Deutsche Arthrose-Hilfe e.V. - Arthrose-Info Nr. 44

Praktische Tipps bei „Hallux valgus“ der Großzehe

Nicht Hunderte, nicht Tausende, sondern Hunderttausende von Menschen allein in Deutschland haben täglich Schmerzen an den Zehen und besonders häufig an der großen Zehe. In den ARTHROSE-INFOS Nr. 24 und 34 haben wir bereits über die Großzehen Arthrose (Hallux rigidus) berichtet. In der heutigen Ausgabe möchten wir uns nun einer noch häufigeren Erkrankung zuwenden, die ihrerseits auch zu Arthrose führen kann: der Ballenbildung oder Schrägstellung der Großzehe, die der Arzt „Hallux valgus“ nennt

1. Äußere Veränderungen

Die große Zehe verläuft normalerweise etwa in gerader Fortsetzung des Mittelfußes. Eine leichte Abweichung bis zu einem Winkel von 10 Grad wird ebenfalls noch als normal angesehen. Beim „Hallux valgus“ (Ballenzehe) zeigt die große Zehe aber einen deutlichen Knick, wobei der sogenannte „Hallux-valgus-Winkel“ 20, 30 oder sogar mehr als 40 Grad betragen kann. Der „Ballen“ ist eigentlich nur der vorstehende Gelenkkopf des Grundgelenks, das durch die Abknickung ungeschützt vorsteht und sich durch Druckbelastung noch zusätzlich entzünden und damit auch verdicken kann.

2. Typische Schmerzen

(1) Schmerzen an der Großzehe: Wenn vom Schuh auf die dünne Haut über dem Ballen Druck ausgeübt wird, wird diese rasch überlastet und entzündet sich. Auch die Bänder und Sehnen der Großzehe werden durch die Knickbildung hoch beansprucht. So wird das innere Seitenband des Gelenks, das normalerweise einen Schutz gegen diese Verbiegung darstellt, erheblich überdehnt. Besonders am Anfang kann dies heftige Schmerzen auslösen. – 

(2) In vielen Fällen können die Schmerzen nicht an der Großzehe, sondern an der Fußsohle auftreten, meist unter dem Grundgelenk der zweiten Zehe.

3. Begleitveränderungen

Wenn die große Zehe sich weit in Richtung der benachbarten zweiten Zehe verbiegt, bringt sie diese oft in große Bedrängnis. Allein der enge Kontakt der beiden Zehen kann unerträgliche Schmerzen auslösen und sogar zu schmerzhaften Hühneraugen zwischen den Zehen führen. Später können sich  beide Zehen vollständig überkreuzen („Digitus superductus“). Außerdem können die kleinen Zehen ihre Beweglichkeit verlieren und in einer Beugestellung einsteifen („Hammerzehen“). Dann stoßen sie oft auch an der oberen Schuhwand an, was ebenfalls sehr schmerzhaft ist.

4. Vor allem bei Frauen

Die Ballenbildung der Großzehe betrifft zu über 90 % Frauen. Meist beginnen die Beschwerden zwischen dem 30. und 50. Lebensjahr. Aber auch Jugendliche, ja sogar Kinder können schon betroffen sein. Als Ursache werden unter anderem ungesunde Schuhe angesehen (siehe auch die folgenden Tipps). Bei Frauen sind die Gelenkbänder zudem von Natur aus weicher und dehnbarer. Auch Vererbung kann von Bedeutung sein. Wenn Mutter und Großmutter bereits damit belastet waren, sollte man deshalb schon früh mit der Vorbeugung beginnen (siehe auch Tipps Nr. 5 und 12).

5. Für die Behandlung zentral wichtig: richtige Schuhe

Fast alle Experten bestätigen, dass fußgerechte Schuhe nicht nur der Entstehung des Hallux valgus vorbeugen, sondern auch die Beschwerden lindern können. Empfehlenswert sind Schuhe, die 

(1) nicht spitz, sondern vorne rund und weit sind und die (2) eine höchstens mittlere Absatzhöhe von 3–4 cm haben. Für den Fuß hilfreich sind zudem ein weiches Oberleder und eine gute Innenpolsterung. Auch Sandalen können sinnvoll sein. Zu Hause können auch hinten offene Schuhe mit einer breiten Schlaufe vorn und einem guten Fußbett empfehlenswert sein.

6. Welche Schuhmodelle sind zu empfehlen?

Von zahlreichen Mitgliedern wurden uns Schuhe empfohlen. Fußgerechte und dennoch elegante Schuhe werden in verschiedenen Ausführungen z. B. von den folgenden Marken an geboten: 

(1) FinnComfort (Marke der Schuhfabrik Waldi, Walter-Tron-Str. 2, 97437 Haßfurt/Main, Tel.: 0 95 21-9 23 30, Internet: www.finncomfort.de; ein kostenloser Katalog kann angefordert werden). 

(2) Ganter (GANTER Shoes GmbH, Joseph-Lorenz-Str. 2, A-4775 Taufkirchen/Pram), Tel.: 0 20 43/95 71 91 57, Internet: www.ganter-schuhe.com.

7. Sind Turnschuhe empfehlenswert?

Das Tragen von guten Turnschuhen auf dem Weg zur Arbeit oder auf Reisen kann die Füße schonen helfen, sofern sie auch gut belüftet sind. In den USA sieht man heute in den Großstädten viele Männer und Frauen, die auf dem Weg zur Arbeit Turnschuhe tragen, die sie erst im Büro gegen die üblichen Geschäfts-Schuhe austauschen. Sehr ermutigend: Seitdem viele Mädchen und junge Frauen konsequent nur gesunde und fußgerechte Schuhe tragen und wissen, wie wichtig dies für ihre Füße ist, beobachten viele Experten bereits einen deutlichen Rückgang des Hallux valgus

8. Dehnungsübungen für die Achilles-Sehne

Viele Frauen mit Hallux valgus haben gleichzeitig eine verkürzte Achilles-Sehne. Bei jedem Schritt wird damit die Belastung auf den Vorfuß noch erhöht. Auch eine überwiegend sitzende berufliche Tätigkeit, z. B. im Büro, trägt bei vielen Menschen zu einer Verkürzung der Achilles-Sehne noch zusätzlich bei. Experten empfehlen daher ihren Patienten oft, neben der Wahl gesunder Schuhe, auch stündlich Dehnübungen für die Achilles- und Knie-Sehnen durchzuführen. Hierbei werden (1) die Fußspitzen hochgezogen und dann (2) noch zusätzlich die Knie durchgedrückt.

9. Schaumstoff-Keil?

Zu den oft empfohlenen Hilfsmitteln bei Hallux valgus gehören in vielen Ländern sogenannte Zehenspreizer aus weichem angenehmem Material (z. B. Silikon), die viele als hilfreich empfinden. Sie werden zwischen der Großzehe und der zweiten Zehe getragen und reduzieren oftmals die Beschwerden. Tagsüber können sie nur verwendet werden, wenn im Schuh wirklich genügend Platz ist. Manche tragen sie deshalb auch nachts unter Strümpfen und berichten über eine gewisse Erleichterung damit. Sie sind im schuhorthopädischen Fachhandel direkt und rezeptfrei erhältlich.

10. Hallux-valgus-Schiene

Ein Hilfsmittel, das vor allem für nachts bestimmt ist, aber auch in weiten Sportschuhen tagsüber getragen werden kann, ist die Hallux-Schiene mit Namen „Hallufix“. Zum Teil kann die verkrümmte Großzehe damit fast vollständig begradigt werden. Dies bringt manchmal eine gewisse Erleichterung. Allerdings kann die Fehlstellung damit nicht beseitigt werden. Auch können sich viele Frauen aus ästhetischen Gründen nur schwer für diese Methode entscheiden. Wer sie aber versuchen möchte, kann sie sich vom Arzt auf Rezept verordnen lassen.

11. Muss stets operiert werden?

Die operative Behandlung des Hallux valgus hat sich in den letzten Jahren erheblich gewandelt. Es liegen heute nicht nur feinere und genauere Operationstechniken vor. Auch hat die Häufigkeit der Operation in manchen Ländern deutlich zugenommen. In Deutschland wird schätzungsweise jeder dritte Patient mit einem Hallux valgus operiert. Viele Ärzte sagen aber auch: „Wenn Sie die richtigen Schuhe tragen, brauchen Sie ein Leben lang nicht operiert zu werden.“ Entscheidend für den Entschluss zur OP ist jedoch der Leidensdruck und die Intensität und Dauer der Schmerzen

12. Vorbeugung: schon bei Kindern

Eine Studie in Hongkong (China) zeigt, dass Menschen, die ein Lebenlang nur barfuß laufen, so gut wie nie einen Hallux valgus entwickeln. Diejenigen Frauen in der gleichen Stadt aber, die westliche Schuhe trugen (vorne spitz und hohe Absätze), entwickelten die Verformung genauso häufig wie bei uns. Viele Ärzte empfehlen daher schon bei Kindern folgendes Vorgehen beim Schuhkauf: Den Fuß (mit Strumpf) mit einem Bleistift auf Papier umfahren, diese Form ausschneiden und nur solche Schuhe kaufen, in die diese gut hin einpasst und vorn noch 2 cm Platz lässt


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