen die auffallende Flachheit der Gelenkpfanne und die fast kugelrunde Form des Gelenkkopfs. Selbst bei einer Arthrose bleibt die (passive) Beweglichkeit oft lange erhalten. Erst wenn die Arthrose fortschreitet, kommt eine zunehmend entzündungsbedingte Einsteifung hinzu
In den allermeisten Fällen helfen das Vermeiden schmerzauslösender Tätigkeiten und auch die vielen bereits im ARTHROSE-INFO Nr. 77 genannten Tipps. In besonders akuten Notsituationen wird mancher Arzt auch eine oder mehrere Injektionen empfehlen oder eine Therapie mit Ultraschall. Sollten zusätzlich zur Arthrose bestimmte Sehnen, die das Schultergelenk sichern, gerissen und dadurch ein wichtiger Schleimbeutel eröffnet sein, raten viele Experten von säurehaltigen Spritzen ab, da diese die Neigung zu massiven Gelenkergüssen verstärken könnten.
Wenn alle Selbsthilfe-Maßnahmen und alle konservativen Therapien ohne Erfolg bleiben, empfiehlt es sich, früh den Rat eines erfahrenen Schulter-Spezialisten einzuholen. Je nach persönlichem Befund wird er prüfen, ob ein relativ kleiner operativer Eingriff in Form einer Gelenkspiegelung Besserung erhoffen lässt. Sollten z. B. innere Verklebungen gelöst werden? Gibt es freie Gelenkkörper oder Knochen-Anlagerungen, die entfernt werden müssten? Wenn diese oder andere Maßnahmen zur Gelenkerhaltung nicht möglich sind, kann auch das Einsetzen eines künstlichen Gelenks sinnvoll sein.
Bei nachgewiesener weit fortgeschrittener Schulter-Arthrose sollte man nicht zu lange warten, da sich sonst der hintere Rand der Gelenkpfanne gefährlich abflachen kann. Nur wenn ein künstliches Schulter-Gelenk rechtzeitig eingesetzt wird, gelingt die Operation besonders gut. Die Beweglichkeit der sogenannten „anatomischen“ Endoprothesen ist oft sehr gut und fast mit der des gesunden Gelenks vergleichbar. Meist werden dabei im Gelenkkopf-Teil nur recht kurze Schäfte verwendet. Damit ist der Knochenverlust bei der Verankerung im Oberarm relativ gering und sparsam.
Sind wichtige Schulter-Sehnen der „Rotatorenmanschette“ gerissen oder sind die Patienten bereits älter als 80 Jahre, empfehlen viele Spezialisten heute eine „inverse“ Prothese. Bei ihr sind Kopf und Pfanne vertauscht. Der Gelenkkopf steht bei ihr dort, wo zuvor die Gelenkpfanne war und umgekehrt. Die Beweglichkeit ist zwar nicht so ausgeprägt wie bei der anatomischen Prothese, für viele Alltagstätigkeiten ist sie aber voll ausreichend. Die deutlichen Fortschritte, die auch mit diesem Prothesentyp gemacht worden sind, zählen zu den großen Erfolgen der orthopädischen Schulterchirurgie.