> Sie sind hier: Information | Arthrose-Info Nr. 81 

Praktische Tipps zum Kniescheiben-Gelenk

Knorpelschäden der Kniescheibe können bei vielen jungen Menschen über Jahre hinweg zu Knieschmerzen führen. Noch riskanter ist es jedoch, wenn diese Schäden unbemerkt bleiben und keine Schmerzen verursachen. Dann wird das erkrankte Gelenk oft über lange Zeit zu hoch belastet, wodurch sich die Knorpelschäden immer weiter ausdehnen und schließlich zur Arthrose fürhren können. Im Folgenden beginnen wir mit einigen anatomischen Grundtatsachen und geben danach mehrere nützliche Empfehlungen zur Selbsthilfe. Auch unsere zwölf Tipps zu diesem wichtigen Thema im ARTHROSE-INFO Nr. 32 möchten wir gern nochmals empfehlen.

1. Sehr große Kräfte

Die Kniescheibe ist ein relativ flacher Knochen, der in die Sehne des Streckmuskels eingelagert ist. Erst beim gebeugt belasteten Kniegelenk wird seine Rückfläche mit großer Kraft gegen den Oberschenkelknochen gepresst. Mit diesem bildet sie das Kniescheibengelenk (ärztlich auch „Patellofemoral-Gelenk“ oder „Femoropatellar-Gelenk“ genannt). Bei trainierten Sportlern kann diese Kraft das Zehnfache des Körpergewichts betragen und somit rund eine drei viertel Tonne erreichen! Ein gesundes Knie kann diese hohen Lasten kurzfristig verkraften, ein geschädigtes jedoch nicht.

2. Nur schmale Kontaktzonen

Obwohl sehr große Kräfte auf die Kniescheibe wirken, tritt sie dennoch nie mit ihrer gesamten Rückfläche mit dem Oberschenkel in Kontakt. Vielmehr ist die Kontaktzone, die sogenannte „Kontaktfläche“, meist nur ein schmaler horizontaler (waagerechter) Streifen der Gelenkoberfläche. Bei geringer Beugung wird der untere, bei zunehmender Beugung der obere Teil belastet. Für den Gelenkknorpel hat dies den Vorteil, dass die jeweiligen Bereiche während des Beugevorgangs nur relativ kurz belastet werden und sich die Knorpelzellen somit rasch wieder erholen können.

3. Druckverteilung 1 – im gesunden Gelenk

Der gesunde Gelenkknorpel der Kniescheibe ist relativ dick, glatt und hat eine gut puffernde Eigenschaft. Dadurch verteilt sich die Gesamtkraft gleichmäßig über die Kontaktfläche. Alle Knorpelzellen der jeweiligen Kontaktzone werden somit gleich hoch belastet. Der „Kontaktdruck“ im gesunden Gelenk ist daher erstaunlich gleichförmig, was bedeutet, dass Spitzenbelastungen vermieden werden. Am erkrankten Knie verändert sich dies aber auf dramatische Weise, wie wir im Folgenden sehen.

4. Druckverteilung 2 – im geschädigten Gelenk

Wenn ein Knorpelbezirk erkrankt, bildet sich dort zunächst eine Erweichung und ab Stadium III ein Loch („Defekt“). Im erkrankten Bezirk kann dann nur noch geringe oder sogar gar keine Kraft mehr übertragen werden. Stattdessen kann nun im noch gesunden Bereich des Knorpels ein deutlich erhöhter Kontaktdruck auftreten und diese Stelle auf Dauer schädigen. Um dies zu vermeiden, müssen erkrankte Gelenke unbedingt vor hoher Beanspruchung im Alltag oder beim Sport geschützt werden, da sich sonst der Schaden immer weiter ausdehnt.

5. Typisch: Schmerzen beim Bergabgehen

Typisch bei Knorpelschäden der Kniescheibe sind Schmerzen beim Bergabgehen. Wanderer und Bergsteiger stellen fest, dass sie zwar beschwerdefrei bergauf gehen können, beim Abstieg verspüren sie aber plötzlich heftige Schmerzen, obwohl das Bergabgehen ja eigentlich leichter sein sollte. Auch auf geteerten Straßen und beim Treppengehen spüren viele Patienten diesen typischen Schmerz. Die besondere Lage der Kontaktfläche (Tipp 2) könnte dafür verantwortlich sein, da sie bei geringer Kniebeugung zu einer besonderen Biegebelastung der Kniescheibe führt.

6. Wie sichert der Arzt die Diagnose?

Wenn der Verdacht auf einen Knorpelschaden der Kniescheibe besteht, wird heute meist nach speziellen Röntgenaufnahmen zunächst eine MRT-Untersuchung durchgeführt. Sie hat den Vorteil, dass sie deutliche Bilder der Knorpelschicht liefert. So können Knorpelschäden ab einer bestimmten Größe und Tiefe sehr genau erkannt werden. Eine Gelenkspiegelung (Arthroskopie) wird heute meist erst anschließend und vor allem  therapeutisch durchgeführt, wenn sich z. B. größere Knorpelteile abgelöst haben, die aus dem Gelenk entfernt werden müssen.

7. Sofort-Maßnahmen

Schmerzmedikamente sind bei Knorpelschäden an der Patella meist nur kurzfristig empfehlenswert, da sie den Grundschaden nicht beseitigen und den Knorpel möglicherweise biochemisch noch weiter schädigen. Kurz- und langfristig wirksam ist es hingegen, die Belastung des Kniegelenks bei möglichst jeder Beugung systematisch zu vermindern. Durch ein Abstützen mit beiden Händen auf den Stuhllehnen oder Sitzflächen kann beim Aufstehen, welches die Kniescheibe besonders belastet, das betroffene Gelenk vollständig geschont und geschützt werden.

8. Vorsicht beim Aussteigen aus Zügen und Straßenbahnen

Schmerzen an der Kniescheibe können im Verkehr auch gefährlich werden. So muss man beim Aussteigen aus Zügen und Straßenbahnen besonders vorsichtig sein. Nicht selten sind die Stufen steil und schmal, sodass gerade beim Aussteigen die Trittflächen sehr klein sind. Sicherheitshalber sollte man daher betont langsam aussteigen und stets die Haltegriffe benutzen. Bei schweren Koffern werden Mitreisende sicherlich gern behilflich sein. Auch der im INFO Nr. 7 beschriebene „Haus-zu-Haus-Gepäckservice“ der Deutschen Bahn kann nützlich sein und das Reisen erleichtern.

9. Die optimale Fußstellung ausprobieren

Wer nicht an einem, sondern an bei-den Kniegelenken betroffen ist – oder Schmerzen an den Händen hat –, kann die nötige Entlastung oft nicht so einfach erzielen. Dann kann der folgende Hinweis hilfreich sein: Beim Sitzen mit gebeugten Knien kann man die Fußspitzen gerade nach vorn stellen oder nach außen bzw. nach innen drehen. Bei manchen Patienten vermindert es die Schmerzen beim Aufstehen, wenn die Fußspitzen ein wenig nach innen gedreht werden. Deshalb ist es empfehlenswert, einmal unterschiedliche Fußpositionen auszuprobieren.

10. Wohldosierter Muskelaufbau

Zur Behandlung der Knorpelschäden gehört neben ärztlichen Maßnahmen auch ein dosierter Muskelaufbau. Unter physiotherapeutischer Anleitung werden dabei vor allem bestimmte Oberschenkel- und Hüftmuskeln gekräftigt. In allen Fällen empfiehlt es sich, den Aufbau mit kleinsten Belastungen zu beginnen, die Übungen betont langsam durchzuführen und darauf zu achten, dass keine Schmerzen auftreten. Der neu gewonnene Kraftzuwachs darf danach nur dem Schutz des Gelenks dienen und nicht zur vermehrten Belastung im Alltag oder beim Sport genutzt werden.

11. Passende Berufswahl

Obwohl bereits über 140 verschiedene Operationsmethoden entwickelt worden sind, kann vielen jungen Patienten mit Knorpelschäden an der Kniescheibe auch heute noch keine dauerhafte Heilung ihres Knorpelschadens verbindlich in Aussicht gestellt werden. Für alle betroffenen Jugendlichen, die vor ihrer Berufswahl stehen, gilt daher: Alle handwerklichen Berufe, in denen die Knie in Beugung hoch belastet werden, sollten vermieden werden. Stattdessen sollten sie eher eine Ausbildung anstreben, die vorwiegend mit sitzenden oder stehenden Tätigkeiten verbunden ist.

12. Heilung durch Knorpelzüchtung?

Die Verlagerung der Sehne des Streckmuskels, das Einsetzen oder Entnehmen von Knochen-Keilen sowie die Durchtrennung der seitlichen Gelenkkapsel sind z. T. große operative Eingriffe, die aber leider nicht sicher zum Erfolg führen. Auch wird versucht, den freiliegenden Knochen durch Mikrofrakturierung zur Neubildung von Knorpel anzuregen. Große Erwartungen richten sich neuerdings darauf, Knorpelzellen nachzuzüchten. Diese hoffnungsvollen Verfahren sind aber noch „experimentell“ bzw. „investigativ“ und befinden sich noch im Stadium der Erforschung und Erprobung.