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Praktische Tipps bei Kniescheiben-Ausrenkung

„Ich bin schon wieder hingefallen, und der Arzt sagt, es liegt an der Kniescheibe!“ Dies sind Sätze, die bei Angehörigen und Freunden oft Verwunderung auslösen. Warum ist für ein sicheres Gehen und für die Kraft in den Beinen gerade die Kniescheibe so wichtig? Als großer, freier Knochen hat die Kniescheibe mehrere wichtige Funktionen. Sie schützt die breiten Knorpelflächen des Kniegelenks gegen Stöße von außen, sie erhöht die Kraft des starken Streckmuskels durch ihre Hebelwirkung und nicht zuletzt führt sie die Sehne des Streckmuskels sicher vom Ober- zum Unterschenkel. Wann aber ist gerade diese Stabilität gefährdet? Warum kann sich die Kniescheibe ausrenken und zu Stürzen führen, und wer ist besonders oft betroffen? Mit freundlicher Unterstützung vieler führender Spezialisten stellen wir hierzu einige äußerst interessante und wissenswerte Tipps vor.

1. Welche Form haben meine Beine?

„Schielende Kniescheiben“ und „X-Beine“ können wichtige Risikofaktoren für die Ausrenkung der Kniescheibe sein. Was versteht man darunter? Bei manchen hochgewachsenen Menschen berühren sich die Knie im Stehen nicht. Vielmehr lassen sie sich nach hinten und seitlich weit auseinanderdrücken, wodurch sich die Kniescheiben schräg „anzuschauen“ scheinen. Der Arzt spricht dann von „schielenden Kniescheiben“. Wenn die Beine andererseits eine X-Bein-Form haben, berühren sich zwar die Knie, die Füße bleiben jedoch weit auseinander und kommen nicht in Kontakt.

2. „Wahnsinnige Schmerzen“?

„Wahnsinnige Schmerzen“ ist nicht selten die Beschreibung, wenn eine Kniescheibe das erste Mal ausrenkt. Dabei hätte der Anlass meist nicht harmloser sein können. Man ist eigentlich nur gestolpert, eine kleine Stufe hinuntergehüpft oder im Spiel gestürzt. Oft treten dabei heftigste Schmerzen auf, die ein Weitergehen absolut unmöglich machen. So mancher Sportler muss sogar mit einer Trage vom Spielfeld getragen werden. Beim zweiten oder dritten Ausrenken sind die Schmerzen meist geringer. Wie wird die gesunde Kniescheibe normalerweise gegen ein Ausrenken geschützt?

3. Druckverteilung 1 – im gesunden Gelenk

Die Kniescheibe ist nur dann stabil und gegen ein Ausrenken geschützt, wenn sie selbst und auch ihr Gleitlager eine bestimmte Form haben. Idealerweise hat das Gleitlager eine tiefe zentrale Einbuchtung und einen deutlich erhöhten außenseitigen Hügel. Beides gewährt einen wichtigen Schutz gegen das seitliche Herausspringen der Kniescheibe. Einen gewissen zusätzlichen Halt erhält die Kniescheibe auch durch ein horizontales Band, das der Arzt „MPFL“ (mediales patello-femorales Ligament) nennt. Am wichtigsten ist aber die Form des Gleitlagers.

4. Wenn das Gleitlager zu flach ist

Nicht bei jedem Menschen besitzen Kniescheibe und Gleitlager diese ideale Stellung und Form. Vielmehr gibt es viele Zwischenformen, im Extremfall bis hin zur vollständigen Abflachung („Dysplasie“), die der Kniescheibe keinerlei seitlichen Halt geben kann. Je flacher das Gleitlager, umso jünger sind die Betroffenen und umso eher genügen oft schon einfache Drehbewegungen, um die Kniescheibe auszurenken. Bei jeder Ausrenkung können nicht nur bestimmte Bänder reißen. Auch der Gelenkknorpel unter der Kniescheibe kann schwer verletzt werden, wie wir im Folgenden sehen.

5. MRT innerhalb der ersten drei Tage

Warum sollte bei jeder Kniescheiben-Ausrenkung möglichst schnell ein MRT (Magnet-Resonanz-Tomographie oder Kernspin) durchgeführt werden? Bei jeder Ausrenkung können nicht nur Bänder reißen, sondern auch Teile des Gelenkknorpels abgespalten werden, die wenn möglich rasch wieder fixiert werden müssen. Beide Verletzungen sind nur auf MRT-Aufnahmen sichtbar, nicht jedoch auf Röntgenbildern. Die Durchführung einer MRT-Untersuchung ist deshalb äußerst wichtig und dringlich. Sie sollte möglichst bereits innerhalb der ersten drei Tage erfolgen.

6. Gelenkspiegelung: drei Ziele

Das abgetrennte Knorpelfragment kann manchmal wieder befestigt werden. Dazu werden bei einer Gelenkspiegelung sich-selbst-auflösende feine Schräubchen oder sogenannte Fibrin-Kleber verwendet (1). Ebenso kann auch ein gerissenes Band genäht und verstärkt werden (2). Ist es zu einer Blutung ins Gelenk gekommen („blutiger Erguss“), müssen zudem alle Blutreste sorgfältig durch Spülung entfernt werden. Dies ist wichtig, um eine spätere Arthrose zu vermeiden, da Blutreste die Knorpelflächen chemisch angreifen und schädigen können.

7. Bei wiederholter Ausrenkung

Wiederholt sich eine Kniescheiben-Ausrenkung mehrfach innerhalb weniger Monate, so empfehlen die meisten Fachleute eine größere Operation. Die Zahl der möglichen OP-Varianten wird auf über 100 geschätzt! Bei Erwachsenen stabilisieren manche Experten die Kniescheibe, z. B. indem sie u. a. den Ansatzpunkt der Streckersehne (des sogenannten Kniescheiben-Bands) am Schienbein verschieben und mit Schrauben neu befestigen. Dieser große Eingriff sollte nur von ausgewiesenen Spezialisten durchgeführt werden. Er wird auch als „Tuberositas-Verlagerung“ bezeichnet.

8. Aufbau des Gleitlagers?

Von den renommierten französischen Kniespezialisten in Lyon ausgehend wurden weitere Verfahren entwickelt. Dabei wird versucht, entweder die Rinne des Gleitlagers zu vertiefen oder das Gleitlager durch Unterfütterung mit Knochengewebe seitlich aufzubauen und zu modellieren. Diese Verfahren („Trochlea-Vertiefungs-Plastik“ oder „Trochlea-Aufbau“) werden von einigen wenigen Operateuren angewendet. Auch diese Methoden sollten nur von äußerst erfahrenen Knie-Spezialisten durchgeführt werden.

9. Wichtig zu wissen

Die Ausrenkung der Kniescheibe – und erst recht eine wiederholte Voll- oder Teil-Ausrenkung – stellt ein beträchtliches Arthrose-Risiko dar. Fast ein Drittel aller Patienten (30 Prozent) erkrankt später an einer Arthrose zumindest des Kniescheibengelenks. Jede Ausrenkung sollte deshalb als bedeutendes Ereignis von ausgewiesenen Spezialisten behandelt werden.

10. Konservative Behandlung

Wenn konservativ behandelt werden kann (MRT unauffällig, kein blutiger Erguss), ist nach der Ruhigstellung auch eine regelmäßige physiotherapeutische Behandlung erforderlich. Eine mögliche Übung in Rückenlage ist dabei die folgende:

  1. Das erkrankte Bein wird gestreckt nach außen gedreht, sodass der Innenknöchel nach oben zeigt, und der Fuß nach oben gezogen.
  2. Mit der Ferse schreibt man dann zuerst den eigenen Namen sowie danach die ganze Adresse in die Luft.

Damit wird eine wichtige Partie des Kniestreckmuskels trainiert.

11. Was man beim Aufstehen beachten sollte

Beim Aufstehen aus dem Sitzen sollte man nie die Füße nach außen drehen, da dies die Ausrenkungsneigung verstärken könnte. Sicherer ist es, die Füße vielmehr etwa 10 Grad nach innen zu drehen, denn dies wirkt ähnlich positiv wie eine Versetzung der Kniescheiben-Sehne (siehe Tipp Nr. 7). Noch sicherer und leicht einzuüben ist es, das betroffene Bein beim Aufstehen gar nicht zu benutzen, sondern es anzuheben und sich mit beiden Händen abzustützen. So hat man die beste Gewähr, dass das gefährdete Kniescheibengelenk vollkommen geschont und entlastet wird.

12. Radfahren mit niedrigem Sattel

Das größte Risiko für die Ausrenkung der Kniescheibe besteht bei Belastung des leicht gebeugten Knies (10 – 30 Grad). Beim Fahrradfahren empfiehlt es sich deshalb bei bekanntem Risiko (siehe Tipp Nr. 1), den Sattel so tief wie möglich einzustellen und mit gebeugten Knien zu fahren. Auch sollte man betont defensiv fahren und plötzliches Abbremsen vermeiden. Des Weiteren ist es ratsam, beim Absteigen stets vorsichtig zu sein und Drehbewegungen und Hüpfen zu vermeiden. Dann kann man diesen schönen Sport mit Freude genießen und viel für seine Gesundheit tun.