Praktische Tipps zur Hüfterkrankung bei Kindern

Arthrose kann ihre Ursache schon in frühester Kindheit haben. Heute möchten wir deshalb eine Erkrankung vorstellen, die alle Eltern und Großeltern kennen sollten. Der Arzt nennt sie Perthes’sche Krankheit oder lateinisch “Morbus Perthes”. Oft heilt sie wieder folgenlos aus. Wird sie aber nicht ernst genommen, kann sie zu schweren und bleibenden Schäden im Hüftgelenk führen. Wenn junge Erwachsene bereits mit 20 oder 25 Jahren ein künstliches Gelenk benötigen, geht dies nicht selten auf diese Erkrankung zurück. Im Folgenden nennen wir deshalb mehrere praktische Tipps, deren Kenntnis sehr hilfreich sein kann.

1. Lebhafte Kinder

Eltern sind oft stolz, wenn ihre Kinder lebhaft und aktiv sind. Besonders Kinder, die noch etwas kleiner sind als ihre gleichaltrigen Freunde, ziehen nicht selten viel Selbstbestätigung aus ungewöhnlich intensiver sportlicher Betätigung, ja aus Leistungssport. So entwickeln oft schon Vier- oder Fünfjährige einen zu großen Ehrgeiz im Vereinsfußball oder im Vereinsturnen. Eine zu hohe und zu frühe Belastung könnte aber ein denkbarer Grund für die Perthes’sche Hüfterkrankung sein. (Auch andere bekanntere Hypothesen werden zurzeit noch erforscht, siehe Tipp Nr. 3.)

2. Knieschmerzen, Hinken

Wenn ein Kind plötzlich über Schmerzen klagt, muss dies sehr ernst genommen werden. Oft zeigt es dabei auf den Oberschenkel oder auf das Kniegelenk. Andere Kinder geben keinerlei Schmerzen an. Es fällt bei ihnen nur ein Hinken auf. Manchmal sind es auch erst die Kindergarten-Betreuer, die Trainer oder die Sportlehrer, die die Eltern darauf aufmerksam machen. Hinken oder Knieschmerzen sind beides Zeichen, die auf das Hüftgelenk (!) hindeuten können, und müssen dringend ärztlich untersucht werden. Das Aufsuchen eines Kinderorthopäden ist dann schnellstmöglich geboten.

3. Schwachpunkt Wachstumsfugen

Beim Kind besteht der Hüftkopf eigentlich aus zwei Teilen, die durch eine weiche Schicht, die sogenannte Wachstumsfuge, getrennt sind. In dieser weichen Schicht befinden sich die Zellen, die den Knochen weiter wachsen lassen. Für die Durchblutung und Versorgung des oberen Teils des Hüftkopfes stellt sie aber auch eine Barriere dar. Es wird vermutet, dass darin eine Ursache liegen kann, warum gerade der oberste Teil des Hüftkopfes bei kleinen Kindern erkranken kann. Meist betrifft dies Jungen im Alter von vier bis acht Jahren, aber auch Mädchen können erkranken.

4. Zerstörung und Wiederaufbau

Bei der Perthes’schen Erkrankung des Hüftgelenks verdichtet sich der Knochen zunächst nur in einem kleinen Areal des Hüftkopfes. Je weiter die Erkrankung fortschreitet, umso mehr vergrößert sich dieser Bereich. Der Knochen verdichtet sich immer mehr, wird zusammengedrückt und zerfällt dann in mehrere Teile ("Fragmente"). Gott sei Dank besitzt der junge Knochen aber auch große Heilungskräfte. Je jünger das Kind ist, desto größer sind diese Kräfte und damit die Heilungsaussichten. So beginnt gleichzeitig auch schon der Wiederaufbau des Hüftkopfes.

5. Frühdiagnose-1: Ultraschall

Wenn Kinder hinken oder über Knieschmerzen klagen, werden viele Kinderorthopäden zunächst eine Ultraschall-Untersuchung durchführen. Finden sie dabei einen Gelenkerguss, d. h. vermehrte Flüssigkeit, im Hüftgelenk, so werden sie diese Untersuchung nach einigen Tagen wiederholen. Wenn der Erguss dann bereits wieder verschwunden ist, hat es sich vermutlich um eine sogenannte flüchtige Hüftreizung ("Coxitis fugax") gehandelt, wie sie bei Kindern u. a. nach Erkältungen auftreten kann. Mit einer Blutuntersuchung kann auch eine rheumatische Erkrankung ausgeschlossen werden.

6. Frühdiagnose-2: MRT

Besteht aber weiter der Verdacht auf eine Perthes’sche Erkrankung, ist der nächste Schritt die Röntgen-Untersuchung oder die MRT-Untersuchung. Dabei können Durchblutungsstörungen und Verdichtungen der Knochenstruktur bereits im frühen Stadium erkannt werden. Bei Kindern unter fünf Jahren werden MRT-Untersuchungen manchmal sogar in Kurznarkose durchgeführt. Einige Ärzte berichten auch, dass allein schon die beruhigende Anwesenheit der Mutter oder des Vaters während der Untersuchung eine Narkose überflüssig machen kann.

7. Röntgen

Wenn eine Perthes’sche Erkrankung nachgewiesen ist, sind Röntgen-Untersuchungen unumgänglich. Sie dienen der Beurteilung der Schwere der Erkrankung, der Gefahren, aber auch des Heilungsverlaufs. Das Abdecken der Hoden bei den Jungen und der Eierstöcke bei den Mädchen ist dabei jedes Mal äußerst wichtig (Gonadenschutz). Bei Mädchen muss beachtet werden, dass die Eierstöcke relativ hoch und seitlicher liegen und der Bleischutz daher nicht zu tief platziert werden darf. Auch die Eltern sollten darauf achten und die Aufnahme erst freigeben, wenn sie sich davon überzeugt haben.

8. Angepasste Entlastung

Von einer Behandlung der Perthes-Erkrankung mit Schienen ist man heute weitgehend abgekommen. Von Eltern und Kindern gut angenommen wird ein dreistufiges Vorgehen: In der Wohnung darf das Kind sich frei bewegen, allerdings ohne Treppenspringen und ohne Vom-Stuhl-Springen. Draußen müssen Gehhilfen benutzt werden, um das Gelenk vor zu großen Belastungen zu schützen. Bei längeren Familienspaziergängen und Ausflügen kann dann der Kinder-Rollstuhl benutzt werden. Den Kindern macht dies übrigens großen Spaß. Nicht selten wollen sie damit sogar Rennen fahren.

9. Physiotherapie – immer dreidimensional

Zur Behandlung gehört auch eine sorgfältige Physiotherapie. Dabei werden keinesfalls nur einfache Streck-Beuge-Bewegungen geübt. Wichtig ist vielmehr, dass das Hüftgelenk, das ja ein Kugelgelenk ist, aktiv in alle Richtungen bewegt wird, damit die Muskelkraft erhalten und der Hüftkopf zentriert in der Gelenkpfanne bleibt. Die Eltern erlernen diese Übungen und führen sie mehrmals täglich mit dem Kind zu Hause durch. Die Behandlung erfordert von allen große Geduld, da die Heilung viele Monate, ja sogar einige Jahre benötigen kann. Auch Brustschwimmen wird empfohlen.

10. Komplikation "seitliches Heraustreten"

Meist erholt sich der Hüftkopf und heilt folgenlos aus. Gefürchtet ist aber eine Verbreiterung des Hüftkopfes, der dann von der Gelenkpfanne nicht mehr vollständig überdacht wird. Wenn es somit zu einem seitlichen Überstehen oder „Heraustreten“ des zu breiten Hüftkopfes kommt, ist eine Operation meist unumgänglich. Dabei wird z. B. der Schenkelhals so weit nach unten gedreht, dass der seitliche Teil des Hüftkopfes wieder von der Pfanne umfasst wird. Zusätzlich oder alternativ ist eine Änderung der Position der Gelenkpfanne erforderlich, z. B. eine sogenannte “Triple-Osteotomie”.

11. Beine unterschiedlich lang?

Nach diesen Korrektur-Operationen richtet sich bei den ganz kleinen Kindern der Schenkelhals im Verlauf des weiteren Wachstums meist von selbst wieder auf. Dies ist ein sehr erfreuliches Ergebnis. Wenn dies aber – besonders bei älteren Kindern – nicht mehr vollständig gelingt, bleibt nicht selten eine Differenz in der Beinlänge auf Dauer bestehen. Auf der kürzeren Seite muss dann – je nach Schweregrad – immer eine Einlage getragen oder eine Schuhsohlenerhöhung angebracht werden.

12. Hüftkopf bleibend deformiert?

Wenn die Heilung in seltenen Fällen nicht zu einer runden, sondern stark unregelmäßigen Kopfform führt, muss bereits der junge Patient einiges beachten, um eine frühe Hüftarthrose zu vermeiden. Berufe, die mit Tragen von Lasten einhergehen, können dann nicht ergriffen werden. Auch auf bestimmte sportliche Betätigungen wie Kampfsportarten, längeres Joggen oder gar Marathonlauf muss dann verzichtet werden. Wenn dies konsequent beachtet wird, kann das Kind aber später auch als Erwachsener ein ganz normales Leben führen und sich an seiner Gesundheit erfreuen.