Nicht jeder Patient kann operiert werden – und nicht jeder möchte operiert werden. Was aber tun, wenn scheinbar schon alles versucht worden ist? Gibt es eine Methode, die dennoch helfen könnte? Seit Jahren erreichen uns immer wieder einzelne Leserbriefe, dass eine Röntgenreizbestrahlung bei Arthrose gut geholfen hat. Gern möchten wir nun einmal einige wissenswerte Tipps zu dieser hoffnungsvollen Behandlung vorstellen. Wem kann sie empfohlen werden, wie oft hilft sie und wie viele Jahre hält die Wirkung an? Den vielen Experten, die uns beraten haben, danken wir sehr herzlich. Auch auf Ihre Erfahrungsberichte, liebe Mitglieder und Freunde, freuen wir uns schon sehr.
Röntgenstrahlen wurden vor über hundert Jahren entdeckt und sind schon von Anfang an in der Diagnostik eingesetzt worden. In der Therapie gibt es zwei große Anwendungsbereiche mit ganz unterschiedlicher Dosis und Energie. Bei „gutartigen Veränderungen des Bewegungsapparats“, zu denen auch Arthrose zählt, werden nur „schwache“ Röntgenstrahlen eingesetzt. Um diese von anderen Anwendungen zu unterscheiden, verwenden viele gern den Begriff „Schmerzbestrahlung“. Andere nennen sie „Röntgenreizbestrahlung“, „Strahlentherapie“ oder neuerdings international „Radiotherapie“ („RT“).
Wenn ein Arthrose-Gelenk anschwillt und jede Bewegung schmerzt, wenn sich vermehrt wässrige Gelenkflüssigkeit bildet („Erguss“, eventuell „Baker-Zyste“), dann ist die Ursache meist ein akuter Entzündungsschub. Fast immer wird dieser durch eine Überlastung ausgelöst. Diese kann Minuten, Stunden oder gar Tage zurückliegen. Eine Bestrahlung mit niedrig dosierten Strahlen kann Gelenkentzündungen oft erstaunlich gut auflösen, wodurch viele Betroffene wieder beschwerdefrei werden. Nicht beeinflusst werden können hingegen Knochenschmerzen, gegen die nur Schonung helfen kann.
In den ärztlichen Leitlinien für Strahlentherapie gutartiger Erkrankungen des Bewegungsapparats wird von der Expertenkommission bestätigt, dass eine Strahlentherapie bei Arthrose in den peripheren Gelenken der Arme und der Beine wirksam sein kann. Somit können sowohl kleine als auch große Gelenke behandelt werden. Die Experten beschreiben dabei besonders die Wirkung an Finger-, Hand- und Ellenbogengelenken sowie an Knie-, Sprung- und Zehengelenken. NICHT behandelt werden sollte hingegen die WIRBELSÄULE (also HWS, BWS, LWS und das BECKEN).
Im Bereich der Radiologie gibt es in zwischen eine Spezialisierung für Diagnostik (Fachärzte für Radiologie) und eine für Therapie (Fachärzte für Strahlentherapie usw.). Letztere können sowohl gutartige Veränderungen wie die Gelenkentzündungen bei Arthrose behandeln (mit niedrig dosierten Strahlen) als auch – besonders häufig – alle Arten von Tumoren (typischerweise mit höherer Strahlendosis). Bei Arthrose stellen auch viele Hausärzte die Überweisung zur Strahlentherapie aus. Deutschlandweit gibt es über 300 Praxen und Institute, die alle auch Arthrose-Bestrahlungen durchführen.
Bei jeder Behandlung mit Röntgenstrahlen fragen Patienten und Ärzte zurecht nach der Sicherheit und Unbedenklichkeit dieser Methode. Interessanterweise nimmt die Sicherheit mit zunehmendem Lebensalter immer weiter zu. In den im Tipp Nr. 3 erwähnten Leitlinien nennt die Experten-Kommission der Deutschen Gesellschaft für Radiotherapie (DEGRO) bei bestimmten Anwendungen als Untergrenze bereits das 40. Lebensjahr. Um bei Arthrose noch sicherer zu sein, empfehlen wir, eine therapeutische Röntgenbestrahlung in der Regel erst ab dem 60. Lebensjahr durchzuführen.
Bei der Einschätzung von Nebenwirkungen wird man auch an den Vergleich mit großen Operationen, wie z. B. dem Einsetzen eines künstlichen Hüft- oder Kniegelenks, denken. Wie jeder Patient weiß, können bei Endoprothesen-Operationen bedeutende Komplikationen auftreten. Hierzu zählen Infektionen, Prothesenlockerung, ja auch das eigentliche OP-Risiko. Eine oder mehrere dieser Komplikationen können bei einem von hundert Operierten auftreten. Bei einer Schmerzbestrahlung ist das Risiko wesentlich geringer. Es wird auf eins zu tausend geschätzt und ist somit deutlich kleiner.
Eine Schmerzbestrahlung bei Arthrose wird erst empfohlen, wenn alle anderen konservativen Maßnahmen versucht worden sind. Bekanntermaßen klingen die meisten Entzündungen ab, wenn das arthrosegeschädigte Gelenk systematisch geschützt wird, d. h. wenn die bisherige Beanspruchung um mindestens ein Drittel vermindert wird. Besteht Übergewicht? Auch die Normalisierung des Körpergewichts ist bei allen Arthrosen hilfreich. Daneben sollten auch alle Möglichkeiten der Behandlung mit Physiotherapie, mit Ergotherapie, mit Packungen, Bädern, Gels und Medikamenten ausgeschöpft sein.
Eine Schmerzbestrahlung wird immer als Serie von meist sechs sehr kurzen Bestrahlungen durchgeführt. Die Behandlung wird also auf mehre Sitzungen aufgeteilt („fraktioniert“). In der Regel werden die sechs Sitzungen auf zwei bis drei Wochen verteilt. Dies ist wichtig zu wissen. Denn für manche Patienten ist es kein ganz geringer Aufwand, sechs Arzttermine in so kurzen zeitlichen Abständen zu organisieren. Dennoch werden viele diesen Aufwand gern auf sich nehmen, wenn damit die seit Wochen, Monaten oder gar Jahren bestehenden und immer wiederkehrenden Schmerzen gelindert werden können.
Auch muss man beachten, dass die Wirkung, also der Erfolg, typischerweise erst nach Tagen und Wochen zunehmend eintritt. Die Röntgenstrahlen werden so dosiert, dass sie viele Stoffwechselvorgänge im Entzündungs-Gewebe anstoßen, die Entzündungszellen schwächen und die Abwehrzellen stärken. Diese Vorgänge brauchen Zeit und erklären die auffallende zeitliche Verzögerung. Erfreulicherweise berichten Strahlentherapeuten dann, dass nach mehreren Wochen bei etwa der Hälfte ihrer Arthrose-Patienten eine Besserung eintritt, wobei die Angaben von 30 bis 80% reichen.
Aber es gibt auch Patienten, bei denen die sechs Bestrahlungen keine Wirkung zeigen. Um ganz sicherzugehen, wird dann meist gewartet, bis zwei oder drei Monate nach der letzten Bestrahlung vergangen sind. Dann wird die ganze Serie mit sechs Sitzungen wiederholt. Erfreulicherweise berichten viele Patienten nach der zweiten Serie doch noch über eine Besserung ihrer Beschwerden, auch wenn diese erst mit Verzögerung eintritt. Wer also nach dem ersten Bestrahlungszyklus Geduld bewahrt, kann bei einer zweiten Serie oftmals noch Besserung erfahren.
ALTE, NEUE METHODE! Jedes Jahr werden in Deutschland schätzungs weise 300.000 Schmerzbestrahlungen (Röntgenreizbestrahlungen) bei rund 50.000 Patienten durchgeführt. Dies betrifft alle gutartigen Veränderungen, die meisten bei Arthrose. Manche Studien berichten, dass die Wirkung 5 Jahre und länger anhält. Leider sehen die Strahlentherapeuten die Patienten meist nicht wieder selbst nach Abschluss der Bestrahlungsserie. Um diese wichtige Methode weiter zu verbessern, bitten wir herzlich darum, den Therapeuten am besten jährlich per Brief oder E-Mail das Ergebnis mitzuteilen.
Ein großes Glück der Deutschen Arthrose-Hilfe ist es, liebe Mitglieder und Freunde, dass wir immer wieder auch Ihre persönlichen Erfahrungen anonymisiert veröffentlichen können. Diese werden von vielen Leserinnen und Lesern als besonders alltagsnah hoch geschätzt und im ARTHROSE-INFO oft sogar als Erstes gelesen. Wenn Sie Radiotherapie gegen Ihre Schmerzen schon selbst versucht haben oder gar eine Operation vermeiden konnten, danken wir Ihnen sehr herzlich für Ihre Mitteilung. Jeder Erfahrungsbericht, ob positiv oder negativ, ist wertvoll und hilfreich für die weitere Forschung!