Künstliche Hüftgelenke haben bereits Millionen von Menschen ein neues Leben geschenkt. Selbst stärkste Schmerzen, gegen die alle konservativen Behandlungen vergebens geblieben waren, konnten und können damit in den meisten Fällen gelindert oder ganz beseitigt werden. Trotz der bisherigen großen Erfolge arbeiten Ärzte, Ingenieure, Biochemiker und Pharmakologen immer weiter an Verbesserungen. In der heutigen Ausgabe der Praktischen Tipps stellen wir einige neue Tendenzen vor und geben gleichzeitig auch viele nützliche Tipps zur Vorbereitung auf diesen nach wie vor bedeutenden Eingriff. Gerne dürfen wir auch auf alle bisherigen Kapitel zu diesem wichtigen Thema nochmals hinweisen (siehe beide Bände der Gesamtausgabe). Als Grundlage der heutigen Darstellung sind sie sehr empfehlenswert
Mit einer künstlichen Hüfte werden Gelenkkopf und Gelenkpfanne ersetzt. Für den Gelenkkopf wird heute oft eine moderne, bruchsichere Keramik verwendet. Die Gelenkpfanne hingegen besitzt bei vielen Modellen eine innere Schicht („Inlay“) aus Kunststoff, dem sogenannten hochvernetzten Polyethylen. Diese Kombination von Keramik-Kopf und Kunststoff-Inlay zeigt nur eine geringe Reibung und wenig Abrieb. Dies führt zu einer langen Haltbarkeit des neuen Gelenks. Wenige Experten bevorzugen Metall-Köpfe bei diesen Kunststoff-Inlays und bei Keramik-Köpfen auch Inlays aus Keramik.
Der erwähnte Hüftkopf aus Keramik wird vom Schaft aus Metall getragen. Dieser wird im Oberschenkelknochen verankert. Lange Zeit wurde darum gerungen, ob diese Verankerung mit oder ohne Knochenzement zu erfolgen hat. Inzwischen bevorzugen viele Experten die Verankerung ohne Zement bei jungen Patienten sowie bei kurzen Prothesen, da diese so leichter einzusetzen und zu entfernen sind. Ob Zement verwendet wird oder nicht scheint keinen Einfluss auf die Haltbarkeit zu haben. Bei älteren Patienten, bei Osteoporose und bei Wechsel-Operationen wird Knochenzement fast immer verwendet.
Der erwähnte Schaft besitzt traditionell eine bedeutende Länge, sodass er besonders stabil im Oberschenkelknochen verankert werden kann. Inzwischen werden aber auch sogenannte Kurzschaft-Prothesen verwendet. Sie sind leichter einzusetzen. Dies verkürzt die Dauer der Operation, des Klinikaufenthalts und der Rehabilitation. Ihre langjährige Haltbarkeit ist jedoch noch nicht eindeutig bewiesen. In schätzungsweise 85 (!) Prozent aller Fälle werden deshalb die seit Jahrzehnten bewährten Standard-Prothesen eingesetzt, Kurzschaft-Prothesen bei nur etwa 15 Prozent der Patienten.
Eine erstaunliche Neuerung stellt die Verwendung dieses Medikaments dar. Als großen Vorteil sehen viele Ärzte, dass dadurch der Blutverlust während der Operation vermindert wird. Auch nach der Operation bilden sich meist weniger Nachblutungen („Hämatome“). Beides trägt zu einer Verkürzung des Klinikaufenthalts bei. Allerdings weist das Bundesinstitut BfArM auf die Notwendigkeit einer besonderen Sorgfalt bei der Anwendung hin (Schreiben vom 27.10.2020). Wir empfehlen weitere wissenschaftliche Studien, da es in einer Universitäts-Klinik zu einer Lungenembolie gekommen ist.
Muskelschonendes Operieren und Tranexamsäure führen auch dazu, dass die Patienten meist schon sofort am OP-Tag mit Unterstützung der Physiotherapeuten aufstehen und voll auftreten können. Das Einsetzen einer Drainage ist bei Verwendung der Tranexamsäure nur selten erforderlich. So manche Experten bestätigen uns, dass sie sogar auf einen eigentlichen Verband verzichten und stattdessen nur ein einfaches Wundpflaster verwenden. Um sich an das neue Gelenk zu gewöhnen, wird zur Sicherheit für längere Zeit aber stets das Abstützen auf zwei Unterarmgehstützen empfohlen.
Die genannten Neuerungen führen dazu, dass der Aufenthalt in der OP-Klinik deutlich verkürzt werden kann. In so mancher Klinik beträgt er heute sogar nur noch vier Tage, in anderen etwa sieben oder acht Tage. Wegen dieser kurzen Zeit wird oft auch der englische Ausdruck „Fast Track“-Operieren verwendet. Diese frühe Entlassung nach der Operation ist natürlich nur möglich, wenn zu Hause eine umfassende Unterstützung gegeben ist oder wenn sich die Reha nahtlos anschließen kann. Dies alles muss bereits vor der Operation sorgfältig abgeklärt und gut organisiert werden.
Das Einsetzen eines künstlichen Gelenks ist trotz aller Fortschritte keine Bagatelle. Komplikationen sind zwar selten. Aber wenn sie auftreten, können sie leider äußerst schwerwiegend sein. Es kann zu Lungenembolien und Herzinfarkten kommen. Und um die Prothese herum können sich bakterielle Infektionen bilden. Die Folgen einer„periprothetischen“ Infektion haben wir bereits mehrfach beschrieben. Sie können dazu führen, dass das Gelenk für längere Zeit vollständig entfernt werden muss und dass auch eine danach eingesetzte Prothese eine deutlich geringere Haltbarkeit besitzt.
Eine gesunde Ernährung, die Anpassung des Körpergewichts an Normalwerte und auch eine einübende Physiotherapie können wichtig sein und gehören zu der sogenannten „Prä-Habilitation“. Bietet die Klinik spezielle Schulungen an, empfiehlt es sich, diese unbedingt wahrzunehmen. Oft werden sie etwa eine Woche vor dem Eingriff durchgeführt. Wie schon erwähnt, sollte vor dem Eingriff auch zu Hause alles gut vorbereitet und organisiert werden. Zudem sind zusammen mit der Operationsklinik die Termine für die spätere ambulante oder stationäre Reha möglichst verbindlich zu vereinbaren.
Zu einer guten Vorbereitung gehören auch viele Maßnahmen zur Vermeidung von bakteriellen Infektionen. In mehreren ARTHROSE-INFOS haben wir diese bereits ausführlich vorgestellt. Besonders zu erwähnen ist eine rechtzeitige Untersuchung der Zähne, um versteckte Bakterienherde entdecken und beseitigen zu können. Auch Rauchen stellt ein bedeutendes Risiko dar. Viele Experten äußern deshalb immer wieder die Empfehlung, rechtzeitig vor der Operation das Rauchen einzustellen. Damit kann man die Wund-Heilung und die knöcherne Einheilung der Endoprothese verbessern.
Leicht nachvollziehbar ist, dass auch genügend Sauerstoff für die Heilung nach diesem Eingriff von Vorteil ist. Im Blut werden dafür die sogenannten roten Blutkörperchen, die „Erythrozyten“, benötigt. Deshalb wird bei Blutuntersuchungen der sogenannte Hb-Wert bestimmt. Bei Frauen sollte er über zwölf und bei Männern über dreizehn liegen. Wenn diese Werte nicht erreicht werden und insbesondere wenn sie deutlich unterschritten sind, kann die Ursache ein bestehender Eisenmangel sein. Durch Medikamente oder Infusionen kann dieser rechtzeitig vor der Operation behoben werden.
Wie kann man erfahrene Operateure finden? Der eigene Hausarzt oder Orthopäde, aber auch die Deutsche Arthrose-Hilfe sind gerne bereit, gute Erfahrungen, die andere Patienten gemacht haben, weiterzugeben. Etwas skeptisch kann man bei Zeitungs-, Zeitschriften- und Fernsehberichten sein, wenn sie ein wenig nach Reklame klingen. So manche Ankündigungen von Vorträgen sowie von „Weltneuheiten“ gehören leider in diese Kategorie. Erfahrene und erfolgreiche Operateure werden gern weiterempfohlen. Sie bevorzugen Methoden, deren Qualität seit Jahren wissenschaftlich bewiesen ist.
Die orthopädischen Fachverbände haben sich sehr bemüht, die operativen Kliniken systematisch zu schulen, sie regelmäßig zu prüfen und ihnen dafür ein Zertifikat auszustellen („EndoCert“). Allerdings ist der bürokratische Aufwand nicht gering. Es gibt deshalb bedeutende, ja sehr große Kliniken, die auf EndoCert verzichten und z. B. eine ISO-9001-Zertifizierung für ihr Qualitäts-Management durchführen lassen. Auch die Klinikbewertungen im Internet, in denen andere Betroffene von ihren Erfahrungen während des Klinikaufenthalts berichten, können manchmal nützlich und hilfreich sein.