Praktische Tipps für die künstlichen Gelenke

Für erfahrene Operateure ist das Einsetzen eines künstlichen Gelenks heute zu einem Routineeingriff geworden. Dennoch handelt es sich dabei um eine große Operation! Zum Gelingen des Eingriffs und zur Vermeidung von Komplikationen kann jeder Patient selbst viel beitragen. In neuester Zeit haben sich hierzu weitere bedeutende Veränderungen ergeben, über die wir im Folgenden ebenfalls berichten möchten.

1. Jährlich weitere 400.000 Erst-Prothesen

Mehrere Millionen Menschen in Deutschland besitzen bereits ein künstliches Gelenk. Besonders häufig werden Hüft- und Kniegelenke ersetzt. Aber auch Schulter- und Sprunggelenke können in bestimmten Fällen ersetzt werden. Insgesamt erhalten jedes Jahr in Deutschland weitere 430.000 Patienten einen künstlichen Ersatz für ihr schwerst arthrosebetroffenes Gelenk. Eine gigantische Zahl! Durch ein bundesweites Register („EPRD“) werden heute immer mehr Eingriffe systematisch erfasst. Allen Mitgliedern, die uns die Anschubfinanzierung des EPRD ermöglicht haben, danken wir sehr.

2. Zusätzlich über 60.000 Wechsel-Operationen

Stetig wird an weiteren Verbesserungen der künstlichen Gelenke gearbeitet. Wichtige Ziele sind die Vermeidung von Operations-Komplikationen und die Verlängerung der Haltbarkeit. Immer noch ist jedes Jahr bei über 60.000 Patienten eine Wechseloperation erforderlich! Das erste künstliche Gelenk hat sich hier meist entweder gelockert, ist abgenutzt oder hat sich infiziert. Eine Wechsel-Operation ist in der Regel ein deutlich größerer Eingriff als die Erst-Operation. Auch ist die Belastbarkeit der zweiten Prothese deutlich geringer. Was kann man nun selbst für die lange Haltbarkeit der Erst-Prothese tun?

3. Diabetes einstellen, Blutarmut behandeln

Das Einsetzen eines künstlichen Gelenks bei schwerster Arthrose sollte nicht überstürzt, sondern gut vorbereitet werden. Hierzu gehört auch eine internistische Untersuchung mehrere Wochen vor dem Eingriff. Ist z. B. ein Diabetes (Zuckerkrankheit) bekannt und sind die Werte optimal eingestellt? Oder besteht eine „Anämie“ (Blutarmut), d. h. ist die Zahl der roten Blutkörperchen deutlich vermindert, was man am sogenannten „Hb-Wert“ erkennen kann? In diesen und vielen weiteren Fällen kann eine sorgfältige Vorbehandlung das spätere Operationsergebnis wesentlich verbessern.

4. Rauchen?

Raucher haben ein erhöhtes Operations-Risiko. Jeder, der selbst Raucher ist oder es einmal war, weiß, dass Rauchen süchtig macht. Für viele ist es deshalb nicht leicht, das Rauchen aufzugeben. Aber wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Immer wieder berichten Betroffene, dass sie – als sie einmal den Entschluss gefasst hatten – von einem auf den anderen Tag das Rauchen vollständig aufgegeben haben. Eine hilfreiche Methode haben wir auch in unserem Buchtipp im ARTHROSE-INFO Nr. 50 beschrieben. Sie ist äußerst wirksam und wurde weltberühmt. Also: nur Mut!

5. Zähne untersuchen lassen

Viele Experten führen diese Gelenk-Operation nur durch, wenn zuvor eine gründliche zahnärztliche Untersuchung erfolgt ist. Für einige Ärzte gehört dazu auch die Anfertigung von sogenannten „Panorama“-Röntgenaufnahmen des gesamten Gebisses. Der Grund: In den Zahnfleischtaschen und den Zahnwurzeln können sich Bakterien befinden, die später zu einer Infektion im Operationsbereich führen könnten. Dies kann selbst dann der Fall sein, wenn man bisher keinerlei Zahn-Beschwerden hatte. Eine sorgfältige zahnärztliche Voruntersuchung ist deshalb auf jeden Fall sehr zu empfehlen.

6. Pilzinfektion, offene Wunde?

Viele Patienten sind sich ihrer Pilzinfektionen in den Zehen-Zwischenräumen kaum bewusst. Durch eine einfache Spray- oder Cremebehandlung sind sie aber innerhalb weniger Tage leicht zu behandeln. Auch andere offene Wunden können ein Risiko darstellen. Wer an Krampfadern oder an Herzschwäche leidet, weiß oft leider nur zu gut, wie groß die Neigung zu „offenen Beinen“ sein kann. Jede Wunde kann jedoch Bakterien enthalten und sollte deshalb vor dem Eingriff sorgfältig behandelt und ausgeheilt werden. So kann man das Risiko einer späteren Infektion verringern.

7. Antiseptische Hautwaschung

„MRSA-Infektion“ ist eine Diagnose, die bei Patienten und Ärzten Schrecken auslöst. Sie steht für eine Ansteckung mit „Antibiotika-resistenten Klinik-Keimen“. Viel zu wenig bekannt ist, dass diese Bakterien oft vom Patienten selbst mit in die Klinik gebracht werden. In den USA ist es deshalb jetzt Pflicht, dass jeder Patient vor der Operation schon zu Hause eine Ganzkörperwaschung mit einer speziellen antiseptischen Lösung durchführt. In Deutschland wird dies ebenfalls von vielen Kliniken – zu Hause oder in der Klinik – empfohlen.

8. Vorbereitendes Training

Wer an Hüfte oder Knie eine schwerste Arthrose hat, kann diese Gelenke kaum noch wesentlich belasten. Sehr von Vorteil ist es aber dennoch, alles zu tun, um die Kondition und Muskelkraft zu verbessern und körperlich in bestmöglicher Verfassung zu sein. Je fitter man ist, umso leichter und besser wird ein großer operativer Eingriff verkraftet. Dies begünstigt auch die Schnelligkeit der Wundheilung. Nach Rücksprache mit dem behandelnden Arzt können z. B. Heimtrainerfahren oder Schwimmen als Vorbereitung besonders geeignet sein.

9. Angst vor der Operation?

Viele Menschen – ja nicht selten sogar die besonders tüchtigen – haben Angst vor einer Operation. Ist es die Angst vor der Narkose? Sind es abschreckende Erlebnisse, die sie von anderen oder in Filmen gehört oder gesehen haben? Eine gute Methode, die auch einer Ministerin half, deren Geschichte wir im ARTHROSE-INFO Nr. 99 vorgestellt haben, ist, bis zum letzten Tag vor der OP einfach weiterzuarbeiten. Das lenkt ab und vermindert die Angst. Nicht selten hören wir danach: „Nie hätte ich gedacht, wie einfach und sicher die Operation eigentlich war!“

10. Schnell wieder aktiv – aber …

Fast alle von uns befragten Experten befürworten heute, dass der Patient bereits am OP-Tag, d. h. wenige Stunden nach der Operation, zum ersten Mal aufsteht und mit Unterstützung einer Physiotherapeutin das Bett für einige Schritte verlassen darf. Dies hilft, das Thrombose-Risiko zu vermindern, und stärkt zugleich das Bewusstsein, dass die bisherigen Arthroseschmerzen nun endgültig der Vergangenheit angehören. Für viele Betroffene ist dies ein ganz besonderer Moment, für den sie für immer dankbar sein werden.

11. Ambulante oder stationäre Reha?

Geschätzt wird, dass besonders in den Städten mit ihren kürzeren Wegen die Reha nach dem Verlassen der Operationsklinik heute von etwa 20 Prozent der Patienten ambulant durchgeführt wird. Dabei wird man als Patient in kleinen Bussen morgens von zu Hause abgeholt, während des Tages versorgt und behandelt und abends wieder nach Hause gebracht. Wer aber in oberen Stockwerken mit vielen Treppen und ohne Aufzug wohnt und auch sonst auf Hilfe angewiesen ist oder wer mit dem Fahrdienst eine weite und holprige Fahrstrecke zurücklegen muss, für den ist die stationäre Reha vorzuziehen.

12. In der Reha nicht zu ehrgeizig sein

Die meisten Patienten bevorzugen nach wie vor die stationäre Reha. Dort können sie sich von der Aufregung und Anstrengung der Operationstage erholen und zugleich wichtige Übungen erlernen. Ganz gleich für welche Reha-Form man sich entscheidet, niemals sollte man sich von jenen Mitpatienten anstecken lassen, die die aktivsten und schnellsten sein wollen. Eine gute Faustregel ist vielmehr: Man sollte nicht zu den Ehrgeizigsten, aber auch nicht zu den Ängstlichsten gehören. Dann wird man die Heilung fördern und lange Freude am neuen Gelenk haben.