Deutsche Arthrose-Hilfe e.V. - Arthrose-Info-Nr.37
Bei kaum einem anderen Gelenk sind in den letzten Jahren so große Fortschritte in der Diagnostik und Therapie erzielt worden wie beim Schultergelenk. Die heute mit Abstand häufigste Diagnose trägt einen Namen, den vor wenigen Jahren noch niemand kannte, der aber inzwischen universell verbreitet ist: das Impingement-Syndrom (gesprochen „impinschment“). Nachdem wir in den ARTHROSE-INFOS Nr. 17 und 27 bereits zahlreiche nützliche Tipps bei Arthrose der Schulter zusammengestellt haben (die wir nochmals bestens empfehlen können), möchten wir nun zu diesem früheren Stadium des Impingement-Syndroms einige nützliche Informationen geben.
„Impingement“ bedeutet „Anstoßen“, „Einklemmen“. Beim Impingement-Syndrom kommt es zu einem Anstoßen des Gelenkkopfs mit seinen Sehnen am Schulterdach und am Schleimbeutel, wodurch heftige Schmerzen ausgelöst werden. Besonders typisch sind dabei Schmerzen, die nicht bei hängendem Arm auftreten, sondern erst ab einem bestimmten Hebewinkel. Meist treten sie erst ab 60 Grad seitlicher Armhebung auf und hören nach weiterem Anheben über 120 Grad hinaus wieder auf. Der Arzt nennt diese typischen Beschwerden den „schmerzhaften Bogen“.
Ebenso typisch sind Schulterschmerzen, die nachts im Schlaf auftreten. Beim Liegen auf der Seite wird man dann oft von heftigen Schmerzen geweckt, kann manchmal trotz der Einnahme von Schmerzmitteln nicht weiterschlafen, irrt verzweifelt in der Wohnung umher und sucht oftmals in einem Sessel Zuflucht. Auch eine leichte Unterkühlung der frei liegenden Schulter im vielleicht etwas zu kühlen Schlafzimmer wird meist nicht gut vertragen und kann bereits Schmerzen auslösen. – Welches sind nun die häufigsten Ursachen für diese genannten Symptome?
Zwischen Gelenkkopf und Schulterdach befinden sich Sehnen sowie zartes Schleimbeutel-Gewebe, das die Bewegung der Schulter erleichtert. Wenn sich Sehnen und Schleimbeutel entzünden (Tendinitis, Bursitis), dabei aufquellen und anschwellen, wird der Platz über dem Gelenkkopf schnell zu eng. Bestimmte Bewegungen können dann das angeschwollene Gewebe einklemmen und zu unerträglichen Schmerzen führen. Oft entwickeln sie sich nach Überkopftätigkeiten wie Fensterputzen, Tapezieren, Obstpflücken oder Üben des Tennisaufschlages – meist erst am nächsten oder übernächsten Tag.
Vor allem zwischen dem 30. und 50. Lebensjahr neigen bestimmte Sehnen des Schultergelenks zu einer zunehmenden Verkalkung, ohne dass man davon etwas bemerkt. In einigen Fällen können diese Kalkherde zu einer beträchtlichen Verdickung der betroffenen Sehne führen, immer mehr Platz beanspruchen und auch heftige Schmerzen auslösen. Die genaue Ursache für diese Verkalkungen, die sich bei 7 Prozent aller Schulterpatienten finden, ist bisher noch nicht bekannt. Sehr positiv: Die Kalkherde lösen sich oft von selbst wieder auf oder können notfalls mit einer Gelenkspiegelung entfernt werden.
Seit Herr Prof. Neer in New York im Jahr 1972 die Häufigkeit des „Impingement-Syndroms“ betonte, ist die Bedeutung des Schulterdachs intensiv erforscht worden. Inzwischen ist seine schützende Funktion wohl bekannt. Man schätzt aber auch, dass bei ca. 30 % der Fälle das Schulterdach zu tief steht und für Schmerzen mitverantwortlich ist. Da das Schulterdach oft als „Outlet“ bezeichnet wird, spricht der Arzt dann vom „Outlet-Impingement“. Eine anlagebedingte Hakenform (Typ III) oder eine Arthrose im Schulter-Eckgelenk (s. INFO Nr. 17) sind häufige Ursachen des Outlet-Impingements.
Viel häufiger, als man es noch vor wenigen Jahren wusste, treten bei vielen Erwachsenen unbemerkt Risse in wichtigen Sehnen der Schulter auf, ohne dass sie je einen Unfall gehabt hätten. Bei nicht weniger als 35 % aller 60-Jährigen kann man einen teilschichtigen Riss der wichtigen Supraspinatus-Sehne feststellen, bei 12 % sogar einen vollständigen Riss. Da die gesunde Sehne den Gelenkkopf nach unten drückt, führt ein Riss dieser Sehne zu einem Hochsteigen des Gelenkkopfs an das Schulterdach, zum schmerzhaften Anstoßen (Impingement) oder sogar zu einer schweren Arthrose (s. INFO Nr. 27).
Wenn die Schulter schmerzt, sollte man möglichst früh zum Arzt gehen. Nur wenn die genaue Ursache rasch geklärt wird, kann auch eine zunehmende Einsteifung des Gelenks verhindert werden. Neben Röntgenaufnahmen führen viele Ärzte heute eine Ultraschall-Untersuchung („Sonographie“) oder eine MRT-Untersuchung durch. Damit können sie sowohl Entzündungen (siehe Tipp Nr. 3) als auch Sehnenrisse (Tipp Nr. 6) gut erkennen. Auch bestimmte schmerzhemmende Injektionen können für die Diagnosestellung und die Therapie hilfreich sein.
Neben verschiedenen ärztlichen Maßnahmen, zu denen auch Injektionen und Elektrotherapie gehören können, gilt heute die behutsam aufbauende Krankengymnastik als besonders wichtig. Meist strebt man dabei folgende Ziele an: (1) das Gelenk beweglich halten, (2) eine Körperhaltung erlernen, die die Schulter nach unten führt, (3) bestimmte Schultermuskeln kräftigen, die den Gelenkkopf nach unten führen und (4) die Entzündung vermindern. Auch die Teilnahme an einer „Rückenschule“ (INFO Nr. 5) kann später nützlich sein. Wichtig ist es, die erlernten Übungen täglich durchzuführen.
Wenn alle anderen Maßnahmen nicht geholfen haben, können auch operative Behandlungen an der Schulter sehr erfolgreich sein. Die einfachste und schnellste Operation ist die sogenannte Gelenkspiegelung (Arthroskopie), bei der durch kleine Öffnungen eine Kamera und Instrumente eingeführt werden, die dann mithilfe eines Fernsehbilds gesteuert werden. Damit können u. a. Kalkherde entfernt (siehe Tipp 4) und ein zu tief stehendes Schulterdach geglättet und erweitert werden (sog. „Defilée-Erweiterung“ oder „Dekompression“, siehe auch Tipp 5). Auch Sehnenrisse können genäht werden.
Wenn ein vollständiger Sehnenriss z. B. der sogenannten Supraspinatus-Sehne vorliegt und diese genäht werden muss, wird auch dies heute nicht „offen“, sondern arthroskopisch operiert. Viele Experten bestätigen, dass dies bei aktiven Menschen auch im sechsten oder siebten Lebensjahrzehnt sinnvoll sein kann. Wer aber diesen Eingriff scheut und auch mit weniger Kraft und Beweglichkeit zurechtkommt, kann oft bereits mit regelmäßiger Krankengymnastik und täglichen Übungen zu Hause auch ohne Operation ein einigermaßen zufriedenstellendes Ergebnis erzielen.
Ein bekannter französischer Schulterspezialist gab uns den folgenden Hinweis, der sich bei seinen Patienten bewährt hat: Beim Impingement-Syndrom bitte nie im Büro oder abends beim Fernsehen die Ellenbogen auf Stuhl- oder Sessel-Lehnen abstützen. Ebenso sollte man sich nicht mit den Armen auf der Tischplatte abstützen. Besser ist es, wenn die Ellenbogen frei am Körper pendeln, wodurch die empfindlichen Schultergelenke entlastet werden.
Auch viele Überkopf-Arbeiten im Haushalt gilt es in dieser Zeit eher zu vermeiden. Solange die Schultern nicht ganz gesund sind, sollte man nicht selbst die Wäsche aufhängen, nicht selbst Fenster putzen und auch keinen Hausputz machen. Schwerere Gegenstände, zu denen auch Kochtöpfe, Geschirr oder Betttücher gehören, sind für diese Zeit am besten in Handhöhe zu platzieren. Das Gleiche gilt für große Bücher. Es empfiehlt sich, sie nicht selbst aus hohen Regalen herunterzunehmen. Familienangehörige oder Berufskollegen werden dabei sicher gern behilflich sein.