Deutsche Arthrose-Hilfe e.V. - INFO Nr. 55
Hinter jeder Bandscheibe befinden sich auch zwei Wirbelgelenke. Besonders im Lendenbereich erkranken diese oft an Arthrose. Schmerzen, die dabei ins Bein ausstrahlen, ohne dass eine Nervenwurzel direkt betroffen ist, werden als „pseudo-radikulär“ bezeichnet (siehe ARTHROSE-INFO Nr. 36 und 51). Heute möchten wir uns nun einem immer häufiger festgestellten Krankheitsbild zuwenden, bei dem durch die Arthrose direkt Druck auf die Nerven im Lendenbereich ausgeübt wird. Der Arzt bezeichnet dies als „lumbale Spinal-Stenose“ (enger Wirbelkanal). Die typischen Beschwerden beschreiben wir im Folgenden:
Arthrose der Lendenwirbelsäule, die den Wirbelkanal einengt und so Druck auf die darin verlaufenden Nerven ausübt, betrifft immer häufiger Menschen ab dem 50. Lebensjahr. Während akute Bandscheiben-Vorfälle vor allem bei jüngeren Menschen vorkommen, ist die lumbale Spinal-Stenose die häufigste Wirbelsäulen-Erkrankung jenseits des 50. Lebensjahrs. In manchen Kliniken werden heute bereits mehr Patienten wegen einer Spinal-Stenose behandelt als wegen eines Bandscheiben-Vorfalls. Nur in seltenen Fällen tritt die Spinal-Stenose bereits in jüngeren Jahren auf.
Auffälliges Haupt-Symptom der Spinal-Stenose ist die zunehmende Verkürzung der Gehstrecke: „Ich kann stundenlang Rad fahren, aber nur noch 200 Meter gehen!“, berichten viele Betroffene. Anfangs wird oft das Alter als Ursache vermutet. Immer häufiger sind dann aber selbst kurze Strecken, wie beispielsweise der Einkaufsweg, schon nicht mehr zu bewältigen. Viele Betroffene kennen jede Bank auf ihrem Weg, auf der sie sich ausruhen müssen. Andere suchen Schuhgeschäfte auf, um dort auf den Stühlen warten zu können, bis sich die Beschwerden wieder bessern.
Charakteristisch ist dabei ein zunehmendes Kribbeln und Brennen in einem oder beiden Beinen, besonders beim Bergabgehen. Häufig hat man ein Gefühl, „wie auf Gummi zu gehen“. Manchmal sind die „Ischias“-Schmerzen so überwältigend, dass es zu Schweißausbrüchen kommt. Ganz anders als bei der sogenannten Schaufenster-Krankheit, die durch Arterienverkalkung verursacht wird, bessern sich die Beschwerden aber oft beim Nachvornbeugen. So kann das Abstützen nach vorn, z. B. auf den Einkaufswagen, die Beschwerden zeitweilig zum Abklingen bringen.
Diese Beschwerden treten nicht nur beim Gehen auf, sondern auch nach längerem Stehen (und selten auch im Liegen). Da man bei längerem Stehen oft unbewusst eine Hohlkreuzhaltung einnimmt, verengt sich der ohnehin durch die Arthrose eingeengte Spinalkanal und erhöht den Druck auf die darin verlaufenden Nerven. Die „Stehzeit“ verkürzt sich nicht selten auf weniger als zehn Minuten. Dann treten ähnliche Symptome auf wie beim Gehen. Auch dies bedeutet eine hohe Beeinträchtigung des normalen beruflichen und privaten Tagesablaufs und schränkt viele soziale Kontakte ein.
Während ein akuter Bandscheiben-Vorfall zu Lähmungen bestimmter Fuß- und Beinmuskeln führen kann, sind diese bei der Spinal-Stenose sehr viel seltener. Außerdem sind – anders als bei einer Arterienverkalkung – die Gefäße in den Beinen gut durchblutet. Diese charakteristische Unauffälligkeit bei der ärztlichen Untersuchung im Ruhezustand führte dazu, dass die Spinal-Stenose erst seit relativ kurzer Zeit, nämlich erst seit 1955, überhaupt bekannt ist. Den entscheidenden Durchbruch brachten neue diagnostische Methoden. Wie sichert der Arzt heute die Diagnose?
Übliche Röntgen-Aufnahmen der Lendenwirbelsäule sind stets der erste Schritt der weiteren Diagnostik. Sie lassen drei wichtige Informationen erkennen: (1) ob eine Arthrose der Wirbel-Gelenke vorliegt, und wie viele Wirbel-Etagen betroffen sind; (2) ob die Wirbelsäule seitlich verkrümmt ist („degenerative Skoliose“, Abb. links), und (3) ob einzelne Wirbel nach vorn oder hinten verschoben sind („Olisthesis“, Abb. rechts). Zusätzliche Funktions-Röntgen-Aufnahmen können die Instabilität einzelner Wirbel nachweisen. Alle diese Informationen sind für die Therapie von Bedeutung.
Als nächster diagnostischer Schritt wird heute meist eine MRT-Untersuchung durchgeführt (Magnet-Resonanz-Tomographie, auch „Kernspin“ genannt). Auf den MRT-Aufnahmen kann man die Wirbelsäule zusätzlich in einer waagerechten Schnittebene sehen. Damit ist der Wirbelkanal exakt einzusehen. Ferner ist auch erkennbar, welche Wirbel am stärksten eingeengt sind. Das früher vor einer Operation noch durchgeführte Verfahren, bei dem ein sogenanntes Kontrast-Mittel verwendet wurde („Myelogramm“ oder „Myelo-CT“), wird heute meist nicht mehr benötigt.
Bei einer lumbalen Spinal-Stenose wird meist zuerst konservativ behandelt. Dazu gehören kurzzeitig entzündungshemmende Medikamente (z. B. sogenannte NSAR-Medikamente, nicht-steroidale Antirheumatika, INFO Nr. 43 und Nr. 53). Manche Spezialisten führen auch Injektionen in den Wirbelkanal durch. Zur konservativen Behandlung gehört des Weiteren die Krankengymnastik und gelegentlich eine Mieder-Verordnung. Damit wird der Druck auf die eingeengten Nerven vermindert. In hartnäckigen Fällen kann die Behandlung auch stationär erfolgen.
Viele Betroffene werden für Besorgungen und Ausflüge spontan das Fahrrad gegenüber dem Zufußgehen bevorzugen, weil sie dabei oft keinerlei Einschränkungen feststellen werden. Rad fahren ist bei der lumbalen Spinal-Stenose dann besonders günstig, weil man dabei ein Hohlkreuz vermeidet und eher einen leichten Rundrücken macht. Es empfiehlt sich aus diesem Grund, bei einer Spinal-Stenose den Lenker etwas tiefer und den Sattel etwas höher einzustellen.
Bei einer nachgewiesenen Spinal-Stenose sollte man zudem schweres Heben und längeres Überkopfarbeiten besser vermeiden. Längeres Fensterputzen mit lang nach oben gestreckten Armen kann die Symptome auslösen oder verstärken. Viele haben diese Beschwerden auch beim Aufhängen der Wäsche auf der hohen Wäscheleine. Unser Mitglied Frau Brigitte S. aus Kraichtal schildert uns: „Also Wäscheaufhängen ist so ziemlich das Schlimmste von allem!“. Wird die Wäsche hingegen auf einem niedrigen Ständer aufgehängt, ist dies meist eine große Erleichterung.
Dank der Fortschritte der Anästhesie können viele Operationen bei Spinal-Stenose heute auch im höheren Alter durchgeführt werden, sofern der Patient gesund, vital und geistig rege ist. Die einfachste Methode ist die „Mikro-Dekompression“: Dabei wird der überschüssige Knochen sparsam entfernt. Dies kann gleichzeitig an mehreren Gelenken durchgeführt werden. Der Klinikaufenthalt dauert dabei oft nur wenige Tage. Ein wesentlich größerer Eingriff ist die „Dekompression mit Fusion“, die nur erwogen wird, wenn zusätzlich eine bedeutende Instabilität (siehe Tipp Nr. 6) vorliegt.
Die operative Therapie bei der Spinal-Stenose bringt heute oft eine weitgehende Besserung der Haupt-Beschwerden und schenkt vielen Menschen – bis zu 80 Prozent – wieder Beweglichkeit und Unabhängigkeit. Allerdings können nach dem Eingriff kleinere Beschwerden zurückbleiben und werden meist akzeptiert. Schmerzen in den Beinen aufgrund einer Spinal-Stenose muss man heute jedenfalls nicht mehr als „altersbedingt“ hinnehmen. Durch eine operative Dekompression kann die Gehstrecke oft wieder auf durchschnittlich 5000 Meter und die Stehzeit auf über eine Stunde erhöht werden.