Starke Schmerzen in der Hand können nicht nur durch Arthrose, sondern sehr häufig auch durch einen Engpass am Handgelenk ausgelöst werden. Innenseitig am Handgelenk, in der Tiefe zwischen Daumen- und Kleinfingerballen, befindet sich ein enger Tunnel, der sogenannte „Karpaltunnel“, in dem ein wichtiger Nerv zusammengedrückt werden kann. Im Folgenden beschreiben wir zunächst die Symptome dieses häufigen Krankheitsbildes, das besonders oft Frauen betrifft. Außerdem geben wir viele wertvolle Tipps zur Erkennung, Behandlung und Vorbeugung.
Beim beginnenden Karpaltunnel-Syndrom treten Beschwerden typischerweise nicht tagsüber auf, sondern nachts. Viele Betroffene wachen mit starken Schmerzen in der Hand auf. Manche beschreiben auch ein „Eingeschlafensein“, „Ameisenlaufen“, „Elektrisieren“ oder „Pelzigkeitsgefühl“, evtl. auch eine „Steifigkeit“. Oft ist man gezwungen aufzustehen, die Hand zu reiben, zu schütteln oder Linderung in kleinen Tätigkeiten, wie Abwaschen oder Staubwischen, zu suchen. Tagsüber sind die Schmerzen in dieser Anfangsphase verschwunden, um in der Nacht erneut zu beginnen.
In der zweiten Phase des Karpaltunnel-Syndroms werden die nächtlichen Schmerzen und das Taubheitsgefühl in der Hand zunächst noch stärker. Durch das Aufstehen sowie Schütteln und Reiben der Hand sind sie dann oft nicht mehr zu beseitigen und bleiben immer öfter auch tagsüber bestehen. Häufig dehnen sie sich auch weiter aus und können in den Arm ausstrahlen. Schmerzen im Unterarm, im Ellenbogen, ja sogar im Schultergelenk, sind in dieser Phase keine Seltenheit. Stets muss bei diesen Beschwerden daher auch an die Möglichkeit eines Karpaltunnel-Syndroms gedacht werden.
In der dritten Phase des Karpaltunnel-Syndroms können die Schmerzen bereits wieder abnehmen. Gleichzeitig wird man aber bei vielen feineren Tätigkeiten des Alltags immer „ungeschickter“. Das Zuknöpfen der Bluse oder des Hemds will nicht mehr gelingen. Das Einfädeln eines Fadens ist nur noch schwer möglich. Die Kaffeetasse kann aus der Hand fallen, ohne dass man selbst dafür eine Erklärung hätte. Eine zunehmende Taubheit der betroffenen Finger und eine gleichzeitige Muskelschwäche in der Daumenballenmuskulatur sind die Gründe für diese beunruhigenden Symptome.
Die Ursache für all diese Beschwerden? An der Innenseite unseres Handgelenks befindet sich in der Tiefe ein enger Tunnel, der dem Hauptnerv der Hand, dem „Medianus-Nerv“, als Eintrittspforte in die Hand dient. Aber neben diesem empfindlichen Nerv ziehen außerdem nicht weniger als neun kräftige Sehnen durch diesen Tunnel, die bei jedem Handgriff benötigt werden. Wenn das die Sehnen umgebende, weiche Gleitgewebe anschwillt und sich verdickt, entsteht ein erhöhter Druck im Tunnel, der sich auf das schwächste Glied, nämlich den Nerv, auswirkt. Wie kommt es dazu?
Eine Schwellung des Sehnen-Gleitgewebes kann durch verschiedene Faktoren entstehen: Während des letzten Drittels einer Schwangerschaft kann eine zunehmende Wassereinlagerung im Körper der Frau vorübergehend auch das Handgelenk betreffen. Häufig findet sich eine Vermehrung dieses Gewebes auch während und nach den Wechseljahren. Erhöht ist das Risiko, wenn bereits eine Zuckerkrankheit, eine Schilddrüsen-Unterfunktion oder eine Rheumatische Arthritis bestehen. Auch eine Überbeanspruchung der Hand, z. B. durch einen Gehstock, kann ein auslösender Faktor sein.
Fast immer wird man selbst den Eindruck haben, die „ganze Hand“ sei betroffen. Der Medianus-Nerv versorgt jedoch nur Daumen, Zeigefinger, Mittelfinger und die Hälfte des Ringfingers. Meist wird der Arzt daher zunächst untersuchen, ob tatsächlich alle Finger der Hand eine Gefühlsstörung zeigen. Beim Abbiegetest („Phalen-Test“) wird das Handgelenk maximal gebeugt. Spätestens nach einer Minute werden hierdurch die Symptome ausgelöst. Längst nicht alle Schmerzen der Hand sind jedoch Folge eines Karpaltunnel-Syndroms; andere Ursachen wird der Arzt ebenfalls abklären.
In vielen Ländern, so auch in Deutschland, wird zur Sicherung der Diagnose auch eine neurologische Fachuntersuchung durchgeführt. Mit bestimmten Elektroden, die heute meist einfach auf die Haut aufgelegt werden, kann der Neurologe unter anderem die „Nervenleitgeschwindigkeit“ messen und daran erkennen, ob der Medianus-Nerv geschädigt ist. Wichtig zu wissen: Die Verlässlichkeit dieses Verfahrens beträgt nur etwa 90 Prozent. In manchen Fällen, in denen die Nervenleitgeschwindigkeit nicht verändert ist, kann somit dennoch ein Karpaltunnel-Syndrom vorliegen.
Schätzungsweise über 50 Prozent aller Menschen mit Karpaltunnel-Syndrom können durch eine konservative Therapie erfolgreich behandelt werden. Meist gehören dazu die folgenden Maßnahmen: (1) Vermeiden von hohen Belastungen der Hand (z. B. bei der Gartenarbeit); (2) Verordnen einer Nachtschiene (damit wird vermieden, dass das Handgelenk nachts angewinkelt wird); (3) manchmal werden auch entzündungshemmende Medikamente (NSAR) eingesetzt (INFO Nr. 43); (4) einige Orthopäden spritzen zudem Cortison. Dies sollte jedoch nur ein Mal durchgeführt werden.
Die operative Behandlung eines Karpaltunnel-Syndroms besteht in der Spaltung und vollständigen Durchtrennung des kräftigen Bandes, das den Tunnel verschließt. Für diesen Eingriff werden heute ein kurzer Schnitt am Daumenballenrand (Standard-Schnitt, in der linken Zeichnung gestrichelt) oder zwei kleine, nur je etwa zwei Zentimeter große Haut-Öffnungen („minioffen“ oder „Kurzschnitttechnik“) benötigt. Der Vorteil dieser offenen Verfahren besteht darin, dass der eingeklemmte Nerv unter Sicht befreit wird und auch die Ursachen der Einengung beseitigt werden können.
Vor einigen Jahren galt eine weitere Methode, die endoskopische Opera- tion, als die modernere. Inzwischen hat ihre Bedeutung jedoch wieder etwas abgenommen. An der Mayo-Clinic in den USA werden nur noch etwa 25% der Fälle nach diesem Verfahren operiert. Hauptvorteil sind die noch kleineren Hautöffnungen. Eine Einschränkung besteht nach Einschätzung mancher Handchirurgen darin, dass die Ursachen der Einengung nicht überprüft und beseitigt werden können. Ihr Arzt wird mit Ihnen besprechen, welche Methode für Sie am besten geeignet ist.
Viele Menschen nehmen nachts eine Schlafhaltung ein, bei der die Handgelenke stark abgewinkelt sind. Dies erhöht den Druck auf den Medianus-Nerv und kann ein Karpaltunnel-Syndrom auslösen oder verstärken. Insbesondere während einer Schwangerschaft und später ab dem 50. Lebensjahr sollten Hände und Arme im Schlaf besser ganz gestreckt werden. Außerdem sollte die Temperatur im Schlafzimmer möglichst kühl sein. Je niedriger die Raumtemperatur ist, desto geringer ist auch die Schwellneigung des Gewebes im Bereich der gesamten Hand.
Das Karpaltunnel-Syndrom der Hand wird nicht von der Halswirbelsäule und den dortigen Gelenken und Bandscheiben ausgelöst. Dennoch weisen einige Experten auf mögliche Wechselwirkungen hin. Sie empfehlen, auch aus diesem Grund, stets auf die Gesundheit der Halswirbelsäule sowie der Schulterpartien zu achten. Eine gesunde und aufrechte Haltung während des gesamten Lebens kann viel dazu beitragen. Ebenso kann vermutlich das Vermeiden von Übergewicht (ARTHROSE-INFO Nr. 21) eine wichtige vorbeugende Maßnahme für die Gesunderhaltung der Hände sein.